Medienunternehmen Nachrichtenagentur dapd meldet Insolvenz an

Erst Vollgas beschleunigt, dann gegen die Wand gefahren: Die deutsche Nachrichtenagentur dapd beantragt ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Das überrascht umso mehr, als das Unternehmen noch bis vor kurzem sein Angebot stark ausgeweitet und Mitarbeiter eingestellt hatte.

Von Katharina Riehl und Claudia Tieschky

Die Nachrichtenagentur dapd hat am Dienstag Insolvenz angemeldet. Wie die mit der Insolvenzverwaltung beauftragte Kanzlei Metzeler von der Fecht am Dienstagabend mitteilte, hat das Amtsgericht Berlin Charlottenburg dem Antrag der dapd Nachrichtenagentur GmbH und der dapd Nachrichten GmbH auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung zugestimmt. Der Antrag wurde nötig, so hieß es in der Mitteilung, weil die Gesellschafter die weitere Finanzierung eingestellt hatten.

Am kommenden Donnerstag sollen Anträge von sechs weiteren dapd-Töchtern (dapd Korrespondenz und Recherche GmbH, dapd International Service GmbH, dapd Sport GmbH, dfd Foto Service GmbH, dapd video GmbH und News and Medien Service Exklusiv GmbH) folgen. Alle übrigen 18 Gesellschaften der Gruppe sowie die Holding, die dapd media holding AG, seien von der Insolvenz nicht berührt. Insgesamt seien 299 der 515 Mitarbeiter der dapd-Gruppe von den Insolvenzanträgen betroffen.

Wolf von der Fecht, Partner der Düsseldorfer Sozietät Metzeler von der Fecht, wirkt nun als alleiniger Geschäftsführer der insolventen Firmen, die bisherigen Geschäftsführer, Martin Vorderwülbecke und Cord Dreyer haben ihre Aufgabe mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Bestellter Insolvenzverwalter ist der Berliner Anwalt Christian Köhler-Ma. Cord Dreyer soll als Chefredakteur beratend wirken.

Die Nachricht ist deshalb so frappierend, weil die beiden Gesellschafter, Martin Vorderwülbecke und der Geschäftsmann Peter Löw, in den vergangenen drei Jahren eine beispiellose Expansion mit der dapd unternahmen. Durch strategische Zukäufe und eine aggressive Preispolitik griffen sie mit dapd sowohl in Deutschland den Marktführer dpa an, als auch in Frankreich die dortige Hauptnachrichtenlieferantin, die AFP, die auch ein Konkurrent auf dem deutschen Markt ist.

Mit einem "mittleren zweistelligen Millionenbetrag" finanzierten beide 2009 den Kauf der deutsche AP-Tochter, mit der die frühere ddp zur heutigen dapd fusionierte. In Frankreich gründete man mit der Tochter Sipa in diesem Jahr eine neue Nachrichtenagentur. Noch in der vorigen Woche war die Rede davon, dapd wolle einen neuen Unternehmenszweig eröffnen, der Entertainment-Inhalte produziert.

Zuletzt brachte es dapd so auf einen Jahresumsatz von 31,7 Millionen Euro. Beim jährlichen Sommerfest lobte Peter Löw noch das viele Neue, das entstanden sei. Dass die beiden Gesellschafter viel eigenes Geld in die Agentur gesteckt hatten, war stets klar.

Die dapd war ein Unternehmen von zwei Mäzenen, beide bekennende Katholiken. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Was nun geschieht erinnert an das Bild eines Wagens, der erst mit Vollgas beschleunigt und dann an die Wand gefahren wird. Bei der Betriebsversammlung am Dienstag in Berlin stellte Vorderwülbecke es aber offenbar als unausweichliche unternehmerische Entscheidung dar, den Geldhahn zuzudrehen. Man stellte sich gern als Einzelkämpfer gegen Monopolisten dar - als neuer Spieler, der endlich Wettbewerb erzwinge. Es sei nicht möglich, gegen eine feindliche Phalanx die Gleichbehandlung von dapd zu dpa und AFP in einem Zeitraum zu erreichen, der sich betriebswirtschaftlich rechne.

Der dapd-Vorstand war offenbar in die Entscheidung in keiner Weise einbezogen, das Management soll völlig überrascht worden sein. Woher kam der plötzliche Sinneswandel? Die Nachrichtenagentur sei "kein Gegenstand des Wirtschaftsverkehrs", hatte Vorderwülbecke noch vor kurzem gern behauptet. Nun hat er viel Vertrauen zerstört.

Die große Befürchtung der dapd-Führungskräfte, hört man, ist nun, dass die Gesellschafter Vorderwülbecke und Löw über Umwege an Bord bleiben wollen - etwa als Minderheitsgesellschafter, mit einem neuen Ko-Investor. Der neue Geschäftsführer Wolf von der Fecht, der auf Vorschlag der Gesellschafter berufen wurde, hat drei Monate Zeit, um eine tragfähige Lösung für das Unternehmen zu finden. Der Betrieb bei dapd soll weiterlaufen, die Agentur hat laufende Verträge zu erfüllen.

Hier die Meldung der dapd im Wortlaut:

"2. Oktober. Die dapd nachrichtenagentur und die dapd nachrichten haben heute ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung in Gang gesetzt. Weitere sechs Gesellschaften des dapd-Nachrichtenagenturbereichs werden am 4. Oktober folgen. Auf Vorschlag des Gesellschafters wurde Dr. Wolf von der Fecht, Partner der Düsseldorfer Sozietät Metzeler von der Fecht, zum alleinigen Geschäftsführer der insolventen bzw. von Insolvenz bedrohten Gesellschaften bestellt. Der Rechtsanwalt wird bis Ende November prüfen, in welcher Form für die Gesellschaften eine Fortführungsperspektive besteht.

Die dapd media holding AG begrüßt es, dass mit Herrn von der Fecht ein erfahrener Experte für Unternehmensrettung tätig wird. Der Vorstandsvorsitzende der dapd media holding AG, Dr. Martin Vorderwülbecke, wird die Arbeit des neuen Geschäftsführers nach Kräften unterstützen. Vorderwülbecke: Das neue Insolvenzrecht bietet Chancen, die wir gemeinsam nutzen werden, um für die Unternehmen und ihre Mitarbeiter zukunftsfähige Lösungen zu finden.

Auch während des vorläufigen Insolvenzverfahrens werden die dapd-Gesellschaften die Nachrichtenproduktion wie bisher fortsetzen. Kunden erhalten den gewohnten Service im gleichen Umfang und der gewohnten Qualität. Von dem Verfahren sind ausschließlich die acht Berliner Gesellschaften der dapd-Gruppe betroffen. Weitere 18 Gesellschaften, sowie die dapd media holding AG sind davon unberührt.

Der Vorstandsvorsitzende der dapd media holding AG, Dr. Martin Vorderwülbecke, wird seine Funktionen auf Holdingebene sowie in den nicht-insolventen Gesellschaften der Gruppe weiter ausfüllen. Vorderwülbecke dankt Cord Dreyer für seine Verdienste um die dapd nachrichtenagentur. Herr Dreyer hat die Geschäftsführung niedergelegt und ist aus dem Vorstand ausgeschieden. Herr Dr. von der Fecht hat Cord Dreyer gebeten, ihm als Chefredakteur beratend zur Seite zu stehen."