Tugend des Aufschiebens Die Nützlichkeit des Tagträumens

Das macht John Perry nicht. Der inzwischen emeritierte Professor für Philosophie in Stanford ist bekennender Prokrastinierer, was so viel bedeutet wie: ein chronischer Aufschieber. Prokrastination, also das ständige Vor-sich-her-schieben, könnte man als eine Unterart der Faulheit bezeichnen, wenn sich auch die Symptome lesen wie der Beginn einer leichten bis mittleren Geisteskrankheit. Sein Leben lang quälte sich Perry mit seinem Verhalten ab, fühlte sich schuldig - und schrieb eines Tages einen Essay darüber.

Faulheit ist Zeitverschwendung? Nicht unbedingt. Eine Ausrede für Aufschieber.

(Foto: dpa)

Das tat er wirklich nur, um einer anderen, viel wichtigeren Aufgabe zu entkommen - eben das klassische Muster eines Aufschiebers. "Ich hatte einen Stapel Papiere, die ich benoten sollte, und noch ein paar andere Dinge zu erledigen, und ich machte es nicht, was typisch ist für mich. Es gab gar keinen Grund, es nicht zu erledigen, aber ich tat es trotzdem nicht und fing an, depressiv zu werden und mich richtig mies zu fühlen", erzählte Perry kürzlich im National Public Radio. "Aber dann fiel mir auf, dass ich eigentlich eine Menge Dinge erledigt bekomme. Immerhin hielten die Leute in Stanford mich für einen rührigen Macher, sie setzten mich in einen Haufen Komitees und übertrugen mir viele Aufgaben. Und ich veröffentliche ziemlich viel und schaffte es, meinen Job zu behalten."

Perrys kleiner Aufsatz machte bald im Internet die Runde - und fand unglaubliche Resonanz. Eigentlich kein Wunder, das Phänomen der "Erledigungsblockade" ist weiter verbreitet, als Sie annehmen: In einer Umfrage von 1999 erklärten beispielsweise 40 Prozent aller befragten Amerikaner, dass ihnen wegen ihrer Prokrastination bereits Nachteile entstanden wären, ein Viertel von ihnen meinte sogar, sie würden unter chronischem Handlungsaufschub leiden.

Diesen Sommer, schlappe 15 Jahre nach der Erstveröffentlichung des Essays, hat Perry ein Büchlein daraus gemacht, knapp über hundert Seiten, große Zeilenabstände - und es ist genau das, was Sie brauchen, um mit Ihrer Schwäche ins Reine zu kommen. Denn Perrys These besagt: Liegenlasser und Aufschieber mit Plan schaffen in Wahrheit enorm viel. Gerade weil sie alles vertrödeln und tausend andere Dinge finden, die sie stattdessen erledigen. Hey, Sie sind toll! Und im Zuge seines Spaziergangs durch die Irrungen der Prokrastination schweift Perry gleich in einen kleinen Diskurs über die Irrationalität des Menschen im Allgemeinen und die Nützlichkeit des Tagträumens im Besonderen ab - kleiner Zugewinn für ein Buch, das man zweifellos jedem drögen Geschäftsbericht vorziehen sollte.

Wellen und Wolken versus Handy und Twitter

Falls Sie wissen wollen, welchen praktischen Nutzen außer dem theoretischen Gutgefühl man aus seiner individuellen Faulheit noch ziehen kann: Schauen Sie sich bei den britischen Müßiggängern um, vor allem bei den zwei Herausgebern des Idler, eines Magazins, das sich als einmal jährlich erscheinendes Buch tarnt. Der eine, Tom Hodgkinson, hat sich aufs Land zurückgezogen und befasst sich damit, die anfallenden Arbeiten des Jahres in angenehme Aufgaben zu portionieren. (Was übrigens ein wirklich funktionierender Trick ist, um Schwächeanfälle zu überwinden: Zerteilen Sie eine unüberwindliche Aufgabe in möglichst viele kleine Schritte.) Also: Holzhacken im Januar. Bienen im Juni. Bierbrauen im Oktober. Fest im Dezember.

Der andere Idler, Gavin Pretor-Pinney, betrachtet lieber. Beispielsweise Wolken. Das liegt schließlich nahe, wenn man gern auf dem Rücken liegend in den Himmel sieht. Und dann, tagträumend, Gestalten in ihnen entdeckt, möglicherweise im Internet stundenlang den Kumulus-Wolken hinterherjagt und schließlich sogar ein Buch darüber schreibt: "Wolkengucken". Dann, eines Tages am Meer: keine Wolke, nirgends. Pretor-Pinney musste zwangsläufig den Blick nach unten richten und entdeckte: Wellen. Schrieb ein Buch über sie. Bekam den renommiertesten britischen Wissenschaftsbuchpreis dafür. Tja.

Wellen und Wolken und das Betrachten derselben: Es gibt wohl keine größere Antithese zum ratrace, zum Handyklingeln also, zum E-Mail-Schreiben, Twittern und ununterbrochenen Geplapper der beschäftigten Welt, für die jeder Augenblick mit wesentlichen Inhalten gefüllt werden muss. Wobei die Betonung auf wesentlich liegt.

Aber wenn es Ihnen tatsächlich so wichtig ist, das schlechte Gewissen in den Griff zu bekommen, hier ein paar Referenzen von Leuten, die es trotzdem geschafft haben. Albert Einstein praktizierte das Nickerchen. Er behielt beim Dösen seinen Schlüsselbund in der Hand, wenn der ihm entglitt, bedeutete das: aufwachen, sonst folgt der Tiefschlaf. Marcel Proust wiederum lag wochenlang im Bett. Einmal lud er einen Gast auf einen Kurzbesuch in sein Schlafzimmer - um sich zu vergewissern, dass er diesen auch richtig beschrieben hatte in seinem Roman. Der hieß "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Nicht schlecht für eine Schlafmütze.