Autor Schünemann über das Phänomen Soap "Faszinierend, dass es funktioniert"

20 Jahre Drama, Intrigen, Gefühlschaos: Am 11. Mai 1992 startete mit "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" die erste deutsche Soap und bereitete den Weg für ein vielgeliebtes und vielbelächeltes Genre. Christian Schünemann schreibt immer wieder Drehbücher für Serien. Ein Gespräch über Unterhaltung als Schwerstarbeit, das schlechte Image des Formats und das Vergnügen, hier alle Phantasien ausleben zu können.

Interview: Irene Helmes

Damals war es noch aufregend: Am 11. Mai 1992 startete mit "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" auf RTL die erste deutsche Daily Soap. Fans waren begeistert, Kritiker entsetzt. 20 Jahre später ist der Untergang des Abendlandes ausgeblieben, inzwischen stehen andere Formate in der Kritik: Castingshows, Dokusoaps, C-Promi-Spektakel. Daily Soaps sind derweil zum festen Bestandteil des Tages- und Vorabendprogramms geworden, wenn auch die einzelnen Serien um die Quoten kämpfen müssen. Christian Schünemann kennt das Genre und genießt die Abwechslung. Er hat mittlerweile vier "Frisör"-Krimis bei Diogenes veröffentlicht und ist immer wieder als Soap-Autor, zum Beispiel für GZSZ und "Verbotene Liebe", tätig. Im 2011 erschienenen Krimi "Daily Soap. Ein Fall für den Frisör" hat er sich die Branche selbst vorgenommen. Grund genug, ihn zum Soap-Jubiläum um Einblicke zu bitten. Der Anruf erreicht Schünemann in Italien auf dem Land, wo er gerade an seinem neuen Roman arbeitet.

Christian Schünemann

Christian Schünemann führt als Autor ein Doppelleben - und das sehr gerne, wie er sagt.

(Foto: Jens Schünemann - http://jps-berlin.de)

Süddeutsche.de: Herr Schünemann, man sieht und staunt: Wie entstehen denn nun diese unglaublichen Geschichten der Daily Soaps?

Christian Schünemann: Normalerweise schreiben etwa sechs Leute in einem Team, man teilt sich Handlungsstränge auf, bespricht sich untereinander, verhandelt über Figuren: "Brauchst du den, nein, den brauchen wir". Man muss alle Figuren, alle Vorgeschichten kennen. Aber natürlich hat man Lieblingsgeschichten und Lieblingscharaktere. Das ist auch gut, wenn einer meint "Ich hasse diese Figur und die soll weg", aber ein Kollege sagt, "Nein, nein, die ist ganz wichtig!". So geht es hin und her. Es ist Teamarbeit, ganz anders, als allein an einem Roman zu arbeiten.

Süddeutsche.de: Man kann selbst die niedrigsten Instinkte ausleben als Soap-Autor, oder?

Schünemann: Absolut. Die geheimsten Phantasien, nichts ist unmöglich. Das macht wirklich Spaß. Und es hat lustigerweise auch den Effekt, dass ich nirgendwo Leute so schnell kennengelernt habe wie bei der Arbeit für die Soap. Weil man nicht nur den ganzen Tag zusammensitzt, sondern auch ganz viel von sich offenbart.

Süddeutsche.de: Wie viel Selbstironie ist dabei, wie sehr ziehen Sie sich im Team gegenseitig mit den abstrusesten Geschichten, den wildesten Wendungen auf?

Schünemann: Na klar, man kennt sich ja dann auch, man weiß zum Beispiel: Der Schünemann, der liebt diese Heul-Cliffhanger. Und der andere mag es am liebsten, wenn es explodiert. Natürlich zieht man sich da auf. Aber man kann sich schon auch streiten. Doch das ist normal, ein Teil des kreativen Prozesses.

Süddeutsche.de: Haben Sie persönliche Lieblingsgeschichten?

Schünemann: Wir hatten vor vielen Jahren bei GZSZ den Klassiker: Die Freundin verliebt sich in den Freund der besten Freundin und dann die ganze Geheimnistuerei. Das war wirklich schön zu erzählen, die große Liebe und der Verrat. Ein andermal war ein Kind in der Serie unheilbar krank und brauchte einen Spender. Das haben wir wirklich in allen Facetten erzählt, bis hin zur Frage, ob die Eltern ein neues Kind zeugen, quasi als "Materialbaby". In diese Geschichte hatten wir auch die DKMS (Deutsche Knochenmarksspenderkartei) ganz stark involviert, die dann sehr viele Anfragen bekommen hat von Menschen, die plötzlich spenden wollten. Generell - und speziell für dieses arme todkranke Kind in der Serie. Sowas gibt's immer wieder.

Süddeutsche.de: Einerseits ein schönes Ergebnis für eine gute Sache. Aber zweifeln Sie nicht am Zustand von Zuschauern, die die Serienfigur für real halten?

Schünemann: Ich sehe das eher als Kompliment. Wenn die Geschichte so stark und emotional erzählt wird, dass die Leute vergessen, dass es nur eine Serie ist. Es passiert natürlich auch Schauspielern, die jahrelang dabei sind, dass sie angefeindet werden. Gerade die Bösewichte werden manchmal in aller Öffentlichkeit angepöbelt. So ist das halt.

Süddeutsche.de: Auf der Website Ihres Verlages zum Beispiel gibt es in Ihrem Profil keinen direkten Hinweis auf Ihre Tätigkeiten als Soap-Autor. Wie groß ist die Versuchung, die Arbeit in dieser Branche nicht an die große Glocke zu hängen?

Schünemann: Für mich ist das überhaupt nichts, was ich verstecken würde. Im Gegenteil. In meinem Kurzlebenslauf ist das tatsächlich nicht erwähnt, weil ich es ja immer nur zwischendurch mache, zwischen meiner Arbeit an den Romanen. Aber es gibt Kollegen, die das ständig und dauerhaft tun, andere schreiben nebenbei Romane, arbeiten unter Pseudonym oder auch nicht. Da gibt es alles. Da wird eine Folge am Tag geschrieben und auch eine gedreht. Ein unglaubliches Produktionstempo, ich finde es faszinierend, dass das überhaupt funktioniert. Natürlich gibt es immer Sachen, wegen denen alle Bauchschmerzen haben. Aber es gibt mindestens so viele Beispiele, bei denen man sich hinterher wirklich freut. Wenn man irgendwo lernt, eine Geschichte zu erzählen, dann ist es bei der Soap.

Süddeutsche.de: Erstaunlich, angesichts der Arbeitsbedingungen, die Sie beschreiben.

Schünemann: Ja. Übrigens finde ich gerade auch den "Tatort" oft durchaus überschätzt, ich denke manchmal: "Warum machen die hier so einen Plot-Fehler?"

Süddeutsche.de: Und jemandem, der die harte Soap-Schule durchlaufen hat, würde so etwas nicht passieren?

Schünemann: Natürlich passiert sowas jedem. Aber bei der Soap lernt man einfach rasend schnell.

Süddeutsche.de: Sie ärgern sich also über das schlechte Image des Genres?

Schünemann: Es ist immer blöd, das zu sagen, aber vielleicht ist es doch ein deutsches Phänomen, alles was mit Unterhaltung zu tun hat, als minderwertig zu betrachten. Und das ist einfach Quatsch. In den USA oder in England genießen Soaps und ihre Autoren ein ganz anderes Ansehen, da wissen alle, sowas kann auch richtig gut sein. Übrigens: Vor kurzem schrieb Elke Heidenreich in der Welt eine "Liebeserklärung" an die Soap und sie hat mir aus der Seele gesprochen. Bei Lesungen werde ich manchmal gefragt: "Mal ehrlich, Herr Schünemann, jetzt wo Sie Ihre Romane haben, sind Sie nicht froh, dass Sie nicht mehr für diese Serien schreiben müssen?" In Zukunft kann ich nun immer sagen: "Lesen Sie, was Elke Heidenreich dazu geschrieben hat, ich habe dem nichts hinzuzufügen."

Süddeutsche.de: In "Daily Soap. Ein Fall für den Frisör" beschreiben Sie eine Crew im Kampf gegen die schlechten Quoten. Alle sind in Aufruhr, fürchten um ihren Job. Autoren bedrohen die "Schauschis" mit dem Serientod, diese sind tatsächlich unausstehlich... Wer terrorisiert denn wen am meisten an einem Soap-Set?

Schünemann: Nun, ich habe natürlich übertrieben. Aber es ist zum Beispiel schon so, dass die Schauspieler, bevor die sogenannten Futures, also längerfristige Planungen, geschrieben werden, sagen wir mal die Nähe der Autoren suchen. Dann heißt es: "Könnt ihr nicht vielleicht... oder das wäre doch schön... aber bitte nicht schon wieder dies und das!". Letztendlich müssen die Producer den Darstellern die Geschichten schmackhaft machen. Andersrum orientiert man sich als Autor natürlich an den verfügbaren Schauspielern.

Süddeutsche.de: Wobei die oft austauschbar wirken. Wo außer in Soaps wird einfach mal eine Rolle umbesetzt?

Schünemann: Es ist jedes Mal ein Drama, wenn plötzlich ein Schauspieler geht. Wenn er gerade in einer starken Geschichte steckt, müsste man die ja abbrechen. Das ist dann der Fall für einen Recast, wenn man dem armen Zuschauer zumutet, dass die Figur plötzlich ganz anders aussieht. Das habe ich bei "Verbotene Liebe" zuletzt erlebt mit Sebastian von Lahnstein. Wie man das dann erzählt, ist eher eine Kleinigkeit. Ob der alte Schauspieler einschläft und morgens der neue Schauspieler erwacht oder was auch immer. Wirklich dramatisch wird es, wenn ein Schauspieler krank wird, vielleicht auf unbestimmte Zeit. Das bedeutet Nachtschichten, sowas umzuschreiben. Damit hängen schließlich alle anderen Geschichten zusammen.

Süddeutsche.de: Haben Sie ein Beispiel?

Schünemann: Hardcore-Fans werden sich vielleicht erinnern, bei GZSZ wurde vor Jahren die Darstellerin der Xenia di Montalban krank und die Figur haben wir dann auf eine lange Reise geschickt. Und der arme Mann, der in der Serie gerade in sie verliebt war, hat gar nicht mehr kapiert, was los war. Er musste lange Liebeskummer leiden, bis sie zurückkam. Das haben wir einfach in die Geschichte aufgenommen.