Rudolf und Jakob Augstein "Spiegel"-Erbe: Martin Walser ist mein Vater

Freitag-Verleger Jakob Augstein enthüllt: Sein leiblicher Vater ist nicht Spiegel-Gründer Rudolf Augstein, sondern Autor Martin Walser.

Von Christina Maria Berr

Geraune in der Medien- und Literaturlandschaft: "Wusstest du ...?" heißt es überall. Die Antwort: Kopfschütteln. Nein, kaum einer wusste, was Jakob Augstein, der bisher als Sohn des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein galt, nun in einem Interview als bekannt voraussetzt: Sein leiblicher Vater ist der renommierte Schriftsteller Martin Walser ("Ehen in Philippsburg", "Ein fliehendes Pferd").

"Ich kann Ihnen das gerne bestätigen", gab der Augstein-Walser-Sohn der Berliner Zeitung bekannt.

In der Szene ist das eine Sensation. Sie weist auf die wilden sechziger Jahre, auf die Zeit des Protests gegen die erstarrte Gesellschaft und auf den Versuch, neue freie Formen zu finden. Der Spiegel mit seinem Vormann Rudolf Augstein war ein Symbol für Auflehnung, für gelebte Unabhängigkeit, spätestens seit der Spiegel-Affäre von 1962, in deren Folge der Verteidigungsminister Franz Josef Strauß gehen musste. Walser war zu dieser Zeit ein linker Schriftsteller.

Die Übersetzerin Maria Carlsson, die beispielsweise das Werk John Updikes ins Deutsche gebracht hat, machte angeblich Walser mit dem Spiegel-Verleger Augstein bei einem der Treffen der legendären Literatenverbindung "Gruppe 47" bekannt. Sie war die dritte Ehefrau des Publizisten - und ist die Mutter von Jakob Augstein. Das Wissen über die wahre Vaterschaft behielt sie lange für sich. In Bild erkärte sie, der Filius, der inzwischen die stramm linke Wochenzeitschrift Freitag verlegt, habe sich mit der Enthüllung "keinen Gefallen getan".

Selbst Fotografin Renate Mangold, die seit 1963 die Gruppe 47 fotografierend begleitete, wusste nichts von dem weiteren Sohn Walsers, der mit seiner Ehefrau vier Töchter hat. Auch im Personenlexikon "Munzinger" steht über Jakob Augstein: "Er ist ein Sohn des verstorbenen Spiegel-Herausgebers Rudolf Augstein und der Übersetzerin Maria Carlsson." Und Walser-Kenner Reinhard Wittmann ist das ebenfalls neu: "Ich bin überrascht und gratuliere ihm zu seinem Sohn", so der Leiter des Münchner Literaturhauses.

Keine Aufregung im Hause Walser

Seit der Enthüllung ist die Aufregung unter den vermeintlichen Walser- und Augstein-Kennern groß. "Hier nicht", kommentiert Martin Walser trocken auf Anfrage von sueddeutsche.de. Der 82-jährige Schriftsteller erklärt: "Inzwischen kann ich sagen, der Jakob ist in der Familie hier angekommen. Er versteht sich sehr gut mit meinen Töchtern und besucht uns." Und weiter: "Das ist es, womit wir leben und woran wir uns erfreuen."

Warum aber hat er sich selbst nie dazu geäußert - auch nicht in seinen publizierten Tagebüchern. "Hatte ich dazu Anlass?", fragt Walser. Über die Umstände, wie er von der Vaterschaft erfahren hat, will er ebensowenig sagen wie über sein Verhältnis zu Rudolf Augstein. Tatsache ist, dass die beiden bis zu Augsteins Tod im Jahr 2002 eng befreundet blieben. Unvergessen die langen Gespäche, die der Spiegel-Mann mit dem Literaten in Südfrankreich führte. Die beiden trafen sich nicht zuletzt auch im gemeinsamen Urlaub auf Sylt.

Martin Walser besuchte im Sommer 1966, so Walser-Experte Jörg Magenau in seiner Biographie (Rowohlt-Verlag), die Familie Augstein in deren Ferienvilla in Kampen. Das war vor Jakob Augsteins Geburt im Sommer 1967. Getroffen hatten sich Augstein und Walser schon früher. So kam es laut Magenau auch zu einer Begegnung Anfang Oktober 1962 beim damaligen Walser-Verleger Siegfried Unseld von Suhrkamp. Dieser wollte eine Zeitschrift gründen, Augstein sollte als Finanzierer gewonnen werden.

Jakob Augstein selbst hat von der Wahrheit erst nach dem Tod des Verlegers erfahren. Er wurde gleichwohl von Augstein senior als Miterbe eingesetzt, vertritt auch die Erbengemeinschaft im Spiegel-Verlag. Walsers Sohn als Gesellschafter beim Spiegel, auch keine schlechte Pointe.