Daily Show Jon Stewart macht Schluss

Jon Stewart am Set der Daily Show (Foto aus dem Jahr 2011).

(Foto: AP)

Aus, vorbei: Nach 16 Jahren hat Jon Stewart angekündigt, die legendäre "Daily Show" zu verlassen. Mit wem sollen wir jetzt die Absurdität der Welt in Grund und Boden lachen? Über den Mann, der die politische Satire der Gegenwart wie kein Zweiter prägte.

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Die Beatles lösen sich auf. Milli Vanilli werden beim Playback-Singen ertappt. Puff Daddy nennt sich plötzlich P. Diddy. Jede Generation hat ihr popkulturelles Trauma. Das hier ist unseres.

Jon Stewart verlässt im späteren Verlauf des Jahres die Daily Show. "Ich möchte an einem Wochentag mit meiner Familie essen. Viele Quellen sagen, dass das sehr nette Leute sind", sagte Stewart in seiner Show, die montags bis donnerstags um 23 Uhr läuft. Nach 16 Jahren endet damit eine Ära, die mehr als eine Generation politisch prägte - und das weit über Amerika hinaus.

Wer ihm nachfolgt, was er vorhat: All das ist derzeit noch nicht geklärt. Stewarts Vertrag läuft Ende dieses Jahres aus, sein langjähriger Weggefährte Stephen Colbert hatte den Sender Ende 2014 verlassen.

1999 übernahm Stewart (1962 als Jonathan Stuart Leibowitz geboren) das Abendformat Daily Show auf Comedy Central, damals sahen ihn viele Kritiker bereits auf dem Weg zum ewigen Talent. Die Lettermans dieser Welt dominierten den TV-Abend, im Weißen Haus erlebte Bill Clinton gerade den Herbst seiner Amtszeit und der Mainstream-Humor war unpolitisch.

Dann kamen George W. Bush und der 11. September.

Politischer Humor funktioniert umso besser, je mehr es beim Lachen weh tut. Stewart, der seine Show schon vorher extrem politisiert hatte, bescherte uns schmerzhafte Jahre.

Gegen die Verblödung der Massen

Die Paranoia und Exzesse des "Anti-Terror-Kampfes"; die bizarren Umdeutungen des Irak-Krieges zum Erfolg; die Lähmung des politischen Diskurses durch die Angst, als "unpatriotisch" zu gelten: Jon Stewart spießte den Zustand Amerikas und der Welt auf, mal spöttisch, mal wütend, mal genüsslich - aber nie mit Gleichgültigkeit oder ihrer Steigerung, dem Zynismus.

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16 Jahre hat Moderator Jon Stewart die Welt mit seinen beißend satirischen Beiträgen wachgerüttelt. Nun will er die "Daily Show" verlassen. Grund genug, einen Blick zurückzuwerfen. Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Der Verblödung der Massen durch Fox News und den Ritualen des Polit-Entertainments setzte er das Einzige entgegen, was den aufgeklärten Amerikaner vor dem Verlust des Verstandes retten konnte: hintergründigen Witz. "Würde ich jedes Mal fünf Cent kriegen, wenn Bush den 11. September erwähnt, könnte ich genug Belohnungsgeld zusammenkriegen, um Bin Laden zu finden", sagte er einmal. Stewarts Humor funktioniert häufig auf mehreren Ebenen.

Und er lebt vom Kontext, den TV-Ausschnitten, die Stewart kommentiert, dem plötzlichen Wechsel zwischen Spaß und Ernst, den Grimassen, dem Aufstöhnen über den Wahnsinn der Welt. Stewarts Satire hat nicht nur Nachahmer wie die heute-show gefunden, sondern auch einige Großkomödianten wie Stephen Colbert und John Oliver zutage gefördert, die in der Tradition der Daily Show längst ihren eigenen Stil entwickelt haben.

Und wer die Einspielfilme kennt, die jene furchtbar überdramatisierten TV-Beiträge der US-Nachrichtensendungen persiflieren, dem kommen viele der "echten" amerikanischen News-Clips plötzlich wie die wahre Parodie vor.

Vertrauen in die fortgesetzte Absurdität

Echt und falsch sind für Jon Stewart längst keine gültigen Kategorien mehr: 2007 kam er in einer Umfrage nach den am meisten bewunderten Journalisten in den USA auf Rang 4, 2009 wurde er gar zum vertrauenswürdigsten Vertreter einer Zunft gewählt, die er eigentlich karikiert.

Mit dem Ende der Bush-Ära verlor die Sendung zwar eine beliebte Zielscheibe, doch die Quoten gingen nach oben - vermutlich auch dank der Verbreitung der Clips im Netz. "Ich habe absolutes Vertrauen in die fortgesetzte Absurdität dessen, was auch immer passieren wird", hat Stewart einmal gesagt.

Das junge, gut gebildete Kernpublikum stimmt ihm offensichtlich zu: Der Zuschauerschnitt von überschaubaren 2,5 Millionen täuscht über den tatsächlichen popkulturellen Einfluss der Show hinweg. Jon Stewart steht nicht für eine politische Richtung, sondern für eine aufgeklärte Haltung zum Weltgeschehen.

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In der Obama-Amtszeit beschäftigte sich die Daily Show mit größeren Entwicklungen, der Korrumpierbarkeit der Politik durch die Wahlkampf-Milliarden, dem kaputten politischen Schauspiel in Washington und seinen Ursachen in Ideologie, Medien und System.

Um der Hysterie des amerikanischen Diskurses entgegen zu wirken, wurde er zum Aktivisten der Vernunft. Die von Stephen Colbert und ihm ausgerufene "Rally to Restore Sanity and/or Fear", eine Reaktion auf die Märsche der Tea Party, versammelte 215.000 Menschen in Washington.

"Vielleicht Zeit für etwas Unbequemlichkeit"

Seine Sendung war zwar zuletzt kein Muss mehr - in der Welt von heute folgt auf jedes Stückchen Zeitgeschehen innerhalb weniger Sekunden der ironisch-informierte 140-Zeichen-Kommentar. Es war dennoch beruhigend zu wissen, dass es sie gibt und die neue Generation politischer Hardliner nicht unverarscht bleibt.

In den vergangenen Monaten hatte Stewart mehrmals angedeutet, dass die Daily Show für ihn kein Job bis zur Rente sein werde - im Herbst 2014 erschien mit Rosewater sein erster Kinofilm, bei dem er für Regie und Drehbuch verantwortlich war. "Ich habe so ein Gefühl, dass ich nicht weiß, ob jemals etwas so gut zu mir passen wird wie diese Show", erzählte er im November NPR. "Gleichzeitig gibt es Momente, in denen du merkst, dass es nicht mehr genügt, oder dass es vielleicht an der Zeit für ein bisschen Unbequemlichkeit ist."

Was das Vermächtnis der Daily Show sein solle, fragte ihn vor einigen Monaten das New York Magazine. "Man möchte, dass es die Menschen dafür schätzen, was es glaube ich war: stets witzig, stets klug über einen langen Zeitraum. Ich hatte das Gefühl, dass wir die Gelegenheit niemals für selbstverständlich genommen haben. Ich möchte wahrscheinlich, dass die Menschen sagen: 'Diese Typen haben es jeden Abend gebracht, verdammt nochmal.'"

Diese Typen haben es jeden Abend gebracht, verdammt nochmal.