Internetmedien in Frankreich "Keine Fesseln mehr"

Die französische Internet-Zeitung Mediapart deckte die Bettencourt-Affäre und andere Skandale auf und wird dafür von den Politikern des Landes gehasst. Die Inhalte von Mediapart bekommen die Nutzer nur gegen Bezahlung. Kann Paid Content also doch rentabel sein?

Von Stefan Ulrich

Eine Internet-Zeitung, die von den Nutzern Geld verlangt? Die sich durch Abonnements finanziert und auf Werbung verzichtet? Geht nicht. Unmöglich. So klangen die Kassandrarufe, als sich Edwy Plenel 2007 daran machte, Mediapart zu gründen. "Wir waren mit unserem Konzept allein auf der Welt", sagt Plenel. So sei es hart gewesen, überhaupt das Startkapital zusammenzusammeln. Zudem waren die Gründer fast alle Journalisten, keine Geschäftsleute. Heute sagt der Präsident von Mediapart mit trockenem Stolz: "Zur allgemeinen Überraschung hatten wir Erfolg." Sein Experiment im Pariser Bastille-Viertel kann inzwischen als Hoffnungszeichen für Journalisten und Verleger dienen.

Eine Internet-Zeitung, die von den Nutzern Geld verlangt? Unmöglich, hieß es immer. Doch dann kam Mediapart.

(Foto: screenshot: sde)

Seit vergangenem September macht Mediapart keine Verluste mehr. Das Geschäftsjahr 2011 dürfte die Netz-Zeitung erstmals mit einem Gewinn abschließen. Die Abonnentenzahl stieg seit dem Erscheinen im März 2008 ständig an. Kein einziger Tag brachte einen Rückgang, betont die Geschäftsführerin Marie-Hélène Smiejan. Mehr als 52.000 dauerhafte Abonnenten habe Mediapart inzwischen. Sie zahlen neun Euro pro Monat oder 90 Euro im Jahr. "Wir haben bewiesen, dass unser Modell möglich ist."

Wie lässt sich im Internet mit Qualitätsjournalismus Geld verdienen? Das ist die Frage, die weltweit Zeitungen und Verlage umtreibt. Lange galt es als geheiligte Regel, Internetjournalismus habe kostenlos zu sein. Also mussten Werbeeinnahmen für Einnahmen sorgen. Das führte zum Wettrennen um die meisten Klicks, oft zu Lasten der Qualität.

Plenel kannte diese Zwänge, als er vor vier Jahren Mediapart konzipierte. 25 Jahre lang hatte der ehemalige Trotzkist bei der Zeitung Le Monde gearbeitet, von 1994 bis 2004 als Redaktionschef. Er durchlebte das Aufkommen des Internets und die Krise der Papierzeitungen. Bei Le Monde gehörte er zu jenen, die gegen die Kostenlos-Kultur im Internet ankämpften - und verloren. Auch die publizistische Richtung, die seine Zeitung nahm, missfiel ihm. Das Weltblatt habe an Biss verloren, sei in die Hände einer "gauche d`état", einer Staats-Linken, gefallen. 2005 ging Plenel, um 2007 ganz neu anzufangen.

Der Journalist tat sich mit ehemaligen Kollegen von Le Monde und anderen Blättern zusammen. Die Gründer brachten eigenes Geld ein, Plenel allein 550.000 Euro. "Das war der Preis der Freiheit und zugleich eine Freude. Wir hatten das Gefühl, keine Fesseln mehr zu haben." Die Mediapart-Macher sahen eine Lücke auf dem französischen Markt: unabhängigen Recherchejournalismus. Die Zeitungen seien nicht nur in einer wirtschaftlichen, sondern auch in einer Qualitätskrise, wird bei Mediapart gern betont. Die meisten gehörten keinen Verlegern, sondern branchenfremden Unternehmen. Banken. Rüstungsfirmen. Deren Besitzer seien oft mit Präsident Nicolas Sarkozy befreundet. Die Folge: "Man hört auf mit sensiblen Recherchen, die die Politiker und Wirtschaftsführer stören", sagt der Mediapart-Chefredakteur François Bonnet. Die französische Presse sei konformistischer als die britische oder deutsche. "Wir haben Mediapart deshalb gegründet."

Bonnet und Plenel befanden, unabhängiger Journalismus im Netz sei nur ohne Werbung zu machen. Das Abonnement-Modell ermögliche es der Redaktion, thematisch in die Tiefe zu gehen. Statt eine amorphe Klickgemeinde will Mediapart eine feste Lesergemeinschaft um sich scharen, die, dem Internet gemäß, nicht nur Informationen aufnimmt, sondern zugleich mit kommentiert und berichtet.