Skandal um Brustimplantate in Frankreich Geplatzter Schönheitstraum

Minderwertige Brustimplantate eines französischen Herstellers erweisen sich für mehr als 30.000 Frauen als tickende Zeitbombe: Nach dem Tod einer Frau und mehreren Krebsfällen erwägt die französische Gesundheitsbehörde in einer bislang beispiellosen Aktion, alle Silikonkissen entfernen zu lassen. Auch Deutsche sind betroffen.

Von Violetta Simon

Immer mehr Menschen versuchen, den Schönheitsidealen zu entsprechen, indem sie operativ nachhelfen lassen - selbst wenn sie sich eine qualifizierte Behandlung und hochwertiges Material nicht leisten können. Der jüngste Skandal um fehlerhafte Brustimplantate in Frankreich zeigt, wie hoch der Preis dafür sein kann.

Wie der Guardian berichtet, wurden in den vergangenen zehn Jahren bei mehr als 30.000 Frauen defekte Implantate des französischen Herstellers Poly Implants Prothèses (PIP) eingesetzt. Schätzungen der französischen Zulassungsbehörde zufolge handelte es sich in den meisten Fällen um eine klassische Brustvergrößerung - bei etwa 20 Prozent der Frauen wurde die Brust nach einer Krebsoperation wieder aufgebaut. Insgesamt hat das Unternehmen aus Südfrankreich nach eigenen Angaben seit 1992 mehr als 200.000 Brustimplantate verkauft. Auch Tausende Patientinnen in anderen europäischen Ländern wie Spanien und Großbritannien seien betroffen.

Die Implantate stehen seit 2010 im Verdacht, den Tod mindestens einer Französin verursacht zu haben und Zigtausende weitere zu gefährden. Derzeit gibt es mindestens acht Verdachtsfälle auf Krebs - hauptsächlich Brustkrebs. Insgesamt sind bei der Justiz in Marseille mehr als 2000 Beschwerden betroffener Frauen eingegangen, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Körperverletzung und fahrlässiger Tötung. In Frankreich sollen insgesamt eine halbe Million Frauen Brustimplantate tragen.

Bereits Mitte des vergangenen Jahres hatte AFSSAPS (Agence française de sécurité sanitaire des produits de santé), die für die Sicherheit von Medizinprodukten zuständige französische Behörde, vor den Produkten des Billigherstellers gewarnt und deren Verkauf sowie die weitere Verwendung untersagt. Die Firma in La Seyne-sur-Mer in der Nähe von Toulon ging kurz darauf pleite, das Produkt wurde vom Markt genommen. Wie die Zeitung Libération berichtet, gehen der Regierung Warnhinweise allein aber nicht mehr weit genug. Regierungssprecherin Valérie Pécresse appellierte jetzt an die Betroffenen: "Alle Frauen mit PIP-Prothesen sollten dringend ihren Chirurgen aufsuchen."

Nach Angaben der französischen Behörden habe das Unternehmen, um Kosten zu sparen, für die meisten Implantate nicht das ursprünglich dafür vorgesehene Silikon-Gel verwendet - sondern ein billiges Industriesilikon. Das Produkt kostet den Hersteller nur ein Zehntel und brachte PIP eine Ersparnis von rund einer Million Euro im Jahr - das Risiko von Rissen und einer damit einhergehenden Entzündung ist dafür umso höher. Da das Gel zudem flüssiger ist, kann es leichter austreten und in das umliegende Gewebe eindringen.

Billig-Implantate auch in Deutschland

Offenbar wurden die fehlerhaften Billigimplantate auch nach Deutschland exportiert, so dass nun auch in der Bundesrepublik Frauen um ihre Gesundheit fürchten müssen. Für einige von ihnen wurde der Albtraum bereits Realität: "Bundesweit sind uns 19 Fälle bekannt, bei denen Implantate des Herstellers PIP in der Brust gerissen sind", sagte Maik Pommer vom zuständigen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).

Wie viele es wirklich sind, sei derzeit noch unklar. "Die Gesamtzahl der Frauen, die in Deutschland PIP-Implantate erhalten haben, ist uns nicht bekannt", sagte Pommer. Auch sei noch nicht geklärt, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Brustimplantat und den Krebs-Verdachtsfällen in Frankreich gebe. Vorsichtshalber hat das Institut inzwischen eine offizielle Warnung vor den entsprechenden Produkten der französischen Firma PIP herausgegeben.

Dennoch: Ein großes Thema scheinen die fehlerhaften PIP-Implantate in Deutschland (bislang) nicht zu sein: "Der Marktanteil dieses Produktes ist bei uns sehr gering", erklärte Sven von Saldern, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC). Auch die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen erhielt nur eine geringe Resonanz auf ihre Warnung. Nach Angaben der Sprecherin Kerstin van Ark hätten sich lediglich zwei Chirurgen gemeldet, die mit PIP gearbeitet hätten.

30.000 Implantate sollen wieder raus

In Frankreich indes scheint man das Risiko höher einzuschätzen: Dem Bericht der Libération zufolge hätten die französischen Gesundheitsbehörden in Erwägung gezogen, sämtliche Billig-Implantate bei den betroffenen 30.000 Frauen wieder entfernen zu lassend. Wie Gesundheitsministerin Nora Berra am Dienstag bekannt gab, will ihr Ministerium bis zum Ende der Woche einen entsprechenden Aktionsplan ausarbeiten.

Nach Einschätzung von Experten gibt es indes keinen Grund zur Panik. Es würde sich lediglich um eine Vorsichtsmaßnahme handeln. Dem Blatt zufolge dürfte die Entfernung der Prothesen aber "einige Probleme medizinischer, administrativer und finanzieller Art" nach sich ziehen. Eine Ironie des Schicksals - sind doch gerade finanzielle Probleme der Grund dafür, dass die betroffenen Frauen sich minderwertige Implantate einsetzen ließen. Nun müssen sie erneut Kosten - und gesundheitliche Risiken - befürchten.

Die französische Gesellschaft der ästhetischen und plastischen Chirurgen (SOFCEP) sowie zwei weitere Verbände riefen ihre Mitglieder daher dazu auf, bei der Entfernung schadhafter PIP-Implantate keine überhöhten Honorare zu berechnen. Mittlerweile gab Gesundheitsministerin Berra bekannt, dass die französische Sozialversicherung - sollte sich die Regierung zu dem Schritt entscheiden - die Kosten der Implantat-Entfernung bei allen Frauen übernehmen werde.

Ein kollektiver Rückruf sämtlicher Implantate wäre eine in der Geschichte der ästhetischen Chirurgie einmalige Maßnahme. Auch wenn der Traum von der Schönheit damit geplatzt ist - wenigstens können es die Silikonkissen dann nicht mehr.