Führungsstreit beim "Focus" Einer muss wohl gehen

"Es herrscht Krieg": Noch stehen die Chefredakteure Weimer und Baur gemeinsam an der Spitze des "Focus"-Magazins. Doch damit könnte es bald vorbei sein. Immer öfter fliegen zwischen den beiden die Fetzen - doch wer geht am Ende als Gewinner aus dem Duell hervor?

Von Marc Felix Serrao

Dass es schwer werden würde, war allen Beteiligten klar. Hier der Salonlöwe Wolfram Weimer, 46, der mit seinem Coffeetable-Magazin Cicero eine Art Brandenburger New Yorker etablieren wollte und in Talkshows mit weicher Stimme die alte Marktwirtschaft und die neue Bürgerlichkeit beschwor. Dort der knorrige Nutzwert-Journalist Uli Baur, 55, treuer Begleiter des nicht minder bodenständigen Helmut Markwort. Seit einem Jahr stehen Weimer und Baur als Chefredakteure gemeinsam an der Spitze des von Markwort 1993 gegründeten Focus. Aber damit könnte bald Schluss sein. Einer wird wohl gehen.

Die Differenz der zwei Redaktionsleiter, die Wohlmeinende im Verlag zu Beginn der Partnerschaft gerne als produktiv darstellten, hat in nur kurzer Zeit zu immer größeren Reibereien geführt. In den vergangenen Wochen soll es gleich mehrfach, ja, geknallt haben - vor versammelter Mannschaft. "Zwischen Weimer und Baur herrscht Krieg", sagt ein führender Mann des Burda-Verlags aus München, in dem das Heft erscheint. Das Team sei verunsichert. Schon in den nächsten Wochen könnte sich entscheiden, welcher Chefredakteur gewinnt. Dass beide im Herbst noch für den Focus arbeiten, wird immer unwahrscheinlicher.

Es geht um den Kurs. Weimers Ehrgeiz war und ist es, aus dem angestaubten "News to Use"-Titel ein ernstzunehmendes, auch mal anspruchsvolles Magazin zu machen, das dem Spiegel erstmals auch intellektuell Konkurrenz macht. Baur verteidigt hingegen das alte Rezept, das dem Verleger früher viel Geld brachte. An seiner Seite steht der im Hintergrund noch immer sehr einflussreiche Markwort, 74, dessen dunkler BMW nach wie vor demonstrativ direkt vor dem Haupteingang der Redaktion parken soll.

Das Ergebnis des Streits an der Spitze ist ein Magazin, das im vergangenen Jahr zwar durchaus lebendiger geworden ist, vor allem im meinungsstarken neuen Debatten-Ressort. Doch eine Linie ist nicht erkennbar. Mal dominiert Weimers Blatt-Philosophie, mal die von Markwort und Baur. Die Auflagenentwicklung gibt weder der einen noch der anderen Seite recht. Nach ein paar stärkeren Ausgaben lag der Focus in diesem Sommer in der harten Einzelverkaufswährung wieder oft unter der schwachen Marke von 100.000.

Vor 14 Tagen soll es in einer 10:30-Uhr-Konferenz zum bisher heftigsten Streit gekommen sein. Baur habe den Kulturteil des Hefts auf eine Seite eindampfen wollen, sagt einer, der dabei war. Die Entscheidung habe Weimer dann im Alleingang revidiert, unter anderem mit der Begründung, man könne den neuen Roman von Martin Walser, "Muttersohn", nicht in einem Kästchen rezensieren. Baur soll Weimer dafür scharf angegangen sein. Bereits Anfang Mai, hört man, habe Baur, während Weimer im Urlaub war, einen Heft-Titel ganz im Stile des alten Focus gemacht: "Das große Urlaub-Spezial: 36 Seiten zum Träumen". Das Cover zierten junge Frauen im Bikini. Weimer, der intern für einen "weiblicheren" Heft-Stil wirbt, soll angesichts der onkelhaften Optik die Wände hochgegangen sein.

Für den Focus bedeutet der Zoff vor allem eines: Stillstand. Weimer, heißt es, wünscht sich mehr Berichte aus Berlin, neues Personal, einen echten Newsdesk, sogenannte Line-Extensions wie "Focus-Karriere" oder "Focus-Literatur". Doch alle größeren Entscheidungen liegen auf Eis. Verlagsvorstand Philipp Welte, der operativ für den Focus verantwortlich ist, soll das Problem erkannt haben - heißt es. Auch das Führungsproblem. Manager Welte, dem ein eisiges Verhältnis zu Markwort nachgesagt wird, gilt zwar nicht als Mann mit inhaltlichen Überzeugungen. Doch er weiß, dass dieser Krieg der Chefredakteure am Ende auch auf seine Füße fallen könnte, wenn er nicht klar und schnell entschieden wird. Leute, die Welte kennen, sagen: Keine Sorge vermöge seine Entscheidungen so sehr zu beschleunigen wie die Sorge um die eigene Karriere.