"Brigitte" versucht sich an Politik Creme für Kosovo

Die Moderatorin Sandra Maischberger beim 50. Geburtstag der Zeitschrift Brigitte im Jahr 2004. Im Wahljahr 2013 soll es in Deutschlands größtem Frauenmagazin nicht nur um Abnehmtipps und Falten gehen.

(Foto: dpa/dpaweb)

Die Zeiten, in der die "Brigitte" gesellschaftliche Debatten anstieß, sind seit den 70er Jahren vorbei. Im Wahljahr versucht das Magazin nun, sich auf politische Relevanz zu besinnen.

Von Mounia Meiborg

Nach nur fünf Minuten ist man beim wichtigsten Thema angelangt: dem Abnehmen. Auf dem Podium sitzt Katrin Göring-Eckardt, Spitzen-Kandidatin der Grünen, neben ihr die Chefredakteurin der Frauenzeitschrift Brigitte, Brigitte Huber. "Was war ihr größter Erfolg?", hatte die gefragt, und Göring-Eckardt erzählt: Von ihrem Einzug in den Bundestag 1998, von den vielen Schnittchen mit Mayonnaise, die dort rumstanden, von den 15 Kilo, die sie zunahm. Ihr größter Erfolg war nicht der Einzug in den Bundestag - sondern dass sie die Kilos wieder abgenommen hat.

Noch acht Monate sind es bis zur Bundestagswahl. Die Frauenzeitschrift Brigitte (Gruner + Jahr) hat deshalb unter dem Titel "Brigitte live - Frauen wählen!" sieben Interviews in verschiedenen Städten mit Politikerinnen organisiert. Im Mai kommt Angela Merkel ins Berliner Gorki-Theater. Katrin Göring-Eckardt ist an diesem Sonntagvormittag am selben Ort der erste Gast der Reihe. Politische Relevanz sei eine Kernkompetenz von Brigitte, hieß es in der Ankündigung. Das sehen die Leserinnen offenbar anders: Das Parkett des Theaters ist halb leer, unter den rund 150 Gästen sind einige junge Grünen-Wähler.

Göring-Eckardt trägt zum schwarzen Hosenanzug ein rosa T-Shirt, das mit den Plakaten des Kosmetik-Sponsors am Bühnenrand harmoniert. Gut gelaunt gibt sie Diät-Tipps (Joggen, keine Schokolade, kein Alkohol, abends keine Kohlenhydrate) und erzählt, dass sie mit zwei unterschiedlichen Strümpfen zum Termin gekommen war. Sie kommentiert die Sexismus-Debatte: "Das haben wir wahrscheinlich alle schon erlebt." Und die eigene Partei: "Die Grünen sind völlig Macho-frei." Sie lacht selbst über diesen guten Witz.

Wie ein neuer Marketing-Gag

Es ist ein lustiges Gespräch: Göring-Eckardt erzählt von ihrem holprigen Start mit der Partei in einem verrauchten Erfurter Ortsverein. Sachpolitik kommt nur am Rande vor. Brigitte Huber schafft es, selbst bei einer Frage nach dem Kosovo-Einsatz, gestellt von einem jungen Mann im Publikum, auf die persönliche Ebene zu kommen: "Sind Sie heute eine andere Frau als damals?" Man darf gespannt sein, wie Angela Merkel solche Fragen beantworten wird.

Bei den klassischen Frauenzeitschriften ist Brigitte mit knapp 580.000 verkauften Exemplaren Marktführer. In den vergangenen fünf Jahren ist die Auflage aber um ein Viertel eingebrochen. Im Herbst verkündete das Magazin, nun doch wieder mit professionellen Models arbeiten zu wollen Zweieinhalb Jahre zuvor waren die mit viel Tamtam aus dem Heft verabschiedet worden. Die Aktion war in der Branche auf Anerkennung, aber auch auf Kritik gestoßen. Denn die Amateurmodels sahen genauso aus wie die richtigen.

Auch der politische Live-Talk wirkt wie ein neuer Marketing-Gag - aber einer, der nicht recht passen will. Die Zeiten, in der das Magazin gesellschaftliche Debatten anstieß, sind schon seit den 70er Jahren vorbei. Politik sucht man in der aktuellen Ausgabe vergeblich. Mode und Fitness sind die Titel-Themen, im Heft gibt es Beauty-Tipps von Schauspielerin Julianne Moore.

Göring-Eckardt steht mit ihren Diät-Tipps also in langer Tradition. Am Ausgang des Theaters gibt es Creme gegen Falten. Politisches Interesse muss schließlich belohnt werden.