Internetradio Alle mal herhören!

Podcasts ersetzen inzwischen oft das anstrengendere Lesen.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

In den USA und auch hier werden Podcasts millionenfach heruntergeladen. Sendungen wie "Invisibilia" und "Serial" feiern Erfolge. Über den späten Boom eines gar nicht so neuen Mediums.

Von Christian Fahrenbach

Wer der amerikanischen Radiojournalistin Alix Spiegel zuhört, der glaubt nach einer Stunde, dass Blinde doch sehen können. Spiegel moderiert mit Lulu Miller Invisibilia, laut Selbstbeschreibung eine Sendung "über die geheimen Kräfte, die unser Verhalten bestimmen". In einer Episode über Glaubenssätze stellen sie Daniel Kish vor, einen Blinden, der sich mit Klack-Lauten ein räumliches Bild seiner Umwelt verschafft. Eine Neurowissenschaftlerin erklärt, was dabei in Kishs Kopf vorgeht und wie sehr die Hirnströme denen von Sehenden ähneln. Am Ende spielt Spiegel Popmusik und fordert die Hörer auf: "Wenn Daniel Sie überzeugt hat und Sie denken, dass Blinde sehen können - wo immer Sie sind, was auch immer Sie tun: Fangen Sie an zu tanzen!"

Spielerische Elemente, wissenschaftliche Fundierung und Emotion durch Personalisierung: Invisibilia ist ein Beispiel für den Podcast-Boom in den USA, der von seiner Entstehungsgeschichte her viel mit dem öffentlich-rechtlichen National Public Radio (NPR) zu tun hat, aber nur noch wenig mit einem festen Sendeschema. Der Begriff Podcast meint längere, digital verbreitete Wortsendungen. In Deutschland sind Podcasts überwiegend Beiträge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die unabhängig vom Sendetermin als Download-Angebot kostenfrei vermarktet werden - über die Internetseiten der Anstalten, Apps oder iTunes. Auch Streaming-Angebote der Sender laufen teilweise unter dem Begriff Podcast. Um Zahlen zu erhalten, wurden in der Online-Studie von ARD und ZDF Nutzer einfach gefragt, ob sie Audios im Internet herunterladen oder anhören. 20 Millionen Menschen tun das. 3,9 Millionen erklärten, Abo-Podcasts zu nutzen. Daneben gibt es die freie Szene der Hörstück-Produzenten, die ohne Sender im Rücken produziert und Podcasting als Hauptverbreitungsweg nutzt.

"Leicht konsumierbare Inhalte gibt es überall, jetzt wollen die Leute etwas anderes."

Invisibilia wurde von vorneherein für dieses Format produziert. Selbst abstrakte Themen wie "Düstere Gedanken", "Kategorisierungen" und "Verknüpfungen" brechen die beiden Moderatorinnen engagiert runter und haben damit immensen Erfolg. Die Sendung steht laut Produzentin bei mehr als 33,5 Millionen Downloads für die sechs Folgen der ersten Staffel. Dazu kommt die terrestrische Ausstrahlung bei mehr als 260 Radiostationen im Land, die Invisibilia für sich entdeckt haben.

Es ist nicht die einzige erfolgreiche Show dieser Art. Wegbereiter in Sachen Audio-Langform war der Zwölfteiler Serial über die Hintergründe eines Mordfalls an einer Highschool in Baltimore im Jahr 1999. Gut sechs Stunden lang geht Sarah Koenig den Spuren des Falls nach. Weltweit sind die Serial-Folgen 65 Millionen Mal heruntergeladen worden. Es scheint, dass es in den USA einen wachsenden Platz im Download-Geschäft für anspruchsvolle Audio-Inhalte gibt. 46 Millionen US-Amerikaner hören laut den Marktforschern von Edison pro Woche mindestens ein Radio-Podcast, rund acht Millionen sogar sechs Sendungen oder mehr. Apple hat sicher auch deswegen auch dem neuen iOS-Betriebssystem wieder eine eigene Podcasting-App auf dem Homescreen spendiert. Abende, an denen die Macher vor Hunderten Zuschauern ihre Arbeit erläutern, sind innerhalb von Stunden ausverkauft.

Woran dieser Boom liegt? "Wir übersättigen uns den ganzen Tag über mit Texten - bis zu einem Punkt, an dem sich lesen nicht mehr nach Spaß anfühlt", sagte David Carr, der im Februar verstorbene Medienjournalist der New York Times, bei einem seiner letzten Auftritte, einem Diskussionsabend zu Podcasts an der New Yorker New School: "Leicht konsumierbare und einfach zu durchsuchende Inhalte gibt es überall, jetzt wollen die Leute etwas anderes." Was sie im anders als in Deutschland fast ausschließlich privatwirtschaftlich organisierten Hörfunk nur selten finden.

Auch der Radiojournalist Alex Blumberg war Teilnehmer der Diskussionsrunde. Er arbeitete bis zum vergangenen Jahr für das Finanz-Erklärformat Planet Money und verließ seinen Job, um sich selbständig zu machen - und den Podcast Startup zu starten. Der handelt davon, wie Blumberg eine Firma betreibt, die Podcasts vermarktet. Sein Stammeln bei der ersten Präsentation vor potenziellen Investoren ist genauso zu hören wie der Kommentar seiner Frau über mögliche Firmennamen ("Dumm. Einfach nur dumm.").

Viel häufiger als im deutschen Radio nutzen die amerikanischen Moderatoren die Ich-Form zum Erzählen und begeben sich auf Augenhöhe mit dem Hörer - ein vielen Nutzern vertrautes Merkmal des seit gut zwanzig Jahren laufenden Erfolgsformats This American Life aus dem öffentlich-rechtlichen NPR, bei dem viele der neuen Audiostars früher gearbeitet haben und das deshalb mit dem neuen Trend eng verknüpft ist.

Die erfolgreichsten deutschen Podcasts sind "Dittsche", "Radio Tatort" und "Sanft und Sorgfältig"

Hinter den Shows steckt ein riesiger Aufwand. "Wir haben fast ein Jahr in Teilzeit an unserer ersten Staffel gearbeitet, in den letzten sechs Monaten in Vollzeit", sagt Spiegel von Invisibilia. Spiegel ist immer noch bei NPR angestellt. Invisibilia hat sie selbständig produziert, es läuft in voller Länge auch im Radio - anders als die nach Startepisoden nur online vertriebenen Reihen Serial und Startup. Auch hier zeigt sich ein Unterschied zum deutschen Markt: NPR nutzt das Radio als Schaufenster für den Auftakt von Reihen, die dann online fortgesetzt werden. Hierzulande ist es das Prinzip, dass die Hörer eine komplett in den ARD-Wellen oder dem Deutschlandradio ausgestrahlte Sendung individuell nachhören können. An der Spitze der deutschen Podcast-Charts bei Apples iTunes stehen der Radio Tatort, die von Olli Schulz und Jan Böhmermann moderierte Radio-Eins-Reihe Sanft und Sorgfältig oder die WDR-Sendungen Dittsche und Domian.

Erfolg in der freien Szene ist hierzulande rar. André Voigt produziert wöchentlich zwei Shows des Basketball-Podcasts Got Nexxt und hat laut eigenen Angaben rund 9000 Downloads pro Folge. Auch er sucht die persönliche Positionierung. "Wenn die Leute die Stimme hören und dich bei Facebook sehen, hat das eine ganz andere Qualität", glaubt Voigt. Über das Modell der amerikanischen Fundraising-Webseite Patreon bittet er seine Hörer um Unterstützung. 1100 Fans zahlen ihm und seinem Team etwa 2650 Euro pro Monat - ein herausragender Fall in der deutschen Audio-Landschaft. Auf diese Weise bleibt der seit 2009 laufende Podcast werbefrei, das Geld geht in die Recherche neuer Themen und die Bezahlung von freien Mitarbeitern.

Genau dieses solide organisierte, selbständige kleine Podcast-Segment fehlt auch in den USA. Erste kritische Stimmen fragen, ob der Boom nur eine Blase mit wenigen Leuchtturmproduktionen ist, die zudem Schützenhilfe vom NPR mit seinen angeschlossenen 900 Lokalradiostationen bekommen haben. Auch die finanzieren sich in den USA vor allem über Spenden. Alix Spiegel fasst diese Sorge zusammen: "Wir sind im Moment Schmarotzer - aber was passiert, wenn wir den Wirt töten?"