US-Serie "Girls" startet in Deutschland Entkrampfung durch fülllige Hüften

Es ist das radikale Gegenprogramm zu "Sex and the City": Die 26-jährige Lena Dunham hat mit der US-Serie "Girls" die passende Antwort auf den Schönheitswahn der Nullerjahre entwickelt. Ihre Heldinnen sind ein bisschen kaputt - dafür aber hemmungslos.

Von Anne Philippi

Klamotten, Schuhe und eine Steintreppe: In "Girls" geht es zwar auch um Frauenthemen - da hören die Gemeinsamkeiten zur Kultserie "Sex and the City" aber auch schon auf.

(Foto: AFP)

Lena Dunham ist die Sensation auf der Emmy-Aftershow-Party Ende September. Sie hat sich zerfallende Häuser auf ihre rechte und linke Schulter tätowieren lassen. Auch sonst ist Lena nicht typisch Hollywood. Ihre Augen umrahmt Kajalschwarz, die Abiturientinnen-Fussel-Haare sind getrimmt. Übrig geblieben ist ein Pixie-Haarschnitt und ein Prada-Kleid. Es betont Lenas etwas füllige Hüften.

Natürlich landet sie am Tag danach auf der "Worst Dressed Liste" des Abends. Und natürlich würden Menschen in ihrem Entertainment-Showbiz-Beruf so bekleidet nicht mal an die Tankstelle fahren. Trotzdem, Lena wirkt. Niemand starrt auf das aufplatzende Sexbomben-Kleid der kolumbianischen Schauspielerin Sofia Vergara am Nebentisch. Man drängelt sich um die Mauer um Frau Dunham und ihre Freundinnen, die alle not so Hollywood ausschauen (eben wegen: Tattoos, Raucherzähnen, Schweißflecken).

Lenas Vater, ein Künstler und älterer Herr mit grauen Schläfen, versucht die Tochter ein wenig abzuschirmen. Das gelingt ihm nicht. Im Sekundentakt rauschen Frauen und Mädchen auf Dunham zu. Eine angetrunkene Paris-Hilton-Blondine streichelt Lenas Tattoos, eine Dunkelhaarige in Chanel kniet vor ihr, zwei Freundinnen gestehen Dunham mit Tränen in den Augen ihre Liebe. Was nur hat Lena dafür getan?

Dunham hat die Serie Girls für HBO entwickelt und damit die Sex and the City-Manolo-Blahnik-Welt fürs erste erledigt. Dafür muss man Lena Dunham danken. Und was kann Girls jetzt für uns tun? Die Serie, die jetzt beim Pay-Sender Glitz in Deutschland startet, ist wie frische Luft im Fernsehen. Das ist untertrieben. Girls ist wie reiner Sauerstoff, der die letzten Hirnzellen erreicht, vom Effekt her wie eine Ohrfeige, die man gerade eben noch aushalten kann, sogar eigentlich ganz schön findet. Wovon erzählt die Serie?

Es geht um vier Mädchen aus New York. Alle in ihren Zwanzigern. Keine plant die riesengroße Karriere - das war der Serien-Stoff der 80er Jahre. Keine verspürt große Lust am Slacker-Dasein - darin versackten die 90er Jahre. Keine möchte über Schönheitsoperationen sprechen - wie in den frühen Nuller-Jahren.

Sex, Drogen und Selbsthilfebücher

Alle vier Mädchen hätten nichts dagegen, in einer glamourösen Welt zu leben. Aber sie wissen gar nicht mehr genau, wie die aussieht, weil ihr Land gerade den Bach runtergeht. Also machen sie irgendwie weiter. Mit Sex, mit Geldverdienen, mit Selbsthilfebüchern, die im Müll landen. Drogen kommen vor, aber sie sind von minderer Bedeutung. Girls beschreibt die USA im Jahr 2012. Die Wege, Geld zu verdienen und an Sex zu kommen, stehen in direktem Zusammenhang mit der bad economy. Darauf kann man fast alle irrsinnigen und masochistischen Aktionen abwälzen.

Den Girls schaut man dabei jedoch sehr gerne zu. Da ist Hannah, gespielt von Lena Dunham selbst, eine manisch-depressive Schreiberin, deren Eltern ihr gleich alles Geld für das College streichen, weil sie es für ihr Landhaus brauchen. Hannah hat die meiste Zellulite und den meisten Sex, und zwar mit einem Soziopathen namens Adam aus Brooklyn, der weit davon entfernt ist, Hannah irgendwo rausholen oder befreien zu wollen. Hannah lebt mit Marnie, einer hübschen Galerieassistentin zusammen, die im Alter von Mitte zwanzig bemerkt, dass sie besser mit Mitte zwanzig noch nicht heiraten sollte, obwohl das bisher ihre Lebensplanung bestimmt hat.

Dann gibt es Jessa, ein lustiges Schandmaul, vom Typ her eher reiche Erbin, mit einer Menge Boheme-Quatsch im Kopf und hohem Verführungsdrive. Und schließlich erlebt man noch Shoshanna, die alles widerspiegelt, was die übliche Erziehung einer weiblichen Person in den USA irgendwann fast zwangsläufig zur Folge hat: die Anbetung der Kardashians, roséfarbene, aber gemütliche Jogginganzüge, den Wunsch, Jungfrau bis 25 bleiben, um dann aber Crack zu rauchen und den ganzen schlimmen Druck loszuwerden.