Arte Ein vergessenes Leben

Aus Frankreich nach Auschwitz deportiert: Bernard Natan.

(Foto: Screenworks)

Bernard Natan, ein Jude, hat Frankreichs Kino geprägt - dennoch ließ man ihn nach Auschwitz deportieren. Eine Doku zeichnet seinen Weg nach.

Von Tim Neshitov

Im September 1942 schrieb Bernard Natan an seine Frau und die beiden kleinen Töchter in Paris: "Schickt mir Geld und Kleidung aus Wolle, und Holzschuhe für den Winter. Grüße und viele Küsse vom Papa." Es gehe ihm gut, schrieb Natan, er arbeite in . . . - dieses Wort radierten die Zensoren in Auschwitz aus. Ein letzter Gruß, im Januar 1943, abgeschickt aus Block 14. Wann und wie genau Bernard Natan starb, weiß die Familie bis heute nicht.

Die meisten Franzosen, geschweige denn Nichtfranzosen, wissen nicht, dass dieser Mann überhaupt gelebt hat. Und das ist unglaublich. Natan war vor dem Zweiten Weltkrieg der französische Filmmagnat gewesen, Produzent, Regisseur, Kinosaalbesitzer in einer Zeit, als der enttäuschte Pionier des französischen Kinos, Charles Pathé, hingeschmissen hatte, während die Kollegen in Hollywood die Welteroberung planten. Der geistreiche Natan sorgte dafür, dass das französische Kino überlebte und sich mit Filmen wie Les Misérables und Les Croix de bois sogar gegen Hollywood behaupten konnte.

Die Dokumentation Natan von David Cairns und Paul Duane erinnert an Natans zerstörtes Leben. Sie wird an diesem Dienstag erstmals in Deutschland ausgestrahlt und ist auch deswegen sehenswert, weil sie zeigt, auf was für eine hässliche Art ein Leben in Frankreich heute noch verdrängt werden kann.

Bernard Natan war Jude, geboren in Rumänien als Nuham Tannenzaft. Er kam mit 19 nach Paris und fühlte sich bald wohl in Frankreich, vor allem in den Kinosälen. Er wollte unbedingt in die Branche, arbeitete im Labor bei Pathé und als Filmvorführer. Seine Frau lernte er im Kino kennen, sie spielte neben der Leinwand Klavier. 1910 wurde Natan zusammen mit Wochenschau-Kollegen wegen Herstellung und Verbreitung erotischer Aufnahmen verhaftet und saß vier Monate im Gefängnis. Man weiß nicht, was für Aufnahmen das waren, härtere Strafen wurden damals für die Verbreitung von Kondomen verhängt. Polizisten versenkten das beschlagnahmte Material in der Seine (und wurden ihrerseits wegen Flussverschmutzung festgenommen). Aber diese Geschichte holte Natan Jahrzehnte später ein wie eine Abrissbirne in Zeitlupe.

Kein Denkmal, keine Straße erinnert in Frankreich an ihn

Als er 1938 vom eigenen Partner abgesägt wurde, einem Geschäftsmann mit auffällig guten Kontakten nach Deutschland, schossen sich die Pariser Medien auf Natan ein, der zum einen ein Gauner und zum anderen schon immer pervers gewesen sei. Er war plötzlich sehr unbeliebt. Die Linken verachteten Natan den Kapitalisten, die Rechten - den eingewanderten Juden. Natan verschwand im Gefängnis. Im Vichy-Frankreich war sein Kopf auf dem Plakat der großen Ausstellung Le Juif et la France zu sehen, der größte Kopf unter den bloßgestellten Feinden.

Natan schrieb Briefe nach oben, erinnerte daran, dass er sich 1914 freiwillig an die Front gemeldet hatte, mit dem Croix de Guerre ausgezeichnet worden war. Im September 1942 wurde ihm die französische Staatsbürgerschaft aberkannt, was eine schnelle Deportation bedeutete. Er wurde auf den ersten Zug gesetzt, der aus dem Sammellager Drancy in Richtung Auschwitz rollte. SS-Obersturmführer Röthke erstattete seinem Vorgesetzten Adolf Eichmann in Berlin extra Bericht. In diesem Film kommt der französische Nazi-Jäger Serge Klarsfeld zu Wort. Er sagt, Eichmann sei von seinen Leuten in Paris nur zweimal über einzelne Deportierte informiert worden: über René Blum, den Bruder von Leon Blum, und über Bernard Natan.

Dafür wurde Bernard Natan erstaunlich schnell vergessen. Keine Denkmäler, keine Straßen, die nach ihm benannt sind. Es ist bezeichnend, dass ein Ire und ein Engländer, nicht etwa Franzosen, auf die Idee kamen, eine Dokumentation über Natan zu drehen. Sie fanden Natans Enkeltöchter in Paris, ließen die Enkeltöchter Briefe des Großvaters vorlesen, sie sprachen mit Filmhistorikern und suchten mit ihrer Kamera die Fémis auf, die größte Filmhochschule Frankreichs. La Fémis sitzt im 18. Arrondissement in dem Gebäude, in dem mal Natans Tonstudio untergebracht war. Studenten, die hier lernen, wissen das nicht.

Es ist eine traurige Doku. Bart Bull, ein amerikanischer Essayist, der Natan sehr schätzt, weint. Er kann das Ganze nicht begreifen. Ein anderer Amerikaner spricht sehr selbstbewusst. Professor Joseph Slade aus Ohio. Er schrieb vor Jahren einen Artikel, in dem er Natan als betrügerischen Geschäftemacher und einen der "historisch bedeutendsten" Pornoproduzenten des Stummkinos vorstellte. Vor der Kamera sagt Professor Slade nun, er wisse nicht, ob das so stimme. Das Leid, das sein Artikel der Familie zugefügt habe, tue ihm leid. Er hoffe, dass Bernard Natan seinen gerechten Platz in der Geschichte einnehmen werde. Unglaublich.

Natan, Arte, Dienstag, 23.15 Uhr.