Typologie der FahrradfahrerI want to ride my bicycle

Die Steinchen fliegen, der Reifen surrt, das Gehirn schaltet auf Tunnelblick - der Downhill Biker kennt nur eine Richtung: rasant runter. Hohe Geschwindigkeiten sind dagegen nicht die Sache der gemeinen Hollandradlerin. Eines haben beide jedoch beide gemeinsam: Ihre Tretmühlen sind Spiegel ihrer Persönlichkeit.

Das Fahrrad als schlichtes Fortbewegungsmittel war einmal. Heute ist das Velo ein Accessoire und Statussymbol. Die neuen Trends werden derzeit am Bodensee auf der weltgrößten Fahrradmesse, der Eurobike, präsentiert. Längst gibt es Räder von Armani, Gucci und Chanel, aus zweckmäßigen Radl-Läden wurden durchdesignte Velo-Boutiquen. Auf Flohmärkten erzielen Händler für Klassiker aus den sechziger Jahren heute Rekordpreise. Längst sind Fahrrad und Fahrer zu einer stilistischen Einheit verschmolzen. Die Botschaft: Das Rad dreht mich weiter. Eine kleine Typologie.

Das Holz-Rad

Die Fahrer: Gelangweilte Geldmenschen, die neben dem Riva-Boot am Gardasee, fünf Oldtimern, einem Haus auf Sylt und dem letzten Westwood-Fummel wieder mal was Neues brauchen.

Das Rad: Heißt mal Woodbike, mal Waldmeister und kostet gerne 13.000 Euro (im Eigenbau auch weniger). Je nach Anbieter in deutscher Birke oder vietnamesischem Bambus zu haben. Und die Ausführung in kanadischer Zeder ist wohl nur eine Frage der Zeit. Das Holzrad ist gerade in Krisenzeiten eine noch sinnvollere Wertanlage als jeder tonnenschwere Goldbarren unter dem Dielenboden. Wird der Euro gerettet, so kann der Rad-Besitzer fakultativ weiter durstige Autos benutzen - das Holzfahrrad stellt er sich dann als Einrichtungsstück gleich neben den Konzertflügel ins Wohnzimmer. Geht's an den Börsen jedoch wieder bergab und mit dem Ölpreis weiter bergauf, so hat der verwöhnte Stadtmensch wenigstens ein geeignetes Fortbewegungsmittel für seine Selbstverpflegungsreisen an den Starnberger See. Und wenn's abends mal in seiner Altbauwohnung im dritten Stock besonders kalt wird, so kann er sein schönes Designerstück auch einfach im Ofen verfeuern.

Die Botschaft: Ich bin nicht nur umweltbewusst und naturverbunden, sondern auch kunstinteressiert. Ich nutze mein Geld, um mir Gedanken über die Zukunft zu machen. Und weil ich auf meinem Gefährt genauso aussehe, wie der kleine Florian aus dem Nachbarhaus auf seinem Like-a-Bike (früher: Laufrad), bin ich auch kinderlieb.

Martin Zips, SZ vom 01.09.2011

Bild: picture alliance / dpa 1. September 2011, 11:132011-09-01 11:13:29 © SZ vom 01.09.2011/jobr