Journalismus in Mexiko Krieg der Wörter

Mexikanische Drogen-Gangs bedrohen den Journalismus im Land. Nur noch wenige Reporter trauen sich, kritisch zu berichten. An ihre Stelle treten Blogger. Doch auch sie leben in Gefahr.

Von Franz Viohl

Wie Warnschilder stehen sie da. "Grauenhaft", "heftig", "makaber" sind die Worte, die den Fotos und Videos vorsichtshalber vorangestellt sind. Übertrieben sind sie nie, eher untertreiben sie. "15 -jähriger Junge vom Golf-Kartell hingerichtet", heißen die Meldungen, oder "Zetas trennen vier Frauen Gliedmaßen ab". Das ist der mexikanische Drogenkrieg. Es berichten diejenigen, die sich überhaupt noch trauen, zu berichten. Einige von ihnen sind mexikanische Journalisten, von denen es viele furchtlose gibt, die aber mehr und mehr unter der Bedrohung durch die Gangster leiden.

Nach Schätzungen der Nationalen Menschenrechtskommission sind seit 2000 in Mexiko 84 Journalisten ermordet worden. Mehrere Zeitungen, vor allem im Norden des Landes, mussten schließen oder die Berichterstattung über die Gewalt der Kartelle einstellen. Auch deshalb schreiben mehr und mehr Blogger über die Verbrechen. Sie versuchen, anonym zu bleiben, um den Bedrohungen zu entgehen.

Seit gut drei Jahren veröffentlicht zum Beispiel der Blog "Tierra del Narco" Artikel, Fotos und Videos. "Tierra del Narco" (Land des Drogenhandels), vormals "Blog del Narco", zählt zu den erfolgreichsten Websites Mexikos, auf Facebook und Twitter bringt es die Webseite auf 400.000 Follower. Man stelle "die Dinge so dar, wie sie geschehen, ohne jede Zensur", schreiben die Betreiber. Egal, wie brutal sie sind.

Ohne Einordnung

Die Frage ist jetzt: Wem ist damit gedient? Den Bürgern und ihrem Recht auf Information oder gar den Kartellen, weil die Botschaften für die Gangster genau die Abschreckung übernehmen, auf die sie es anlegen mit ihren brutalen Taten? Die Initiatoren, angeblich eine junge Frau, Pseudonym "Lucy", und einige Mitstreiter, geben darauf keine Antwort. Sie fühlten sich allein "der Wahrheit verpflichtet", beteuern sie in ihrem Buch "Undercover im mexikanischen Drogenkrieg", das auf Spanisch und Englisch erschienen ist. Die Wahrheit ist für sie ungefilterte Information. Per E-Mail eingegangene Beiträge veröffentlichen sie anonym. Die Geschichte einer Entführung, Namen von korrupten Politikern, Fotos von verstümmelten Leichen - alles steht hier gleichberechtigt nebeneinander. Einordnung, Analyse oder auch Nachrichtenauswahl findet nicht statt.

"Man darf den Verbrechern nicht erlauben, auch noch die Bedingungen für die Berichterstattung zu diktieren", sagt der Journalist Juan Carlos Romero, der einst beim mexikanischen Blatt El Economista arbeitete. Der "Blog del Narco" informiere nur, kritisiert der 38-Jährige, erkläre aber nichts. Das sehen viele Kollegen in traditionellen mexikanischen Medien ähnlich. Sie werfen den Aktivisten vor, nur "Copy and Paste" zu betreiben. "Medien haben soziale Verantwortung und müssen der Allgemeinheit dienen", sagt auch Carlos Lauría vom amerikanischen "Committee to Protect Journalists" in der britischen Zeitung Daily Mail. Die Autoren des "Blog del Narco" hätten "keine ethischen Bedenken".

Die größere Gefahr droht jedoch längst von den Kartellen, die sich nach den Journalisten auch die Blogger und Netzaktivisten vorknüpfen. Die Gründerin des Bürger-Blogs "Nuevo Laredo en vivo", María Macías, fand man vor zwei Jahren tot auf der Straße, ihr Kopf war abgetrennt. Neben ihrer Leiche stand die Botschaft: "Ich liege hier wegen meiner Geschichten."

Und "Lucy" musste Anfang Mai in die USA fliehen, von dort aus nach Spanien. Mehrere Medien berichteten, ihr Partner sei ermordet worden. In Mexiko läuft "Tierra del Narco" ohne "Lucy" weiter. Weitere von Bürgern betriebene Websites sind dazugekommen, zum Beispiel eine unabhängige Todes- und Vermisstenstatistik (porlosquefaltanmexico.crowdmap.com). Und auf Twitter gibt es in vielen Städten eine ständig aktualisierte Narco-Chronik. Da geht es oft um sehr praktische Hinweise. Wird auf meinem Heimweg geschossen?

So übernehmen die Kämpfer im Netz längst eine gesellschaftliche Funktion während der professionelle Journalismus kaputtgebombt wird. Der letzte publizistische Widerstand in einem Land im Krieg mit sich selbst.