Was, bitte, ist ein "schöner" Tod?

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Sterben macht keinen Spaß. Dem Sterbenden nicht und den Anwesenden nicht. Insofern schickt die Hospizbewegung der Himmel. Dort ist man konsequent aufs Sterben eingestellt und macht es sich zur Aufgabe, es liebend zu begleiten. Sterbende, die sich fürs Hospiz entscheiden, dürfen ihr Haustier mitnehmen, dürfen rauchen, dürfen trinken, dürfen ihre Zimmer dekorieren und endlich alle Fragen stellen, die sie aus Takt der eigenen Familie nicht gestellt haben.

Und doch, Hospiz ist Endstation. Wer ins Hospiz geht, der sagt ja zu seinem Tod. Wer einen Organspenderausweis ausfüllt, befasst sich mit der Möglichkeit des Todes. Wer eine Patientenverfügung ausstellt, wer sein Testament macht, zu Lebzeiten seine Bestattung regelt, beugt sich der Übermacht des Todes. Er findet sich ab. Das alles geht mir durch den Kopf, als ich die kreiselnde Hornisse sehe.

Für den normalen Verdränger ist es schwer, sich dauerlächelnden Hospizlern gegenüber zu sehen, die vom "schönen Tod" sprechen. Das hat etwas Eingeweihtes, Sektenhaftes. Was bitte kann schön sein am Tod? Der Tod ist doch schrecklich. Endgültig. Tabu. Muss man wirklich darüber reden? Kann man das nicht diskret abwickeln? Ein unheimliches Thema, gruselig, angsteinflößend. Und doch faszinierend. "Gestorben wird immer", ist der Slogan der Erfolgsserie "Six Feet Under", die den Beruf des Bestatters wieder en vogue gemacht hat, die auch dem tragischsten Todesfall Komisches abgewinnen kann.

Speichel aus dem Sprühfläschchen

Das Komische im Tragischen. Der Lachkrampf auf dem Begräbnis. Der Witz, in den man sich aus Verzweiflung flüchtet. Eine Schwester hat mich in das Verabreichen künstlichen Speichels aus dem Sprühfläschchen eingewiesen. Die Patienten nehmen den gern, sagt sie. Man soll Sterbenden nicht allzu viel zu trinken geben. Sie können kaum mehr schlucken. Die Flüssigkeit wird nicht mehr abgebaut, sondern ins Gewebe eingelagert. Ich sprühe Herrn Wetterling halbstundenweise künstlichen Speichel in den ausgetrockneten Mund, um ihm Erleichterung zu verschaffen. Das Geräusch, das er daraufhin macht, nehme ich als Zustimmung. Erst einige Stunden später, nachdem ich mir die Flüssigkeit selbst testhalber in den Mund gesprüht habe, höre ich auf. "Ich muss mich bei ihnen entschuldigen, Herr Wetterling", rufe ich, halb lachend, halb weinend, "ich wusste nicht, dass das so eklig schmeckt." Von da an feuchte ich seinen Mund mit dem Waschlappen an.

Die Stunden vergehen langsam. Die Handschuhe, die mich die Schwester bat anzuziehen, habe ich längst abgestreift. Würde ich von Latex gestreichelt werden wollen in der Stunde meines Todes?

Wetterlings Atem macht mir klar, was für ein ungeheures Pensum so ein menschliches Herz hat. Das Blut durch den Körper zu pumpen. Und die Lunge, dieser unermüdliche Blasebalg. Und die lebensmüden Nieren. Wo fängt ein Sterben an? Versagen die Organe nach und nach? Steigt der Tod von den Füßen aufwärts zum Kopf? Bleibt zuerst das Herz stehen? Bricht es? Und was ist mit der Seele? Gibt es eine? Und, wenn ja, fliegt sie hinaus, aus dem von der Ärztin geöffneten Fenster? Duncan MacDougall, ein Arzt aus Massachusetts, bestimmte vor mehr als hundert Jahren das Gewicht der menschlichen Seele mit 21 Gramm. Er hatte sterbende Menschen und Tiere im Bett an einer Präzisionswaage aufgehängt. Die Menschen wurden nach dem Tod 21 Gramm leichter! Hunde dagegen behielten ihr Gewicht bei. Sind Tiere seelenlos? Sind wir einem Gerücht aufgesessen? Töte ich deswegen eine unschuldige Hornisse, ohne mit der Wimper zu zucken und leide nur, wenn es mit meinesgleichen zu Ende geht?

Jetzt hocken wir hier schon mehr als zwei Tage. Da können wir eigentlich du sagen. "Ich bin da, Heinz. Du bist nicht allein. Jetzt hast du's gleich geschafft." Dabei kenne ich Herrn Wetterling nicht. Er war schon kaum mehr ansprechbar, als ich ihn traf. Er ist ein Fremder für mich, ich bin eine Fremde für ihn, unsere Begegnung ist vollkommen frei von persönlichem Ballast. Wir begegnen uns als die, die wir im Moment der Begegnung sind. Ich bin nicht die Tochter am Bett des Vaters, der ihr nie sagte, dass er sie liebt, sondern ich sitze am Bett eines Mannes, der mein Vater sein könnte, der irgendjemandes Vater ist. Vielleicht hat er Kinder. Vielleicht hat er seinen Kindern nie gesagt, dass er sie liebt. Und wie sind diese Kinder? Und wo sind diese Kinder? Warum sind sie nicht bei ihm? Und warum bin ich bei ihm, an diesem sonnigen Sonntag, und nicht bei meinen Eltern, die leben und sich bester Gesundheut erfreuen?

Egoismus und nackte Angst

Später wird Wetterlings Familie das Zimmer betreten, vollkommen hilflos mit der Situation. Die Frau wird schluchzen, die Tochter wird schweigen, der Vater wird röcheln, es wird die Frage im Raum stehen: Wie siehst du nur aus? Was tust du uns an? Was wird ohne dich? Wie geht es weiter, wenn du stirbst? Und aus dem liebenden Abschied wird ein Vorwurf, eine Komplikation. Der Sterbende soll nicht gehen. Er soll am Leben bleiben, für seine Familie, die seinen Tod nicht aushalten kann. Egoismus und Angst, nackte Angst. Vielleicht ist das Sterbenlassen viel schwerer als das Selbersterben.

Am dritten Tag, nachmittags, atmet Herr Wetterling dreißig Sekunden nicht. Dann atmet er wieder. Dann atmet er wieder dreißig Sekunden nicht. Dann atmet er wieder. Dann atmet er eine Minute nicht. Er ist jetzt ganz ruhig und sieht nach oben, an die Zimmerdecke. Ganz unspektakulär. Sein Gesicht sieht ein wenig schief aus und ändert die Farbe. Stirbt er? Ist er schon gestorben? Ich fühle nach seinem Puls und finde ihn nicht vor Aufregung. Ich streichele ihn, vielleicht fühlt er es noch, vielleicht geht er gerade hinüber ins Jenseits, aber er regt sich nicht. Ich nehme seine Hand. Sie setzt mir keinen Widerstand entgegen. Und genau in dem Moment, in dem ich zu beobachten glaube, wie sich sein Gesicht verändert, entseelt, genau in dem Moment, als ich begreife, dass er gestorben ist, tut er einen tiefen Seufzer, einen Seufzer, der mir durch Mark und Bein fährt. Danach atmen wir beide nicht mehr (ich vor Schreck, er, weil er tot ist), bis ich mich wieder meiner funktionstüchtigen Lungen besinne.

Ich öffne das Fenster weit. Heinz ist tot, ich lebe noch. Warme Sonnenstrahlen fallen in mein Gesicht. Die Gardinen wehen. Ich rufe die Ärztin. Sie stellt den Tod fest. Ich schließe seine Augen, aber sie gehen immer wieder auf. Lange muss ich die grauen Lider halten, bis sie geschlossen bleiben. Die Familie wird benachrichtigt. Sie wird in einer halben Stunde hier sein. Die Schläuche und Apparaturen werden entfernt. Ich falte Wetterlings Hände auf der Brust. Die Familie trifft ein, als es mir eben gelungen ist, seinen Mund zu schließen. Er sieht nun aus, als schliefe er.

"Sag mal, heulst du etwa?", fragt Tante Uschi. "Wegen so 'nem Viech?" Vielleicht hat sie recht. Was soll das, diese Sterbeflitze? Warum mache ich nicht was Lebensbejahendes, einen Kochkurs, ein Weinseminar? Bin ich morbid? Bin ich pervers? Will ich was gutmachen? Und, wenn ja, was? Und: an wem?

Die Hornisse liegt zusammengekrümmt. Ganz klein plötzlich, ganz harmlos und still. Im Tod hat sie jeden Schrecken verloren. Tante Uschi schnippt sie mit der Schuhspitze ins Gebüsch.

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(SZ vom 6./7.10.2007)