Vom Aussterben einer Delikatesse Der Frosch lacht nicht mehr

Rana ridibunda - lachender Frosch - heißt der quakende Leckerbissen, dessen Schenkel die Franzosen zum Fressen gern haben. Er vermehrt sich so stark, dass er anderen Artgenossen die Lebensgrundlage nimmt. Bald gibt es in Frankreich nur noch fleischige Seefrösche.

Es ist halb zwei, Zeit fürs Déjeuner, wie die Franzosen ihr Mittagessen nennen. In der kleinen Küche von Roger la Grenouille im Pariser Quartier Latin duftet es verführerisch. Chefkoch Benjamin Cattan bereitet seine Spezialität zu. Reichlich Öl, frischer Koriander, Knoblauch, Sesam und Zitronensaft gibt er in die Pfanne auf dem alten Gasherd. Es sind die Zutaten für das Hauptgericht: Froschschenkel.

Erst sehen sie, nun ja, ekelig aus. Zehn Paar von weißrosa-farbenen, kleinen Fleischbollen, am Becken zusammengehalten von dünnen Sehnen. Nach wenigen Minuten bei scharfem Feuer haben sie eine hellbraune Kruste. "Sie schmecken einfach fantastisch", schwärmt Cattan. "Eine Symbiose von Wachteln und Jakobsmuscheln, die perfekte Harmonie von Geflügel und Meerestier. Sie müssen unbedingt probieren!" Ein schlechtes Gewissen? "Hören Sie bloß auf, das ist doch eine philosophische Diskussion. Froschschenkel gehören zur französischen Kultur wie Foie Gras und Hummer."

Mit ihrer Obsession für die Delikatesse haben die Franzosen aber ungeahntes Unheil angerichtet, wie Forscher jetzt festgestellt haben. Seit den 70er Jahren wurde der besonders fleischige Seefrosch (Rana ridibunda) massenweise aus Zentralasien und Osteuropa importiert, 5.000 Tonnen pro Jahr, gedacht zum Verzehr. Aber nicht alle der Amphibien landeten auf den Tellern der Gourmets, etliche hüpften aus den Froschfarmen davon.

Frösche verdrängen Frösche

Und weil der Seefrosch sehr konkurrenzstark ist, länger lebt und sich schneller vermehrt, hat er die einheimischen Arten fast vollständig verdrängt. "Im Rhône-Tal zwischen Lyon und Arles lebt nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Frosch-Bevölkerung", sagt Dirk Schmeller. Der Wissenschaftler der CNRS-Forschungsstelle für experimentelle Ökologie in der Region Ariège hat den alarmierenden Befund gerade in einer Studie veröffentlicht.

Er sieht das biologische Gleichgewicht in Gefahr: "Durch die Verdrängung der kleinen Frösche können zum Beispiel Vögel und Fische ihre Nahrungsgrundlage verlieren." Zu stoppen sei das Vordringen der Seefrösche nicht. Bei seinem Eroberungsfeldzug kommt dem "Grenouille rieuse" (der lachende Frosch, wie er wegen seines kehlig klingenden Quakens in Frankreich heißt) eine Laune der Natur zugute: Paart sich das Weibchen mit dem einheimischen Teichfrosch oder Grafschen Hybridfrosch, was es gerne tut, ist das Ergebnis ein lupenreiner Seefrosch.

Das Problembewusstsein hat der deutsche Forscher bei seinen französischen Kollegen inzwischen geweckt. Vor zehn Jahren wurden ihm an einer Forschungsstation in Südfrankreich noch Froschschenkel vorgesetzt, er war entsetzt. Auf sein Drängen wurde die Delikatesse schnell abgesetzt. Schließlich geht es nicht nur um Artenvielfalt, sondern auch um Tierquälerei.

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