In eigener Sache David? Ali David? Wie lautet der Name des Amokläufers von München?

Polizisten in Spezialausrüstung sichern das Gelände am Münchner Stachus.

(Foto: dpa)

In Ausnahmesituationen prasselt eine Flut von Informationen auf Journalisten ein. Unsere Autorin erklärt, wie die SZ in dieser Lage zwischen Schutz und Hysterie abwägt.

Von Annette Ramelsberger

Wenn eine Bombe hochgeht, wenn ein Amokläufer unterwegs ist, gibt es eine Phase, die die Polizei "Chaosphase" nennt. Dann ist erst mal nichts klar, man kennt keine Hintergründe und muss auf alles gefasst sein. Erst allmählich klären sich die Dinge. Die Polizei ermittelt, wer der Mensch ist, der da schießt oder einen Sprengsatz gezündet hat: Sie weiß dann auch, wo er wohnt und - mit Glück - nach mehreren Tagen, was ihn getrieben hat. Der wichtigste Faktor für die Erkenntnis ist die Zeit: Die muss man sich nehmen, um den Dingen auf den Grund zu gehen.

Diese "Chaosphase" gibt es auch für Journalisten. Auf die Reporterinnen und Reporter, die in Ansbach, in München, in Würzburg unterwegs sind, prasseln völlig ungefiltert Informationen ein: Schießerei am Stachus. Bewaffnete am Isartorplatz. Terroranschlag nach dem Muster von Paris. Drei Täter im Stadtgebiet unterwegs. In Ansbach hieß es zunächst: Gasexplosion in einer Gaststätte. Nur weil die SZ mitbekam, dass der bayerische Innenminister Joachim Herrmann nach dieser - eigentlich eher harmlosen - Nachricht sofort die Sendung "Hart, aber fair" in Berlin verließ, konnte die Redaktion frühzeitig erkennen, dass es wohl nicht nur eine Gasexplosion war. Sondern der erste Selbstmordanschlag auf deutschem Boden.

In diesem Moment muss eine Redaktion entscheiden, was sie berichtet und was nicht

In der Chaosphase sehen auch die Reporter auf ihren Handys nur die Twitternachrichten, die sich überschlagen, sie sehen, wie sich auf Facebook immer neue Augenzeugen äußern dazu, wo überall Terroristen gesichtet werden. Und sie müssen diese Informationen gegenchecken mit dem, was sie vor dem Olympia Einkaufszentrum in München, am Stachus oder in der Altstadt von Ansbach selbst sehen - wenn sie denn bis dorthin vordringen. Selbst wenn das gelingt, bringt das nicht sofort Gewissheit: Kolleginnen der SZ waren in der Nacht des Amoklaufs am Stachus, sie befragten Polizisten. Und die sagten ihnen: Es seien gerade Schüsse zu hören gewesen. Heute weiß man, dass es dort keine Schüsse gab. Doch was tut man in dieser Situation?

In diesem Moment muss eine Redaktion entscheiden, was sie berichtet und was nicht. Während eine Zeitungsredaktion zumindest ein paar Stunden zum Nachrecherchieren der Hinweise hat, muss eine Online-Redaktion sofort entscheiden, was sie weitergibt. Innerhalb von Minuten muss dann entschieden werden, ob man den Hinweis auf eine Schießerei am Stachus auf die Homepage nimmt oder nicht. Die Entscheidung muss fallen zwischen der Warnung, dem möglichen Schutz von Menschenleben und dem weiteren Schüren von Hysterie. Die SZ hat sich entschieden, über die Hinweise des Polizisten am Münchner Stachus zu berichten - wenn auch nicht als feststehende Wahrheit, sondern als Möglichkeit. Denn die SZ will ihren Lesern auch nichts vorenthalten, was für sie wichtig sein könnte. Die Leser sind mündig, sie brauchen die Zeitung oder das Online-Angebot als verlässliche Informationsquelle, nicht als beschützende Werkstatt.

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Dennoch bringen und zeigen wir nicht alles: nicht das Bild des Ansbacher Attentäters, das ihn in der Pose eines coolen Helden zeigt, nicht sein Bekennervideo, das es natürlich im Netz gibt. Wir schreiben nur die wichtigsten Nachrichten daraus: nämlich, dass der Attentäter als nächste Eskalationsstufe des IS in Deutschland Autobomben androht. Aber wir glorifizieren ihn nicht, indem wir ihm möglichst viel Platz einräumen. Das sind die ersten Entscheidungen, die man in so einer Situation treffen muss.

Oft bleiben die Informationen dann aber stundenlang sehr widersprüchlich - und das beißt sich mit der Erwartung der Leser, die Gewissheit haben wollen und zwar sofort.