Manfred Bissinger wird 70 Mit der Enthüllungsgeschichte zur FDP

TV und Print, Illustrierte, linkes Monatsheft, Wochenzeitung und Verlagsgeschäftsführer: Manfred Bissinger ist ein "Täter", kein "Merker".

Von Willi Winkler

Wenn einer siebzig wird und sein Büro aufgibt, sich vielleicht noch einmal sinnend umsieht und dann das Haus für immer verlässt, sind feierliche Worte fällig. Sie werden reichlich fallen: Pressegeschichte geschrieben habe der Blattmacher Manfred Bissinger, ein unermüdlicher Antreiber sei er gewesen, ein Kämpfer, ein - und hier setzt das nostalgische Moll ein - echter Journalist, wie es sie heute angeblich kaum noch gibt.

Bissinger kam von der Panorama-Redaktion (NDR), die damals Joachim Fest leitete, zum Stern, wo er sogleich Aufsehen erregte mit der "Axel-Springer-Story", die wahrscheinlich mehr zur Demontage des Verlegers beitrug als das ganze studentische Tribunalisieren in Berlin. Damals gab es noch klare Fronten: Die Regionalzeitungen waren sich mit denen Springers und der Frankfurter Allgemeinen einig im Kampf gegen die kommunistischen Umtriebe, die von der SPD befürchtet wurden, während die Zeit, der Stern und der Spiegel sich im Gegenteil die Modernisierung Deutschlands von einer SPD-geführten Regierung mit einem Kanzler Willy Brandt erwarteten.

Der Stern-Chef Henri Nannen konnte sich begeistern, rühmt ihm Bissinger heute noch nach, "egal, ob für ein neues Auto oder für die neue Ostpolitik". Trotz seiner Freundschaft mit dem berufsmäßigen Ritterkreuzträger Erich Mende war Nannen dabei, als der Reporter Bissinger Nannens Parteifreund als Makler des windigen Anlageunternehmens IOS bloßstellte.

"Wir verstanden uns als Täter, nicht als Merker", sagt Bissinger und erzählt nicht ohne Nachgenuss, wie er damals die ersten hundert Stern-Exemplare mit der Enthüllungsgeschichte aus der Druckerei abholte, mit dem firmeneigenen Flugzeug nach Bonn reiste und dort vor der FDP-Geschäftsstelle die leserfreundlich aufgeschlagenen Hefte an die fassungslose Fraktion verkaufte. Mende musste zurücktreten, Walter Scheel wurde sein Nachfolger als Parteivorsitzender, die FDP bewegte sich nach links und zur neuen Ostpolitik. Nicht alles, aber doch die FDP war früher besser.

Das war der gute alte Stern, von dem Bissinger im neuen naturgemäß sehr wenig findet. Der damalige Verleger Gerd Bucerius verkaufte seinen Anteil an das Großunternehmen Bertelsmann in Gütersloh, wo man wenig von Journalismus, aber um so mehr vom Geldverdienen versteht. Als der Stern zur Jahreswende 1977/78 eine Reportage über Deutschlands Reiche brachte und dabei nicht verschwieg, dass ein besonders reicher Mann, nämlich der Bertelsmann-Besitzer Reinhard Mohn, sein Geld im Ausland und sogar in faschistischen Diktaturen anlegte, war der Aufklärer Bissinger fällig. Henri Nannen war am Ende doch zu feig und ließ den Mann, den er bereits als seinen Nachfolger aufgebaut hatte, fallen; selbst für die Namensgeber bedeutendster Preise kommt das Essen im Zweifel vor der Moral.

Bissinger wurde Sprecher des Hamburger Senats, wo er sich mit so feinen Sachen wie der "Leitstelle der Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau" herumschlagen durfte, er deckte als Chefredakteur von konkret die Langemann-Affäre im Bayerischen Verfassungsschutz auf und fand schließlich seinen treuesten Chef in Thomas Ganske, der ihn endlich gewähren ließ. Die beiden gehörten nach der Wende zu den wenigen Wiedervereinigungsgewinnlern.