2. Dezember 2012 12:53 Münchner Bahnhofsviertel Reizende Gegend

Von Stephan Handel

Okay, schön ist anders. Und so manch einer verliert hier sein mühsam erspartes Geld, ohne dass der Verstand das registriert. Trotzdem ist das südliche Bahnhofsviertel eine Attraktion - und ein Ort, an dem sehr viele unterschiedliche Menschen ihr Glück suchen.

Spielhallen, Hotels und Nachtclubs: Bei vielen Menschen hat das Bahnhofsviertel keinen guten Ruf.

(Foto: Stephan Rumpf)

Neulich, da hat er 1800 Euro verloren in nur wenigen Stunden. Zwei Euro rein, wieder zwei und noch einmal, geflucht und gewartet und noch einmal nachgeschmissen. Dann war das Geld weg, sagt der junge Türke, und dass er 1900 Euro verdient im Monat, inklusive Nebenjob. Einen Monatsverdienst hat der Automat gefressen, "die Frau hätt' mich fast rausgeschmissen". Er zuckt mit den Schultern. "Kann passieren." Dann geht er vor die Tür, um den Tabakgeruch aus seinem Mund aufzufrischen.

Teppichböden, Topfpflanzen, Spiegel, Säulen, dunkles Holz an den Wänden - die "Casinothek" in der Schillerstraße tut das Möglichste, nicht als das zu erscheinen, was sie ist: ein Münzgeld-Grab, ein Hoffnungsvernichter, ein Verlust-Reich. Zwölf Geldspielautomaten blinken und piepsen, dazwischen steht eine Gruppe von Menschen, die aussieht, als sei der Landfrauenausflug versehentlich im Puff gelandet. Da nützt es auch nichts, dass Mehmet Celikoglu, der Geschäftsführer, Schnittchen servieren lässt.

Es ist nämlich so, dass das südliche Bahnhofsviertel, dieses nur drei Längs- und fünf Querstraßen zählende Plätzchen zwischen Bayer-, Sonnen-, Landwehr- und Paul-Heyse-Straße zwar über 30.000 Arbeitsplätze verfügt, aber ebenso über 3000 Menschen, die hier wohnen, und die sich um ihr Viertel genauso Gedanken machen wie der Sendlinger oder der Giesinger.

Deshalb haben einige Aufrechte unter ihnen vor ein paar Jahren einen Verein gegründet, der es sich zur Aufgabe gesetzt hat, "die Quartiersidentität und das Quartiersbewusstsein nach Außen als auch nach Innen fördern". Dies soll heute geschehen durch eine Exkursion an Orte, die die meisten Teilnehmer wohl eher nicht freiwillig betreten würden: Spielcasinos sollen besichtigt werden.

"Sagen'S halt nicht immer Spielhölle", fährt Gerhard Strunz in freundlichem Ton Fritz Wickenhäuser an, womit die beiden Protagonisten - um nicht zu sagen: Antagonisten - auch schon vorgestellt sind: Strunz, "Automaten Strunz GmbH", betreibt drei Spielcasinos im Bahnhofsviertel, weitere in der Stadt und der Umgebung und ist außerdem Mitglied im Vorstand des Bayerischen Automatenverbandes. Fritz Wickenhäuser, der neben einem Regenschirm auch einen Professorentitel trägt und so aussieht, als sei für ihn das Wort "soigniert" erfunden worden, war Hotelier mit mehreren Standorten im Bahnhofsviertel, das Unternehmen wird heute von seiner Tochter Kathrin geführt.

Wickenhäuser sagt, der Verein habe schon einiges erreicht, und damit meint er nicht nur den Christbaum, der am heutigen Samstag in der Goethestraße aufgestellt wird, um "die Botschaft des friedlichen Miteinanders von Religionen, Kulturen und Nationen" in die Welt respektive das Bahnhofsviertel zu bringen.

Im vergangenen Jahr haben sie es geschafft, die Immobilienbesitzers des Quartiers - zumindest 40 von ihnen - zusammenzubringen, und ihnen die Selbstverpflichtung abgenommen, wenigstens ihre Erdgeschosse nicht mehr an Spielcasinos zu verpachten. Gerhard Strunz ist das vermutlich egal, denn sein "City Play" an der Bayerstraße liegt sowieso im ersten Stock und ermöglicht einen atemberaubenden Ausblick auf Straßenbahnhaltestelle und Currywurststand.

Und dass die Casinos, so sie noch ebenerdig situiert sind, ihre Fenster mit undurchsichtigen Folien verklebt haben, dafür können ja die Casinos nichts, sagt Strunz - das sei Gesetz, weil der vorbeiflanierende Passant nicht durch den Anblick der Automaten zum Eintreten verleitet werden soll, was offenbar unmittelbare Spielsucht zur Folge hätte. Wickenhäuser kritisiert genau diese Form der Fassadengestaltung: Vor einem zugeklebten Fenster halte sich ja niemand auf, der Platz werde somit dem öffentlichen Leben entzogen.

Vor einem Sexshop steht eine Puppe in weihnachtlichtem Kostüm.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nun ja - beim Rundgang durch Goethe- und Schillerstraße sieht es nicht so aus, als ob das öffentliche Leben verklebte Fenster panisch fliehen würde: Überall stehen Menschen auf der Straße, rauchen, unterhalten sich. Der Vorwurf Wickenhäusers zeigt aber, von anderer Warte aus betrachtet, den Kern des Problems:

Wird nicht seit Jahren öffentlicher Raum der Öffentlichkeit entzogen, indem an allen Ecke, Enden und Zentren der Stadt Shopping Malls entstehen, die ja nichts anderes sind als überdachte Einkaufsstraßen, mit dem Unterschied, dass in ihnen die Hausordnungen privater Unternehmer gelten statt dem Recht des öffentlichen Raums? In ihnen haben Spielcasinos keinen Platz, auch nicht Sex Shops und Tabledance-Bars, und erst recht keine Bettler und keine Obdachlosen. Diese Plätze sind nicht zum Herumhängen gedacht, sondern zum gezielten Konsumieren, rein, aussuchen, bezahlen, fertig. Besuche ohne Konsum sind nicht vorgesehen.

Aber sauber ist es dort, ungefährlich und grammatikalisch korrekt - nicht so wie im Bahnhofsviertel, wo einer der zahlreichen Import/Export-Läden sein verwegenes Sortiment mit Aufklebern anpreist, unter anderem gibt es Elektro Artikeln, Hausartikel Waren und Geschenk Waren. Hier starb vor wenigen Jahren eine Prostituierte in der Videokabine einer Spielhalle, hier fuhr Rudolph Moshammer mit dem Rolls Royce herum und fragte junge Männer nach dem Weg und anderem.

Eine Teilnehmerin des Rundgangs sagt zu Gerhard Strunz, sie habe Angst vor den Spielsüchtigen, wegen der Beschaffungskriminalität - eine irrationale Furcht, denn die meisten Studien zeigen, dass Spielsüchtige, wenn sie denn kriminell werden, eher nicht zu Gewalt neigen, sondern zu Betrug und Unterschlagung.

Das Bahnhofsviertel ist so etwas wie die räudige Tochter der Stadt - halbseiden, ungezähmt, multikulturell, ja, auch das: Nirgendwo sonst in der Stadt gibt es so viele ausländische Gemüsehändler und Lebensmittelläden, denen ihre 40 Quadratmeter schon zum Schild "Supermarkt" reichen und in denen verschleierte Frauen finden, was sie brauchen für den täglichen Bedarf.

Fritz Wickenhäuser erklärt den hohen Ausländeranteil pragmatisch mit der Nähe des Bahnhofs, die Leute seien angekommen und gleich hier geblieben. Aber das ist höchstens die halbe Wahrheit - wegen der Sexshops, wegen der Spielcasinos, wegen der Wettbüros umweht das Viertel nicht der beste Ruf, was wiederum zur - positiven - Folge hat, dass sich hier auch sozial Schwächere die Mieten leisten können.

Außen aufgehübscht

Zwar ist in den letzten Jahren einiges entstanden, was das Viertel zumindest nach außen hin schicker gemacht hat, zumeist Hotels - das Sofitel in der Bayerpost, das Le Meridien, das Rilano, das Cocoon. Dennoch dürfte das Bahnhofsviertel von der Gentrifizierung so weit entfernt sein wie die Parkstadt Solln vom Sozialwohnungsbau.

Der Verein südliches Bahnhofviertel hat einen Weihnachtsbaum in der Goethestrasse aufgestellt und Wunschzettel daran aufgehängt.

(Foto: )

Die Spielcasinos werden weniger werden, weil der Markt bald gesättigt sein dürfte, wie sogar Gerhard Strunz zugibt - die Menge der Leute, die bereit sind, ihr Geld aufs Spiel zu setzen, wird wohl nicht unbegrenzt wachsen. Sexshops und Tabledance-Bars haben schon jetzt einen schweren Stand, weil alle Arten und Abarten der Kopulation ohne weiteres zu Hause am Computer anzuschauen sind. Außerdem, findet Fritz Wickenhäuser, "gehört das alles zum Flair".

Dunkel ist's geworden, als der Spielhallenrundgang zu Ende ist und die Teilnehmer wieder auf die Straße treten. Die Neonröhren schalten sich ein, nun wird das Bahnhofs- wirklich zum Rotlichtviertel, außerdem zum Grün-, Gelb und Blaulichtviertel. Viel los ist immer noch auf den Gehsteigen, und der Gedanke scheint nicht abwegig, dass der Mensch hier nachts weniger Angst haben müsste als, zum Beispiel, auf einer einsamen Allee in Nymphenburg.

Die Gemüsehändler räumen ihre Kisten rein, die Spielcasinos schalten die Außenreklame an, der Handy-Händler arrangiert ein gebrauchtes Telefon im Schaufenster, über dessen Herkunft er wahrscheinlich lieber nicht so genau Bescheid wissen will. Und heute Nachmittag stellt Fritz Wickenhäuser einen Christbaum auf.