Zum Tod von Peter Scholl-Latour Einer, der nie die Neugier verlor

Peter Scholl-Latour ist im Alter von 90 Jahren gestorben (Archivbild von 2005).

(Foto: DAH)

Er gehörte zu den bekanntesten Journalisten Deutschlands - aber im Land der Besserwisser auch zu den umstrittensten: Peter Scholl-Latour erklärte seinen Lesern und Zuschauern unermüdlich die komplizierte Weltpolitik, bereiste fast alle Länder dieser Welt. Er wurde 90 Jahre alt.

Von Tomas Avenarius, Kairo

Es gibt Journalisten-Bücher, deren Titel mehr erzählen als ihr eigentlicher Inhalt und die sogar diejenigen kennen, die das Buch nie aufgeschlagen haben. "Der Tod im Reisfeld" gehört dazu. Es hat den Reporter Peter Scholl-Latour in Deutschland berühmt gemacht - sein Buch ist ganz unabhängig von der Story zum Smalltalk-Synonym für das Thema Vietnam-Krieg geworden. Der Mann, der es geschrieben hat, war einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands und blieb bis zum Schluss auch einer der Umstrittensten: Scholl-Latour galt den einen als Doyen des deutschen Auslandsjournalismus und profunder Kenner der islamischen Welt und Asiens, während andere über ihn spotteten oder schimpften. In Deutschland, dem Land der Besserwisser und der Professoren, gilt es eben noch immer als anrüchig, wenn einer in seinen Dokumentarfilmen oder Büchern und in Talk-Shows komplizierte Dinge im Interesse der Verständlichkeit stark herunter bricht und, ja, manchmal auch ein bisschen sehr stark vereinfacht.

Gleich, ob sie ihn bewunderten oder kritisierten: Der Journalist Scholl-Latour hat Dinge erlebt, um die alle seine Kollegen ihn, professionell betrachtet, nur beneiden können. Als Fernsehjournalist, der für das französische Fernsehen aus dem Vietnam-Krieg berichtete, wurde er 1973 mit seinem Team von Vietcong gefangengenommen. Wie auch immer er es schaffte, die Partisanen zu überreden, in den acht Tagen seiner Gefangenschaft bei ihnen eine Dokumentation drehen zu dürfen: Der Film "Acht Tage bei den Vietcong" wurde ausgestrahlt.

Peter Scholl-Latour und - von links nach rechts - Tonmann Dieter Hofrath, Assistent Klaus Pattberg und Kameramann Joseph 'Joschi' Kaufmann nach ihrer Freilassung aus Vietcong-Gefangenschaft.

(Foto: dpa)

1978 wurde Scholl-Latour Augenzeuge der Islamischen Revolution in Iran. Der deutsche Fernsehmann saß mit im Flugzeug, als Ayatollah Ruhollah Chomeini am 1. Februar aus dem Exil von Paris zurück nach Teheran flog. Die Luftwaffe des Schahs, dessen Herrschaft mit der Ankunft des schiitischen Revolutionsführers definitiv endete, hatte angedroht, den Air-France-Jet vor seiner Landung abzuschießen. Geschossen wurde nicht, der deutsche Korrespondent durfte den Ayatollah beim Beten auf dem Flugzeuggang drehen, stieg mit ihm in Teheran aus dem Flieger. Dann zeigte er sich raffinierter als seine Kollegen: Während die anderen dem umjubelten Chomeini durch die Menge aus Millionen Menschen in die Stadt zu folgen versuchten, flog Scholl-Latour zurück und sendete von Paris aus seinen Bericht. Exklusiv, denn die anderen TV-Leute waren ja in Teheran geblieben und das Fernsehen war Ende der siebziger Jahre eher eine langsame, technisch schwierige Angelegenheit.

Anfänge bei der "Saarbrücker Zeitung"

Scholl-Latour, Sohn eines deutschen Mediziners und einer Elsässerin wurde 1924 in Bochum geboren, hatte in der Nazi-Zeit wegen seiner jüdischen Herkunft große Probleme, war sogar in Gestapo-Haft. Immer stark nach Frankreich hingezogen, kämpfte er nach dem Krieg als französischer Fallschirmjäger in Indochina, bevor Washington den Dschungel-Krieg von Paris erbte. Er studierte Politik und Islamwissenschaft an der Sorbonne, später im frankophonen Libanon und heuerte dann bei der Saarbrücker Zeitung an, für die er durch die Welt zog: Afrika, Asien, der Nahe und Mittlere Osten.

Nach einer kurzen Zwischenstation als Regierungssprecher im Saarland ging er für die ARD als Korrespondent nach Afrika, später nach Paris, saß dann für eine Weile auf einem hohen Fernseh-Funktionärsposten beim WDR. Wirklich bekannt wurde er mit seinen Berichten aus dem Vietnam-Krieg, wechselte Anfang der 80er Jahre als Chefredakteur zum Stern, der damals noch etwas zählte in Deutschland. Nach einer Zeit auch auf der Gruner-und-Jahr-Verlagsebene machte Scholl-Latour sich selbständig und arbeitete in eigener Regie: Zeitung, Fernsehen, Bücher. Die Kriege im Irak, in Afghanistan, das zerfallene Sowjetreich, der al-Qaida-Terror, der 11. September - "Scholl" fühlte sich fast überall zuständig und reiste bis ins hohe Alter, so dass man ihm in Kairo oder Najaf über den Weg laufen konnte.