Hörfunk Schöne neue Radiozentralen

Walter Adler inszeniert für den SWR William Faulkners „Licht im August“ als Hörspiel, unter anderem mit Yohanna Schertfeger. Die Produktion wird den Hörern auch über die neue ARD Audiothek angeboten.

(Foto: SWR/Sibylle Anneck)

In der Digitalisierung blüht der Hörfunk auf. Es gibt die Entwicklung zum Hören "on demand", auf Abruf. So kommt das Radio auch leichter zu den Leuten.

Von Anna Dreher und Stefan Fischer

Was Peter Lohmeyer da machte, ist eigentlich unhöflich gewesen. Aber beleidigt war deswegen niemand. Es war okay, sogar erwünscht. Der Schauspieler saß am Dienstagabend an einem Rednertisch in Berlin. Seine volle Aufmerksamkeit galt seinem Handy, er wischte und drückte, während die ARD gerade ihr neuestes Produkt präsentierte, das auch Lohmeyer vereinnahmte: die Smartphone-App ARD Audiothek, eine Mediathek für die Ohren. "Ich finde sie sehr übersichtlich und verständlich", sagte Lohmeyer später und grinste. "Vielleicht werde ich ja jetzt noch bekannter."

Lohmeyer hat bei der Hörspielserie Der Paartherapeut mitgewirkt, von der ohne die Audiothek bestimmt weitaus weniger Menschen etwas mitbekommen hätten, weil die Sendezeiten solcher Produktionen meist spät oder kaum bekannt sind. Doch wie sich auch das Fernsehen durch Mediatheken und Streamingdienste verändert hat, so gibt es auch beim Radio die Entwicklung zum Hören "on demand", auf Abruf. Man könnte sogar sagen, der Hörfunk blüht auf mit der Digitalisierung. Er kommt leichter zu den Leuten, und weil die das schätzen, entsteht ein neuer Markt.

Das machen drei Neuigkeiten in diesen Tagen deutlich: Neben der App der ARD hat das private Klassik-Radio einen Streamingdienst mit derzeit 100 Kanälen gestartet. Außerdem bietet Audible, eine hundertprozentige Tochter von Amazon, seit Anfang des Monats 22 Podcasts gegen Geld an. Teils sind sie selbstproduziert, teilweise entstehen sie in Kooperation mit Printmedien wie Spiegel, Brand eins, Bunte oder 11 Freunde. Am Wettbewerb um Hörer nehmen längst auch Anbieter teil, die nicht aus dem klassischen Radiogeschäft kommen. Und er wird außerhalb der linearen UKW-Verbreitung ausgetragen, also ohne festes Programmschema.

Die ARD bündelt mit der Audiothek einen großen Teil ihrer Radioproduktionen und der des Deutschlandradios auf einer eigenen, zentralen Plattform. Bisher musste man sich alles einzeln zusammensuchen, zum Beispiel auf den Seiten des BR, des RBB und des WDR. Die Hörer können jetzt quer durch die Sender Programme finden, die sie interessieren - im Moment sind das Hörspiele, Interviews, Features oder Reportagen aus 560 Sendereihen. Täglich kommen mehrere Hundert Stücke dazu. Diese Vielfalt ist gebührenfinanziert und sei "in Deutschland einzigartig", sagt die ARD-Hörfunkkommissionsvorsitzende Nathalie Wappler Hagen.

Klassik-Radio hat zum Beispiel Rolando Villazón verpflichtet, als Kurator eines eigenen Kanals

Von ersten Besprechungen bis zur Testversion der App ist etwas über ein Jahr vergangen - für ARD-Verhältnisse ein Schnelldurchlauf. Es habe, sagen die an der Entwicklung Beteiligten von SWR, BR und Radio Bremen, große Einigkeit geherrscht, zumal die Kosten mit 200 000 Euro überschaubar gewesen seien. Das Hauptmenü ist unterteilt in Themenbereiche wie Wissen, Diskussion, Sport sowie nach den Sendern der Landesrundfunkanstalten. Eine Konkurrenz zu tagesaktuellen Nachrichten-Apps wolle die Audiothek ausdrücklich nicht sein, sagte Wappler Hagen. Die redaktionell betreute Startseite enthält dennoch Dossiers zu aktuellen Themen wie dem Weltklimagipfel. "Vielleicht führt die Audiothek dazu, dass von den Sendern gezielter für On-Demand produziert wird, beispielsweise in Form von Serien", sagt Jan Weyrauch, Programmdirektor von Radio Bremen und Projektleiter der ARD-App. "Sie ist ja für viele eine neue Möglichkeit, mehr Applaus zu bekommen."

Was sich nicht ändern wird, sind gesetzliche Vorgaben zur Verfügbarkeit eines Beitrages im Web. Das Verschwinden von Stücken, die man gerne noch gehört hätte, kann aber umgangen werden - durch Download. Im Fall der Fernseh-Mediatheken ist die Vergütung der Produzenten für längere Abrufzeiten gerade ein großes Thema. Im Radio wird das von den einzelnen Sendern sehr unterschiedlich gehandhabt. Entsprechend ist manches wenige Tage, anderes monatelang oder gar zeitlich unbegrenzt verfügbar. Mit dem Download wird die Audiothek zum persönlichen Podcast-Archiv. Interesse an ihr besteht offenbar: Während der Testphase wurde die ARD Audiothek nach Angaben der Entwickler bereits 13 000 Mal im Google Playstore und Apple AppStore heruntergeladen.

Auch das Klassik-Radio will seinen Hörern stärker auf ihre Interessen zugeschnittene Programme auf digitalem Weg anbieten. Aus vorerst 100 Streams, kuratiert von Mitarbeitern und prominenten Paten wie dem Tenor Rolando Villazón, können sie wählen. Die Streams sollen sich abgrenzung zum Großkonkurrent Spotify, "wo die Vollständigkeit des Angebots zu einer Unübersichtlichkeit führen kann", findet Klassik-Radio-Geschäftsführer Ulrich Kubak. Der werbefinanzierte Privatsender setzt vor allem auf eine kostenpflichtige und werbefreie Version. Mittelfristig sei auch eine internationale Vermarktung denkbar, sagt Kubak. Ihn ängstigt im Unterschied zu etlichen anderen Privatradiobetreibern die neue Vielfalt und Konkurrenz nicht. Er sieht die Digitalisierung als Chance zur Entfaltung. Darin dürften sich die öffentlich-rechtlichen Radiomacher mit ihm einig sein.