Syrische Flüchtlinge Neues Land, neues Leben

Hanadi und Ahmad aus Syrien haben in Deutschland eine neue Heimat gefunden.

(Foto: Sascha Montag/Zeitenspiegel)

Ein Wunder brachte Hanadi und Ahmad 2012 schwer verletzt nach Deutschland - als erste Flüchtlinge aus dem syrischen Bürgerkrieg. Die Geschichte ihrer Ankunft.

Von Jan Rübel

Hanadi wartet auf einen Traum. In diesem Traum ist sie wieder in Syrien. Dort lugt sie aus dem Haus ihrer Familie in der Kleinstadt Kusseir und lacht in die Sonne. Draußen spielende Kinder, drinnen Mama am Herd. Doch dieser Traum, in dem sie wieder ein Leben wie früher führt, kommt einfach nicht.

Hanadi wirft einen Blick in den Spiegel. Es ist kurz vor 19 Uhr, gleich gibt es Spaghetti bolognese im Gemeinschaftsraum. Eine Haarsträhne fällt seitlich bis zu ihren Schultern, ihre Augenbrauen sind geschminkt, die Wimpern mit Mascara fein getrennt. Die 15-Jährige zieht den Kragen ihres Rollpullis hoch. Ihr Blick verrät nicht, dass sie nur viereinhalb Stunden geschlafen hat. Nachts kommen die Gedanken und Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Für andere ist Hanadi die Starke. Die gern lacht und gut zuhören kann, hier im Projekt "Betreutes Jugendwohnen für Mädchen" in München-Pasing. "Innen fühle ich mich schwach, aber das zeige ich nicht." Wenn Hanadi tatsächlich von Syrien träumt, ist da nur dieses Feuer.

"Mein Ziel war, einfach frei zu sein!"

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Am 13. März 2012 steht sie mit ihrem fünf Jahre älteren Bruder Ahmad in der Küche ihres Elternhauses, als eine Granate einschlägt. Der Gaskocher neben ihnen explodiert, beide stehen in Flammen. Rund 85 Prozent von Hanadis Haut verbrennen, bei Ahmad sind es 75 Prozent. Rebellen der "Freien Syrischen Armee" laden beide auf einen Pick-up und rasen auf Schleichwegen an die 30 Kilometer entfernte Grenze zu Nordlibanon - in ihrer im Bürgerkrieg versinkenden Heimat kann kein Krankenhaus sie aufnehmen. Die Eltern bleiben zurück, sie vermissen zwei ihrer Kinder. An der Grenze bringt ein Rettungswagen Hanadi und Ahmad in das Krankenhaus "Hôpital de la Paix" nach Trablous.

Hier müsste die Geschichte eigentlich enden. Ärzte können für die beiden nichts tun - sie benötigen dringend gezüchtete Haut, die in Libanon niemand herstellt. Hanadi und Ahmad liegen im Sterben. Doch dann geschieht ein Wunder, das sie zu den ersten Flüchtlingen aus dem umkämpften Syrien macht, die Deutschland erreichen.

Veronika Faltenbacher denkt nicht lange nach

Der deutsche Reporter Carsten Stormer will im "Hôpital de la Paix" die Lage syrischer Flüchtlinge recherchieren. Der Arzt lässt ihn für ein paar Sekunden zu Hanadi und Ahmad. Wie ein Geier fühlt sich Stormer, als er auf den Auslöser seiner Kamera drückt. Betäubt vom Anblick der von Wundsekret durchgesickerten Verbände fährt er zu einem Internet-Café und postet die Fotos der beiden bei Facebook. "Hanadi und Ahmad sind schwer verwundet, die Kinder werden ohne Hilfe nicht überleben." Dieser Satz wandert ins Internet.

Hanadi, 15, lebt inzwischen in einer betreuten WG in München. Bei einem Granateneinschlag wurde ihre Haut zu 85 Prozent verbrannt.

(Foto: Sascha Montag/Zeitenspiegel)

Im entfernten München zappt sich an jenem Sonntagabend des 18. März eine junge Frau durchs Fernsehprogramm, ist nebenbei online. Als Veronika Faltenbacher auf dem Sofa Carsten Stormers Nachricht liest, denkt sie nicht lange nach. Sie schickt eine SMS an einen Bekannten, der informiert einen Arzt. Dieser macht sich auf die Suche nach einem Krankenhaus. Am 20. März kursiert der erste Spendenaufruf im Netz. Binnen sechs Tagen haben sich sechsstellige Euro-Beträge angesammelt, große Einzelspenden, aber auch viele kleine Beträge. Grünes Licht. Ein nun finanzierter ADAC-Rettungsflieger hebt von München aus ab nach Nahost.

Von all dem kriegen die beiden Jugendlichen nichts mit, sie landen mit multiplem Organversagen in der Nacht zum 31. März in München. 15 Ärzte operieren im Haunerschen Kinderspital mehrere Tage ehrenamtlich, dann stellen sie fest: Ihr Leben, das schon am seidenen Faden hing, werden Hanadi und Ahmad behalten. Beide bleiben acht Wochen lang in künstlichem Dauerschlaf, wegen der Schmerzen.