SZ-Serie: Freitagsküche Haben Sie denn reserviert?

Es gibt Lokale, die sind derart legendär, dass deren Namen selbst Menschen ehrfurchtsvoll im Munde führen, die noch gar nicht da gewesen sind. Orte, die man also dringend einmal überprüfen sollte. Wie ist es dort eigentlich wirklich?

Katz's, New York

Als Katz's eröffnet wurde, war die Lower East Side noch ein Slum für Emigranten aus Osteuropa. Heute lassen es sich dort 25-jährige Grafikdesigner und ihre Facebook-Friends gutgehen. Doch während die Bars in der Umgebung kommen und gehen, ändert sich in der muffigen Halle an der Ecke Houston und Ludlow nie etwas. So wurde Katz's zum legendärsten Lokal von New York. Hunderte Stars, deren Fotos die Wände schmücken, aßen hier schon; fünf Präsidenten kamen; und seit Jahren machen Touristen bis zu 50 Prozent der Kundschaft aus. Dem Restaurant konnte das alles jedoch nichts anhaben.

Restaurant? So weit sollte man wohl nicht gehen. Sieht man von den Fleischbergen ab, die hier verschlungen werden, erinnert Katz's eher an die Kantine eines polnischen Bergwerks um 1961. Neonlicht fällt auf speckige Tresen und Resopaltische. Verkümmerte Angestellte in grauen Kitteln werfen schmutzige Teller zusammen. Und abgerechnet wird mit einem undurchsichtigen System von "Tickets", die an Busfahrscheine aus Mumbai erinnern. Es scheint dieser rohe Charme des alten New York zu sein, der die Gäste in Scharen zu Katz's bringt. Das Essen jedenfalls kann es nicht sein. Es gibt alles Mögliche, sogar Espresso, die einzige Konzession an den Zeitgeist. Doch eigentlich bestellen alle nur das eine: Pastrami-Sandwich - zwei Scheiben Mischbrot, dazwischen ein Haufen mürbes, rotes Rindfleisch, und auf einer nassen Untertasse eine saure Gurke. Ein schlichtes Mahl. Doch dahinter, so, erklärt Besitzer Allan Katz, stehe ein langwieriger Prozess, der auf seinen Urgroßvater zurückgeht, einen deutschen Juden, der den Laden 1888 gründete: Erst wird das Fleisch einen Monat lang in einer Geheimmischung aus Essig, Salz und Gewürzen eingelegt, dann zwei Tage geräuchert, drei Stunden gekocht und schließlich im Dampf heiß gemacht.

Die ersten Bissen des unhandlichen Dings schmecken tatsächlich großartig, doch die Reue kommt bestimmt, und sie hält noch eine Weile an. War es die Übelkeit, die Meg Ryan in dem hier gedrehten Film "Harry und Sally" dazu brachte, an einem Katz-Resopaltisch ihren Orgasmus zu faken? Katz selbst, der stets von Tisch zu Tisch geht und Touristen wie Einheimische fragt, ob alles okay sei, gibt zu, dass das Sandwich etwas schwer sei. "Jeden Tag würde ich es nicht essen."

(Jörg Häntzschel)