Bayerischer Rundfunk Baustelle Liebeskummer

Der BR erlebt derzeit den größten Umbruch seiner Geschichte. Beobachtungen aus einem Sender, dessen Mitarbeiter von der Veränderung überrannt werden.

Von Claudia Tieschky und Katharina Riehl

Das Gelände des Bayerischen Rundfunks in Freimann hatte immer diesen leicht schläfrigen Charme der Isarauen, weit weg von der Zentrale am Münchner Hauptbahnhof. Jetzt ist es eine Großbaustelle, und gemessen an der Betriebsamkeit muss es wirklich enorm viel Vergangenheit sein, die der BR gerade wegbaggern will, um hier sein neues volldigitales Sendezentrum für die Zukunft zu bauen. So geht es ja nicht nur dem BR, dass die Veränderung der Welt durch Datenströme alles alt aussehen lässt, was man kennt, und das Wort Zukunft eigentlich nur für die Frage steht, wie rette ich meine Haut?

Man nennt das Disruption, hier ist es halt Disruption in den Isarauen, wobei der BR, Zukunft hin oder her, natürlich auch nicht schlecht von seiner Vergangenheit lebt: Von der kleinen Anarchie, von Live aus dem Alabama, den Radioshows mit Gottschalk und Jauch, von der Ermutigung einer kritischen Öffentlichkeit, die seit den Achtzigern den BR eben auch ausmachte - neben den stets tipptopp gepflegten Beziehungen zur Staatskanzlei. Aber das war eine andere Zeit. Es geht nicht mehr um Anarchie oder CSU, nicht mal das Parteibuch des Intendanten Ulrich Wilhelm nimmt noch jemand ernst. Es geht um die Digitalisierung und ums Überleben. Und vielen im Sender geht der Weg in die Zukunft einher mit zuviel Abriss.

Besucht man den Intendanten, dann tut er das, was er seit Monaten tut: Er argumentiert

Fernsehen wurde in Freimann immer gemacht, aber auch das kann nicht bleiben, wie es war. Deswegen sehen hier an einem Tag im Juli mit Dauerregen ein paar aufgeweichte Journalisten neben aus dem Ei gepellten Moderatoren der Rundschau und BR-Hierarchen an Stehtischen ein Filmchen über das neue Rundschau-Studio an, das der BR an diesem Tag vorführt. Die Rundschau, die jetzt mehr regionale Themen macht, war das Synonym für Nachrichten im BR. Bis April 2016, als man aus Kostengründen um 20 Uhr die Tagesschau aus Hamburg ins Programm nahm - früher unter dem Gesichtspunkt bayerischer Identität ganz und gar undenkbar.

Früher ist jetzt vorbei. Der BR ist eine Baustelle und befindet sich im größten Umbruch seiner Geschichte. Und im Sender herrscht größtmögliche Verunsicherung.

In der föderalen Welt der ARD, in der es Geber und Bedürftige gibt, gehört der BR noch immer zu den reichen Sendern. Doch dann nannte der Bayerische Oberste Rechnungshof im Frühjahr 2016 alarmierende Zahlen: Ein Defizit von 100 Millionen Euro hatte der Sender von 2010 bis 2014 angehäuft, für 2017 bis 2020 drohe ein Minus von 328 Millionen. Trotzdem baut der BR in Freimann die neue Senderzentrale. Dafür ist Geld da, Intendant Wilhelm hat eine Schuldverschreibung über 200 Millionen Euro gezeichnet, die der Sender in Raten auf bis zu 30 Jahre verteilt abzahlen kann. Dann wird Wilhelm längst nicht mehr Intendant, aber der BR aller Wahrscheinlichkeit nach immer noch da sein. Nur anders.

Bisher war der BR im Großen und Ganzen ein Sender, in dem Hörfunkjournalisten, TV-Leute und ein paar junge Interneteinheiten jeweils Programm für ihre Spielwiese entwickelten. Wenn Freimann fertig ist, sollen Fachredaktionen Beiträge herstellen, ganz egal, ob die im TV oder Radio laufen, auf der Webseite oder über Social Media. Ein Totalumbau, während gleichzeitig so heftig gespart werden muss.

Das Rundschau-Studio ist schon Teil des neuen BR. Und deshalb ist die Nachricht, dass es dort ein Mini-Studio gibt, aus dem man bei aktuellen "Lagen" sofort mit nur zwei Leuten im Fernsehen und Web auf Sendung gehen kann, nicht nur eine Neuigkeit zur schnelleren Reaktionsfähigkeit. Sie gehört für Mitarbeiter in die Kategorie: Wie rette ich meine Haut? Wenn das Studio mit zwei Leuten betrieben werden kann - ist das der Vorbote für weiteren Stellenabbau? Und zugleich würden paradoxerweise überall neue Chefposten geschaffen werden, hört man derzeit oft von Mitarbeitern. Und wenn auf dem aufgewühlten Baugelände in Freimann Parkplätze fehlen, ist das eine Lappalie. Sogar das aber kann das Gefühl auslösen: Ist für mich hier noch Platz? Es grassiert eine spezielle Form von Paranoia.

Collage: Christian Tönsmann; Foto: PR, Gemeinfrei

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Besuch beim Intendanten, im 15. Stock des BR-Hochhauses in der Innenstadt, der Panoramablick auf die Alpen, auf die Wiesn. In diesem Klischee sitzt Ulrich Wilhelm, 56, die Freundlichkeit in Person, und tut, was er seit Monaten tut. Er argumentiert. Er hat, zum Beispiel, Papiere vor sich, die belegen, wie viele Führungspositionen es im BR Anfang 2016 gab, 187, und wie viele jetzt: 169. Wilhelm, der als Regierungssprecher von Angela Merkel das beharrliche Vortragen von Alternativlosigkeiten gelernt hat, müht sich ab, 5000 Mitarbeiter von seinem Zukunftsplan zu überzeugen, in dem Fernsehen, Radio und Online keine unterschiedlichen Welten sind.

Er sagt, die Kritik am Reformprozess "findet nicht hinter meinem Rücken statt". Die hört er sehr direkt. Er hat massenweise interne Infoveranstaltungen hinter sich. Und trotzdem immer wieder die gleichen Befürchtungen. Es seien eben nicht immer alle erreichbar bei solchen Infotreffen, sagt Wilhelm so verständnisvoll wie jemand, der in dieser ganzen großen Anordnung einfach keinen Fehler und keine Gegner erkennen mag - die Außendrehs, die Schichtdienste. Dabei könnten sogar Korrespondenten zusehen und online Fragen stellen bei solchen Terminen.

Noch Fragen? Überall Fragen. Der BR hat zum Beispiel das Mittagsmagazin, bislang eine tägliche Produktion aus Bayern, an den RBB abgegeben, um jährlich zwei Millionen Euro zu sparen. Manch einer sieht das als Verlust gesamtdeutscher Bedeutung. Eine Programmreform vor zwei Jahren sollte dem BR zu mehr Themen vor der Haustür und einem jüngeren Publikum verhelfen. Dann kam der Sparzwang mit Wucht. Was blieb, war der Eindruck, dass Reform und Trimedialität nur andere Worte für Stellenstreichen waren. Dass es so schlimm aussieht, betrachten viele in der ARD übrigens nicht nur als eigenverschuldet, denn kräftige Zuschläge im Etat gab es auch von der unabhängigen Finanzkommission Kef schon lange nicht mehr. Wilhelm macht klar: "Weil wir seit Jahren nicht einmal mehr die Teuerung ausgeglichen bekommen, werden wir ab 2018 um massivere Einschnitte auch im Programm nicht herumkommen, die Einsparungen werden sich ins Programm fressen."

Die Angst macht den BR mobil, zu einem Treffen von Rundrundfunkräten mit der Freienvertretung vor ein paar Monaten kamen 200 Leute. Es ging um die Sorge, ob der BR an Qualität verliert, um das "Bedrohungsgefühl" der Mitarbeiter. In einem Bericht über die Veranstaltung kann man den gesammelten Ärger nachlesen: Landtagsreporter Rudolf Erhard etwa wird mit dem Satz zitiert: "Wo man kratzt und bohrt, ist schlechte Stimmung." Und manchmal klingen die Menschen im BR auch wie Leute mit Liebeskummer. Dabei geht es nicht um Liebe. Es geht um Geld.

450 Stellen

will der BR von 2015 bis 2025 in der Produktion abbauen, betroffen sind Berufsgruppen wie Kulissenmacher, Schreiner oder Cutter und Beleuchter. Rund 5000 feste und freie Mitarbeiter gibt es im Sender. Bisher kam es zu Einsparungen von fünf Prozent pro Jahr in der Produktion und drei Prozent im Programm. Der BR ist mit einem Gesamtetat von etwas mehr als einer Milliarde Euro die viertgrößte Anstalt der ARD, nach WDR, SWR und NDR. SZ

Von außen betrachtet wirkt das inzwischen bisweilen auch so: Sobald der Vertrag, sagen wir von zwei Tierfilmern, über die Rentengrenze hinaus nicht verlängert wird, geht das Geschrei los. Von innen betrachtet ist es die pure Zukunftsangst.

Beim BR, sagt Wilhelm, werden diese Prozesse vergleichsweise liebevoll durchgeführt

Der Rundfunkratsvorsitzende Lorenz Wolf ist Jurist, Priester und im Hauptberuf Leiter des Katholischen Büros Bayern. Er sagt: "Dass die Sparzwänge so hart würden, wurde vor dem Amtsantritt von Ulrich Wilhelm so nicht erkannt." Er sei seit 2010 im Rundfunkrat und habe das auch nicht bemerkt. Wolf sieht im BR Leute, die begeistert auf die Veränderung reagieren, einen Teil, der abwarte und eine Minderheit, die keine Veränderung wolle, auch weil sie sich selbst nicht ändern mag. Trimedialität und Sparzwang machten vielen Mitarbeitern Sorgen, "die kann ich gut verstehen". Dass die Reformen aber gemacht werden müssen, stehe "außer Frage".

Und was sagt Ulrich Wilhelm? Hat er Verständnis für die Angst seiner Mitarbeiter? Findet er, sie sollen sich mal zusammenreißen, weil doch außerhalb des öffentlich-rechtlichen Betriebs gerade im Journalismus die Bedingungen schon seit Jahren deutlich härter sind als im BR? "Beides", sagt Wilhelm. "Ich weise schon auch manchmal darauf hin, dass diese Prozesse bei uns vergleichsweise liebevoll und beschützend durchgeführt werden."

Bleibt die Frage, ob das so sein muss. Alles gleichzeitig - hätte man nicht entzerren können, das Sparen, die Reform, den Umzug? "Das frage ich mich durchaus auch selbst", sagt Wilhelm. "Aber die Antwort ist: Nein." Ulrich Wilhelm, der Ganz-oder-gar-nicht-Mann.

An jenem Tag in Freimann tut auch Informationsdirektor Thomas Hinrichs alles, um die Vision vom BR zu erklären. In seiner Direktion wurden 2014 alle aktuellen Redaktionen zusammengefasst. Jetzt stürmt er mit dem Besucher zum Bayern Newsroom. Hier organisieren seit November 2016 fünf Mitarbeiter und ein Chef vom Dienst die Aktualität nach der neuen Logik. Hier laufen Nachrichten aus ganz Bayern ein, Angebote von fünf Regionalstudios, 20 Korrespondentenbüros, 50 Mitarbeitern. Hier werden Termine, Informationen und Nachrichten gewichtet und auf TV, Radio und Internet-Ausspielwege wie die App BR 24 verteilt. Hinrichs greift sich einen Block und malt Kreise, einen in der Mitte, kleinere drumherum, die Büros in Würzburg, Nürnberg, Regensburg und Augsburg. Und er zeichnet Verbindungslinien. Die Zeichnung ist bloß ein Behelf, aber eines macht sie klar: Trimedialität ist vor allem Kommunikation. Vielleicht ist es das, was der BR gerade lernt.

Als eines der ersten Gebäude entsteht in Freimann neben dem Parkhaus und dem Empfang übrigens die Kita. "Sonst kriegen wir keine guten Leute", sagt Hinrichs und macht einen durchaus ernst gemeinten Scherz. "Wegen der Bezahlung oder der Altersvorsorge kommen die Leute nicht mehr zu uns."