W&V: Schönrechnerei in Statistiken Zahlen lügen doch

Marketingmanager, Fernsehmacher, Marktforscher - alle stützen ihre Arbeit auf Zahlen. Aber sind diese auch zuverlässig? Ein zweiter Blick lohnt sich, sagt Werbetexter Jens Jürgen Korff.

Von Christof Wadlinger

Mindestens zweimal hinschauen und möglichst noch ein paar Fragen stellen. Das empfiehlt Jens Jürgen Korff bei nahezu jeder Zahl außer vielleicht 4711, die einem täglich präsentiert wird. Denn mit Statistiken wird nach allen Regeln der Kunst getäuscht und gelogen.

Beispiele hat der Hiddenhausener Werbetexter zusammen mit dem Fachhochschulprofessor Gerd Bosbach (RheinAhrCampus, Remagen) in dem jüngst erschienenen Werk "Lügen mit Zahlen" (Heyne-Verlag) gesammelt. Egal ob Schaubilder den Bedeutungsverlust klassischer Medien, die Überalterung der Gesellschaft oder die Entwicklung von Online-Werbung zeigen - Korff findet meist etwas auszusetzen.

Immer erst mal schauen, wer der Absender von Untersuchungen ist, rät Korff, denn "der wird gewisse Interessen verfolgen". Beliebt ist es dabei etwa, Kurven steiler und eine Entwicklung dramatischer darzustellen - indem Diagramme statt bei 0 bei irgendeinem anderen Wert anfangen.

Ähnlich verbreitet ist es, ausschließlich mit Prozentwerten zu argumentieren. Hier muss aber erst mal die Ausgangsbasis her: "Prozent von was?", fragt Korff. Die Betrachtung der absoluten Werte vermittle häufig ein anderes Bild.

Generell basieren viele Umfragen und Ergebnisse auf vorsortierten Stichproben. So liegt es nahe, dass das Internet bei Fragen zur Mediennutzung besonders gut wegkommt, wenn es sich um eine Online-Umfrage handelt. Allerdings ist jede Stichprobe allein durch Art oder Zeit der Befragung gefiltert, räumt Korff ein.

Ganz schwierig werde es, wenn Prognosen angestellt werden - als ob man wirklich die Zukunft voraussagen könne, wundert sich Korff. In der Regel werden nur Vergangenheitstrends fortgeschrieben. Oft sei dabei zu beobachten: Sobald einer den Mut habe, eine Marke zu setzen, siedelten andere sich in dessen Nähe an.

Und wer mit Zahlen bei der Wahrheit bleiben will? Als seriös sieht es Korff etwa, mit Größenordnungen zu argumentieren: Statt einem exakten Wert wird eine Bandbreite, in der er liegen dürfte, aufgezeigt. Ob derjenige, der viel Geld für eine Studie bezahlt, sich damit begnügt, ist jedoch ein eigenes Thema. Aber "wer exakte Zahlen will, fordert andere zum Lügen auf", warnt Korff.

Die vielen Unwahrheiten mit Zahlen ärgern dabei längst nicht nur ihn: Im April erscheint das Buch "So lügt man mit Statistik" von dem Dortmunder Hochschulprofessor Walter Krämer.