Vergangenheitsbewältigung Geschichte eines Verdachts

Ein Gutachten entlastet den Berliner DJV-Vorsitzenden von Stasi-Vorwürfen. Demnach wurde Bernd Lammel als IM geführt - ohne sein Wissen und ohne Verpflichtungserklärung. Der Vorgang sei "wenig bedeutsam". Für den Verband ist die Aufarbeitung damit beendet.

Von Jens Schneider

Diese Geschichte beginnt, wie Skandale meist beginnen. Erst schlägt ein Verdacht öffentlich hohe Wellen, es werden Konsequenzen gefordert. Vergeblich warnt jemand, es wäre doch wichtig, in Ruhe zu prüfen. Das Besondere an dieser exemplarischen Geschichte ist, dass sie in der Medienwelt selbst spielt - und ihr Ausgang.

Fast aus heiterem Himmel gerät der Name Bernd Lammel im Spätsommer 2015 für einen Tag in die Schlagzeilen, es ist ein Stasi-Verdacht. Lammel ist freier Fotograf, das war er schon in der DDR. Er hat auch zeithistorisch spannende Fotos gemacht. Eines zeigt Demonstranten, die 1989 am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, in Ostberlin von der Volkspolizei verfolgt werden. Er fotografierte heimlich, das Bild wird in den Westen geschmuggelt. Heute ist es Teil einer Ausstellung, die auf den Straßen Berlins an historischen Orten an die friedliche Revolution erinnert.

Für die Gutachterin ist der Fall im Vergleich "wenig bedeutsam"

Lammel ist auch Vorsitzender des Landesverbandes Berlin des Deutschen Journalisten-Verbandes DJV. Im Spätsommer 2015 berichtet zunächst der RBB über den Verdacht, dass Lammel unter dem Decknamen "IM Michael" in den Achtzigern für die Stasi gespitzelt haben soll. Die Geschichte wird schnell von anderen aufgegriffen. Sofort fordert der Bundesvorstand des DJV Konsequenzen: Lammel soll sein Amt ruhen lassen. In der Regel finden solche Geschichten für die Öffentlichkeit mit so einem Schritt ihr Ende.

Der Fotograf, heute 63, und sein Landesverband aber nahmen sich Zeit.

Seine Vorstandskollegen im Berliner Verband hörten ihn an und beschlossen, ein unabhängiges Gutachten in Auftrag zu geben. Ihr Chef sollte erst mal im Amt bleiben. Lammel äußerte sich nach außen zunächst gar nicht.

Die Klärung des Verdachts ist nicht einfach. Es gibt keine von Staats wegen berufene Instanz für so ein Gutachten. Unendlich viel ist seit dem Ende der DDR über die Stasi und ihre Akten geschrieben und auch geforscht worden. Es gibt die einst unter Joachim Gauck gewachsene und nun vom früheren Bürgerrechtler Roland Jahn geleitete Stasi-Unterlagenbehörde. Dort werden die Akten verwaltet und geführt, man kann sie als Betroffener einsehen, auch als Reporter zu konkreten Fällen. Aber für ein Urteil über einen einzelnen Fall braucht es Expertise, Hintergrundwissen zu Stasi-Methoden. Man sollte viele Akten gelesen haben, um einen Fall einordnen zu können.

Die Historikerin Francesca Weil hat für ihre Studien etwa über Ärzte in der DDR und Informelle/Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi intensiv Hunderte IM-Akten gelesen. Sie erfuhr so, "dass man IM nicht über einen Kamm scheren kann", sagt sie. "Man muss immer vom Einzelfall ausgehen." Weil arbeitet hauptberuflich am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden. Unabhängig davon studierte sie die Akten zu Lammel aus der Stasi-Unterlagenbehörde für den DJV Berlin. 26 Seiten hat ihr Gutachten, das der SZ bekannt ist.

Die Historikerin zeichnet den Fall exakt nach: Wie Lammel von einem Führungsoffizier kontaktiert und in den Akten geführt wird, ab 1984 als sogenannter IM-Vorlauf, später als "IM". Sie erzählt den Inhalt der wenigen Treffen mit dem Offizier nach, die es den Akten zufolge gegeben hat. Ihr Fazit ist nüchtern, differenziert. Es zeigt, dass der Fall für einen Skandal nicht taugt.

Lammel wurde demnach ohne sein Wissen als IM geführt, es liegt keine klassische IM-Akte vor, schon gar keine Verpflichtungserklärung. Lammel wusste aber, dass er mit der Stasi sprach. Das bestätigt der Fotograf auch heute. Sieben Treffberichte fand die Wissenschaftlerin vor, "vergleichsweise wenig für einen Zeitraum von sechs Jahren", sie wurden vom Führungsoffizier verfasst. Die Berichte seien nicht umfangreich, es würden keine Personen diffamiert, sie erscheinen als "wenig zweckdienlich für das MfS", also das Ministerium für Staatssicherheit. Weil nennt es eine verhaltene Berichtstätigkeit, im Vergleich zu anderen IM-Vorgängen "wenig bedeutsam".

Mit seinen 26 Seiten sei das Gutachten fast umfangreicher als die Akten, die zu Lammel bekannt sind, stellt Sascha Ilko-Kowalczuk in einem Zusatz zu Weils Arbeit fest. Er ist Projektleiter bei der Stasi-Unterlagenbehörde, er hat mit Stasi Konkret eines der wichtigsten Werke über das MfS geschrieben. Die Stasi-Vorwürfe nennt er "aufgebauscht".

Für den Berliner DJV-Landesverband sagt der stellvertretende Vorsitzende Jens Schrader, dass die Aufarbeitung der Vorwürfe beendet sei: "Neben dem wissenschaftlichen Gutachten bestätigen eigene journalistische Recherchen bei Zeitzeugen die Haltlosigkeit der Vorwürfe." Der Vorgang zeige die Notwendigkeit, "die gesellschaftliche Debatte über Fake-News, Mainstream-Medien und journalistische Glaubwürdigkeit mit einem klaren Plädoyer für einen starken Qualitätsjournalismus zu begleiten". Der Bundesvorstand des DJV kennt das Gutachten bereits. "Es ist für uns nachvollziehbar", sagt der Sprecher des DJV. Man teile das Fazit, dass Lammel im Amt bleiben könne.

Lammel hat die Sache aufgewühlt. Das ist in jedem Gespräch zu spüren. Unabhängig von der Gutachterin habe er alte Weggefährten aufgesucht, um zu ergründen, ob sein Kontakt zur Stasi Spuren im Leben anderer hinterlassen hat. Es habe ihn mit sich ins Reine gebracht, dass nichts zu finden sei. Er sei vielen begegnet, die sich nicht trauten, offen über damals zu sprechen. Er sagt: "Es ist, als ob über diesem Land ein Schleier hängt."