Sack Reis Schaut auf diese Insel!

Taiwan, was für ein Land: Einst eine Diktatur, heute eine Demokratie, an deren Spitze eine Frau gewählt wurde, die für die gleichgeschlechtliche Ehe ist. Unser Autor hat außerdem einen Vorteil: Erinnerungen an Taiwan vor 30 Jahren.

Von Kai Strittmatter

Einige meiner denkwürdigsten Momente in Asien hat mir Taiwan geschenkt. Letzte Woche etwa, als es mich wieder und wieder in die Bäckerei beim Shida-Nachtmarkt trieb, wegen der Schokocroissants und wegen der Flippers-CD, die da in Endlosschleife lief: "Die rote Sonne von Barbados", Deutschland satt. Oder der Monat meiner Ankunft als Student, vor fast 30 Jahren. Die Flippers besserten sich damals schon die Rente auf, indem sie um die kleine Eva weinten; Taiwan trauerte um den gerade verstorbenen Chiang Ching-kuo, den Sohn und Erben des Generalissimo Chiang Kai-shek. Das Fernsehen sendete nur mehr schwarz-weiß. Taiwan war noch eine Diktatur, doch stand der Inselrepublik eine wundersame Häutung zur Demokratie bevor.

Ich hatte unvergessliche Begegnungen. Mit Hui-fang, deren Name sich mit "intelligent und wohlriechend" übersetzen lässt. Mit Mahmut aus den USA, grüngoldschimmernder Anzug, "Talent Agent" mit "Sitz in Taipeh und Miami". Die Talente, das waren ich und zwei Freunde, Mahmut verschaffte uns erste Rollen, als Ninja-Kämpfer in einem billigen Kungfu-Streifen. (Oh, Mahmuts Blick auf unsere traurigen Gestalten, wie er seufzte und dann ins Telefon brüllte: "Can they fight? Yes, they can fight! Of course they can fight!"). Es roch dann ziemlich unglamourös, drin in dem Ninjaganzkörperstrumpf. Oder später mit Yoyo, ein waschechter Rosenheimer, dessen Frau Yu-ching eine Studentenkneipe führte. Eines Abends schnappte er sich dort ein Akkordeon, erklomm die Bühne und trug auf Chinesisch ein selbstgeschriebenes Liebeslied vor: "Ich bin dein Haarshampoo / versteh nicht viel von der Welt . . ." Er rinnt dann in ihr Ohr hinein und wird von ihr herausgekratzt. Auf Chinesisch reimt sich das. Yoyo saß da in seiner schönsten Lederhose und sang feinstes Mandarin, die Taipeher Studenten glotzten ihn an, als käme er vom Mars und nicht aus Rosenheim.

Yoyo und Yu-ching nahmen mich später mit auf eine Hochzeit. Es heirateten Freunde. Freddy und Doris, er der Sänger einer Death-Metal-Band, sie die Bassistin. Auf der Bühne stellten die beiden ihre Tattoos und schwarz-weiße Kriegsbemalung zur Schau, hier zogen sie zu klassischer Musik ein in den Ballsaal eines Luxushotels, er im Anzug, sie im weißen Kleid, beide mit einer Kerze in der Hand. Sehr romantisch, wenigstens so lange, bis ein Trommelwirbel die Gäste von ihren Sitzen lupfte und Feuerwerfer meterhohe Flammen gen Saaldecke fauchten. Es hielt, von Fackelläufern flankiert, der Star des Abends Einzug: ein in Cognac geschmorter Hummer. Da war ich schon längst in Taiwan verliebt.

All Ihr von der Demokratie erschöpften Europäer, schaut auf diese Insel, schaut auf das andere China, wo sie ihr Charisma aufs Segenreichste entfaltet. Jetzt, mehr als ein Jahrzehnt nach dieser Hochzeit, hat Taiwan eine Frau zur Präsidentin gewählt, die für die gleichgeschlechtliche Ehe eintritt. Und der Bräutigam von damals, Freddy Lim, ist heute nicht nur der größte Rockstar und bekannteste Menschenrechtler Taiwans, er schaffte gerade den Sprung ins Parlament. Gegen den Platzhirsch von der konservativen Kuomintang, der ihn "langhaarig" und "geisteskrank" nannte. Man stelle sich vor, Rammstein-Sänger Till Lindemann hätte in München-Süd CSU-Schlachtross Peter Gauweiler geschlagen, um eine Ahnung davon zu bekommen, was da passiert ist. Ah, Taiwan!