Journalismus Gutes Geld

Reichweite und Umsatz im Digitalen hat die New York Times gerade verbessert – jetzt soll noch eine Einnahmequelle erschlossen werden.

(Foto: Aaron M. Sprecher/AP)

Der "Guardian" und die "New York Times" werben jetzt um Spender. Sie sollen helfen, den Journalismus der Zeitungshäuser zu finanzieren. Das klingt nach einer guten Idee, wirft aber einige Fragen auf.

Von Karoline Meta Beisel

Am vergangenen Montag dürfte Dean Baquet, Chefredakteur der New York Times, seine Zeitung besonders aufmerksam gelesen haben. Darin ging es in einem Artikel um den britischen Guardian und dessen "neue Strategie, angesichts branchenweiter Erlösprobleme Geld zu verdienen". Kurz zuvor hatte das britische Medienhaus angekündigt, mit einer dafür gegründeten Stiftung um Zuwendungen von Privatleuten und Organisationen werben zu wollen. Als der Artikel erschien, wusste Baquet aller Wahrscheinlichkeit bereits, was er selbst wenige Tage später verkünden würde: Auch die Times geht nun auf Spendenfang. Wie Baquet seiner Belegschaft am Freitag mitteilte, will die Zeitung dazu eine eigene Abteilung aufbauen.

Auf der Suche nach neuen Erlösmodellen sind Wohltätigkeit und Journalismus gerade im englischen Sprachraum fast schon ein eingespieltes Team. Bislang gab es im Wesentlichen zwei Spielaufbauten. Entweder das Modell "Mäzen kauft Medium" - also etwa Jeff Bezos die Washington Post oder Laurene Powell-Jobs, die Witwe des Apple-Gründers, Mehrheitsanteile am Magazin The Atlantic. Dabei ändern sich zwar die Eigentumsverhältnisse, nicht aber der Grundsatz, die Zeitung als gewinnorientiertes Unternehmen zu betreiben.

Die andere Variante sind Medienunternehmen, die von vorneherein als gemeinnützig betrieben werden und in erster Linie durch Spenden finanziert werden: das Recherchebüro Pro Publica, Glenn Greenwalds The Intercept oder auch The Marshall Project, das über die US-Strafjustiz berichtet. Auch das deutsche Recherchebüro Correctiv wird in der Rechtsform einer gemeinnützigen GmbH betrieben.

Der Guardian war in diesem System auch schon vor der jüngsten Ankündigung eine Art Zwitter: Die Zeitung gehört zwar der Firma Guardian Media Group; deren einziger Gesellschafter ist aber der Scott Trust - eine Stiftung. Die nun neu gegründete Spendenstiftung und der Scott Trust agieren einer Mitteilung zufolge allerdings unabhängig voneinander.

Jetzt also fügen der Guardian und die New York Times diesen Varianten noch eine dritte hinzu, ein zweigleisiges Finanzierungsmodell: Anzeigen und Abos auf der einen Seite - auf der anderen Seite Zuwendungen von privaten Wohltätern, sogar für ganz konkrete Projekte, die der Spender selbst vorschlagen kann.

Das klingt zunächst nach einer guten Idee. Denn im Digitalen hat die New York Times Reichweite und Umsatz im zweiten Quartal zwar verbessert - gleichzeitig findet in der Redaktion aber ein großer Umbauprozess statt: Mehr als 70 Redakteure haben die Times in den vergangenen Wochen und Monaten verlassen. Auch der traditionsreiche "Copy Desk" wurde unter heftigen Protesten abgeschafft, jene Einheit in der Redaktion der Times, bei der die Artikel der Reporter redigiert, korrigiert und für die Veröffentlichung fertig gemacht werden. Der Guardian auf der anderen Seite des Atlantiks ist publizistisch ebenfalls erfolgreich - schreibt aber hohe Verluste. Dass es das Blatt überhaupt noch gibt, wird der Existenz des Scott Trust zugeschrieben. Die Stiftung wurde in den Dreißigerjahren von den damaligen Eigentümern gegründet, damit der Fortbestand der Zeitung nicht durch Erbschaftssteuern bedroht würde, und um die Unabhängigkeit der Zeitung zu garantieren - "auf ewig", wie es beim Guardian heißt.

Nur sind die Mittel des Scott Trusts nicht ewig - und wie steht es um eben die journalistische Unabhängigkeit, wenn externe Geldgeber nach Wunsch journalistische Recherchen finanzieren können?

Schon jetzt werden beim Guardian einige Projekte durch Spenden unterstützt. So finanziert eine Organisation eine Artikelserie über den Klimawandel in den USA; eine andere hilft, die Berichterstattung über Städte auszubauen; die Stiftung von Bill und Melinda Gates bedachte die Zeitung schon vor Jahren mit einer Spende. Die Artikel werden von Guardian-Journalisten verfasst; auf der Homepage werden sie mit dem Hinweis "supported by" markiert. Per Klick kann der Leser erfahren, was das bedeutet: "Kunden, deren Logo auf redaktionellen Inhalten zu sehen ist, können unter Umständen vorschlagen, über welche Art von Themen berichtet wird", heißt es da. Der zuständige Redakteur sei an diese Vorschläge aber nicht gebunden. Für die Inhalte würden dieselben Standards gelten, die der Guardian auch sonst an seine Texte anlegt, die Artikel würden den Sponsoren auch nicht vorab vorgelegt.

Wie weit reicht künftig der Einfluss der Wohltäter? Das soll streng kontrolliert werden

Auf der Seite, die das "supported by"-Label erklärt, finden sich noch zwei weitere Kategorien, mit denen der Guardian Inhalte kennzeichnet, die durch externe Quellen finanziert werden: "Paid Content", also Inhalte, die aussehen wie journalistische Artikel, aber von Werbekunden bezahlt und von der Anzeigenabteilung erstellt werden; und "advertiser content", der von den Werbekunden selbst zugeliefert wird. Die Kennzeichnung macht die Unterschiede jedenfalls für interessierte Leser transparent, trotzdem bleibt die Frage: Wie stark ist der Einfluss, den die Spender auf die Themensetzung nehmen?

Am Telefon erklärt Rachel White, die sich für den Guardian um den Kontakt zu den Spendern kümmert, dass jedes Förderangebot von leitenden Redakteuren der Zeitung daraufhin geprüft wird, ob der Guardian sich auch ohne Geld von außen in dieser Tiefe mit dem Thema befassen würde. "Dass die eigentliche Recherche und Berichterstattung vollkommen in der Hand der Redaktion liegt, lassen wir uns vertraglich zusichern", sagt White. Außerdem würden die möglichen Spender einer strengen Untersuchung unterzogen. Für konkrete Projekte muss sich die Redaktion dann wiederum für Förderung durch die Stiftung bewerben - so entstehe ein System der gegenseitigen Kontrolle.

Auch für die New York Times ist es nicht das erste Mal, dass journalistische Projekte von außen unterstützt werden. So hat das Pulitzer Center on Crisis Reporting eine aufwendige Recherche zur Lage des Nahen Ostens nach dem Arabischen Frühling finanziert. Wie genau die Zusammenarbeit aussehen könnte, wenn der Gönner nicht nur die Förderung des Journalismus, sondern eigene politische Ziele verfolgt, wird bei der Times gerade erst noch erarbeitet. Die Redakteurin, die das Projekt betreut, soll zunächst Gespräche führen über "die verschiedenen Formen der Non-Profit-Finanzierung und welche Tätigkeiten im Newsroom dadurch unterstützt werden könnten", heißt es in einer Mitteilung. Außerdem soll sie sich mit "möglichen berufsethischen Bedenken" befassen.

Fernab von Gedanken um die Unabhängigkeit kann man dem Vorhaben aber auch noch etwas anderes entgegenhalten. Er möge den Guardian, "aber es gibt so viele bessere Empfänger für Spenden", kommentierte etwa der Chef der Gizmodo Mediengruppe die Ankündigung. Der Herausgeber der Branchenzeitschrift Columbia Journalism Review glaubt, große Medien würden sich so Zeit erkaufen, während es für kleine, gemeinnützige Medien eng werden könnte. Die Spender würden sich derweil über die bei größeren Medien vermutlich auch größere Aufmerksamkeit freuen.

Vielleicht kommt es auch ganz anders: An den Medien seien durchaus selbst zahlungskräftige Leute beteiligt, schreibt ein Kritiker auf Twitter. Da werde es schwierig, die Öffentlichkeit um Geld zu bitten.