Lokaljournalist Prothmann "Viele machen nur Hofberichterstattung"

Hardy Prothmann über fließendes Bier, Bratwurstjournalismus und die Zukunft der Lokalberichterstattung.

Interview: Christina Maria Berr

Lokaljournalist und Blogger Hardy Prothmann betreibt im baden-württembergischen Rhein-Neckar-Kreis drei Blogs in kleinen Gemeinden und konkurriert damit mit den etablierten Medien. Im Interview erzählt er, warum das Geschäft durchaus lohnenswert ist und worin der Vorteil dieser Lokalberichterstattung liegt.

sueddeutsche.de: Guten Tag, Herr Prothmann. Wie geht's?

Hardy Prothmann: Gut, danke. Außer, dass ich mich gerade wieder so richtig aufregen könnte!

sueddeutsche.de: Ach ja? Über was?

Prothmann: Über diese floskelhafte Pseudo-Berichterstattung im Lokalteil des Mannheimer Morgen!

sueddeutsche.de: Regen Sie sich gerade über das auf, was Sie als "Bratwurstjournalismus" bezeichnen?

Prothmann: Genau! "Fürs leibliche Wohl war gesorgt, die Stimmung war bombig und alles ist toll und alle sind dankbar und loben ..." Bratwurst steht als Synonym für eine "Verköstigung", die es auf den meisten Festen gibt. Der Leser wird durch solche Artikel mit "journalistischen Bratwürsten verköstigt". Das ist übrigens kein originäres Problem des Mannheimer Morgen, sondern ein generelles im Lokaljournalismus.

sueddeutsche.de: Bei Ihnen werden doch auch so einige Veranstaltungen "musikalisch begleitet". Zum Beispiel: "300 Heddesheimer sorgten für ein volles Haus". Ist das nicht auch Bratwurstjournalismus?

Prothmann: Was hätte man denn sonst schreiben sollen?

sueddeutsche.de: Die XY-Kapelle spielte Jazzmusik. 300 Heddesheimer besuchten die Veranstaltung.

Prothmann: Gut aufgepasst. Aber: Der Bratwurstjournalismus meint nicht eine einzelne Formulierung, sondern eine Haltung. Sicher finden Sie auch auf meinen Blogs die eine oder andere fettige Formulierung. Ich schäme mich für jede einzelne.

sueddeutsche.de: Was ist genau das Problem mit dem von Ihnen in der Lokalpresse verorteten " Bratwurstjournalismus". Ist der Ihnen zu positiv?

Prothmann: Nein. Ich finde eine positive Berichterstattung gut. Es geht um die Arbeitshaltung. Will ich wirklich etwas wissen? Weiß ich, worüber ich schreibe? Stimmt es tatsächlich, wenn ich etwas positiv oder negativ darstelle? Der Bratwurstjournalismus ist nur dazu da, um Zeilen zu füllen.

sueddeutsche.de: Könnte Ihnen eigentlich egal sein.

Prothmann: Wie bitte? Mein erstes Lokalblog, das Heddesheimblog, ist ja im Mai 2009 entstanden, weil ich all diese unkritische Berichterstattung nicht mehr ausgehalten habe. In Heddesheim will sich die Logistikgruppe Pfenning ansiedeln und der Bürgermeister wird zitiert: "Wir bringen ein bedeutendes Unternehmen nach Heddesheim."

Im Archiv des Mannheimer Morgen fand ich nur negative Berichte über die Firma - aber in der aktuellen Berichterstattung dieser Zeitung standen dann reine Jubel-Arien. Das Ergebnis meiner Recherche habe ich ins Internet gestellt - das war der Beginn des Heddesheimblogs.