Psychologie Glück im Kopf

Illustration: Daniela Rudolf

Unsere Autorin wäre gerne optimistischer. Damit ist sie nicht allein, das Thema ist so präsent wie sonst höchstens der Veganismus. Also hat sie mal ein paar Experten gefragt, wie das geht.

Von Kathrin Hollmer

Bis vor drei Zeilen habe ich nicht daran geglaubt, dass dieser Text an dieser Stelle stehen wird. Dass ich ihn fertig bekomme. Dass die Kollegen ihn gut finden. Eigentlich denke ich nie, dass irgendetwas gut für mich ausgeht. Pessimistisch nennen das manche. Ich bevorzuge: realistisch. Ich bin gerne darauf vorbereitet, dass die Dinge schlecht laufen könnten, und positiv überrascht, wenn sie es doch nicht tun (was gar nicht so selten der Fall ist). Ich finde das vernünftig. Nur: Glücklich macht mich das nicht.

Ich bewundere die Kollegin, die selbst bei den aussichtslosesten Projekten ruft: "Das wird gut!" Es wird nämlich immer gut bei ihr. Ich bewundere meine Oma, die über den misslungensten Teig sagt, dass der Kuchen hinterher sicher ganz toll wird. Er wird nämlich immer ganz toll bei ihr. So will ich denken. Ich will Optimistin werden. "Völlig überambitioniertes Projekt, klar!", will ich eigentlich nachschieben. Aber das wäre hier ja kontraproduktiv.

Wenigstens bin ich nicht allein. Das Thema Optimismus ist seit Jahren so präsent wie sonst höchstens noch Veganismus. Es gibt Hunderte Studien, die belegen, dass Optimismus automatisch zu Erfolg führt. Dass Optimisten gesünder und länger leben, mehr Freunde haben, beliebter sind und bessere Beziehungen führen. Es gibt sogar Tee in der Sorte "Purer Optimismus", mehrere Apps und natürlich Bücher. Viele Bücher. Auf Amazon finde ich mehr als 8000 zum Thema. Ich klicke, natürlich, als Erstes auf: "Smile or die - Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt". Kein guter Start. Ich will ja lernen, positiv zu denken. Und habe dafür sieben Stationen auf meinem Plan.

Der Verein

Als Erstes rufe ich Peter Breidenbach an. Er ist Rechtsanwalt, Heilpraktiker und Familientherapeut und hat 2009 den Verein "Optimisten für Deutschland" gegründet. Die Facebook-Seite hat knapp 60 000 Fans, sein Buch "In 30 Tagen Optimist!" ist bereits in der dritten Auflage erschienen. Als ich ihn frage, wie Optimismus gehe, lacht er. "Als die Fußballnationalmannschaft zur Weltmeisterschaft nach Brasilien fuhr", sagt er, "haben die Spieler nicht über die heißen Temperaturen vor Ort oder ihre verletzten Kollegen geklagt, sonst wären sie nie Weltmeister geworden. Sie haben an sich geglaubt. Und das ist Optimismus."

Optimismus hat also mit Selbstvertrauen zu tun. Beneide ich bei anderen immer. Bei mir selbst: wackelige Angelegenheit. Breidenbachs Rat: "Schreiben Sie 20 Dinge auf, die Sie an sich mögen oder die Sie geschafft haben, und kleben Sie den Zettel an Ihren Badezimmerspiegel."

20 Dinge sind viel. Meinem Freund fällt schneller etwas ein, zusammen schreiben wir die Liste voll. Beim Zähneputzen am nächsten Morgen lese ich, dass ich zuverlässig bin (habe ich aufgeschrieben). Und dass ich gute Ideen habe (hat er hingeschrieben). Bereits nach dem Haareföhnen ist mir so viel Eitelkeit peinlich und ich stecke die Liste in meinen Kalender. Auf dem Weg zur Arbeit denke ich trotzdem: Eigenlob tut ziemlich gut.

Die Selbstüberschätzer

Optimismus liegt mir auch deshalb nicht, weil ich Angst habe, mich zu überschätzen und ja, mich zu blamieren. Bei Pessimisten ist das Angst-Zentrum im Hirn vergrößert, habe ich in den Optimismus-Ratgebern gelesen, die für die Recherche seit ein paar Wochen auf dem Nachttisch liegen. Dass ich mich lieber unterschätze, hat aber auch Vorteile: Ich werde nie bei einer Casting-Show teilnehmen und auf der Bühne gedemütigt werden oder am Roulette-Tisch Geld verlieren. Andererseits werde ich auch nie eine Casting-Show oder viel Geld am Roulette-Tisch gewinnen.

Prof. Dr. Christian Schicha ist Medienwissenschaftler und beschäftigt sich seit 2010 mit den Motiven von Teilnehmern an Casting-Shows und Sendungen wie "Big Brother". "Bei vielen Teilnehmern kann man nicht mehr von gesundem Optimismus sprechen, der sie da auf die Bühne treibt. Das ist einfach Selbstüberschätzung, und ich finde, dass man vor allem junge Teilnehmer vor sich selbst schützen sollte", sagt er. Und bewundert doch auch das Selbstvertrauen der Teilnehmer: "Da ist die Lust, etwas auszuprobieren und das Beste für sich herauszuholen, größer als die Angst vor einer Blamage, das verdient Anerkennung."

Es muss ja nicht gleich die Casting-Show sein. Es gibt jeden Tag Dinge, die aussichtslos erscheinen und die ich deshalb gar nicht erst versuche. Zum Beispiel meine Lieblings-Hamburger Olli Schulz und Fahri Yardım fragen, wie man Optimist wird.

Die Hamburger

In Hamburg leben Studien zufolge nämlich die optimistischsten Menschen Deutschlands. Olli Schulz und Fahri Yardım haben übrigens beide zehn Minuten nach meiner Anfrage abgesagt. So viel zum positiven Denken. Der Sprecher vom ersten Bürgermeister Olaf Scholz jedoch antwortet mir nach wenigen Minuten, er sei "optimistisch", dass mir Herr Scholz einen Tipp geben kann. Kurz vor Abgabetermin schickt er immerhin ein Statement: "Hamburg ist eine Ankunftsstadt. Hierher kommen seit Jahrhunderten und bis heute Bürgerinnen und Bürger, die ein besseres Leben für sich und ihre Kinder erhoffen. Diese Hoffnung speist sich aus dem Optimismus, dass es auch klappen wird, wenn man sich anstrengt. Dieser Optimismus prägt die Stadt bis heute - auch wenn es um ganz große Herausforderungen wie die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele geht. Wir sollten uns große Dinge zutrauen." Vielleicht liegt es also an München, an Bayern, dass das mit mir und dem Optimismus nicht klappt. Ich kann jetzt nicht nach Hamburg ziehen. Aber ich lerne: Einfach mal naiv etwas zu versuchen, kann etwas bringen - und sei es auch nur ein Bürgermeister-Zitat.

Die Neurowissenschaft

Eines der Optimismus-Bücher auf meinem Nachtkästchen trägt den Titel "In jedem steckt ein Optimist. Wie wir lernen können, eine positive Lebenseinstellung zu gewinnen." Auf Amazon hätte ich fast nicht draufgeklickt. "Esoterik-Quatsch!", dachte ich mit Blick aufs Cover (und bestellte es dann, weil ich ja Muster durchbrechen will). Die Autorin, die irische Professorin für Psychologie und Neurologie Elaine Fox, sagt tatsächlich vieles, das sich nach Selbsthilfegruppe anhört: "Pessimisten übersehen das Positive in ihrem Leben", zum Beispiel. Sie hat allerdings wissenschaftlich belegt: Das Gehirn gewöhnt sich mit der Zeit daran, alles Negative zu speichern.

Ich denke zurück, was mir aus den vergangenen Wochen in Erinnerung geblieben ist. Ich war an meinem Geburtstag krank, was superfies ist, denn ich liebe Geburtstage! Ich musste einen Kurztrip absagen, weil ich arbeiten musste. Ich erinnere mich an viel Stress, einen geplatzten Auftrag, viel zu viele Abende zu Hause statt unterwegs.

Bin ich einfach unzufrieden? Oder sind tatsächlich nur meine optimistischen Hirnregionen ein wenig eingerostet? Letzteres ließe sich wieder umkehren. Neurowissenschaftler wie Elaine Fox empfehlen, jeden Abend aufzuschreiben, was man tagsüber Erfreuliches erlebt oder geschafft hat. Ich notiere: ein gutes Interview geführt. Zwei tolle Menschen kennengelernt. Mit einem lieben Menschen Kaffee in der Sonne getrunken. Mit einem anderen lieben Menschen einen schönen Abend verbracht. Optimistisch fühle ich mich deshalb noch nicht. Aber noch einmal etwas positiver. Ähnlich wie schon beim Eigenlob-Zettel am Spiegel. Ich schlafe ziemlich zufrieden ein.

Die App

Positive Wahrnehmung kann man angeblich auch mit "CBM" steigern. CBM ist kein Medikament, sondern steht für: "Cognitive Bias Modification", die Korrektur von Wahrnehmungsmustern. Natürlich gibt es dafür eine App, mehrere sogar. Ich lade mir eine aufs Handy: Auf einem Bildschirm voller mürrisch dreinguckender Menschen muss ich immer auf das eine lachende Gesicht drücken. Am Anfang muss ich ziemlich lange nach dem einen versteckten Lächeln suchen, dann geht es immer schneller. Nach jeder Runde Gesichterklicken werde ich gelobt: "Gut gemacht, jetzt atme tief ein und du bist startklar."

Das Gehirn soll sich so darauf einstellen, in jeder Situation das Erfreuliche herauszufiltern. Davon spüre ich noch nichts. Dafür macht die App ein wenig süchtig, wie "Flappy Bird" oder "Doodle Jump". Das ist praktisch, weil das Training angeblich erst nach zwei Monaten und drei- bis viermal Training pro Woche wirken soll. Optimist werden braucht also auch Zeit.

Der Feuerwehrmann

Der Fußballtrainer Peter Neururer wird in der Branche "Feuerwehrmann" genannt, weil er gern von abstiegsbedrohten Vereinen angeheuert wird. Er muss doch wissen, wie man Optimismus lehrt. Ein Anruf also: In seiner Telefon-Warteschleife läuft "Born to be wild" und als Erstes lobt er meine freundliche Stimme. Wie baut so einer also demotivierte Spieler auf? "Ich kenne keinen Profi-Fußballer, der nicht motiviert ist", sagt er. Deshalb vermittle er auch nur "realistische Zuversicht": "Den Spielern muss klar sein, dass es jedes Jahr einen Meister gibt. Alle anderen Vereine werden nicht Meister, ein paar werden sogar absteigen." Optimismus bedeutet für ihn, sich realistische Ziele zu setzen. "Egal, wie beschissen meine Situation ist, es gibt immer noch Möglichkeiten. Alles andere wäre unrealistisch. Ich kann aber nicht, wenn wir als Tabellenletzter noch zehn Spiele in der Saison vor uns haben, sagen: 'Wir gewinnen jetzt alle zehn Spiele, um nicht abzusteigen.' Es geht immer um das nächste Spiel. Ich muss überzeugt sein: Das werden wir gewinnen!" Und wenn er auch mal einen schlechten Tag hat? "Das habe ich nie. Gerade bin ich allerdings unzufrieden. Ich habe keine Aufgabe, meine gute Laune beim Aufstehen ist jetzt dosierter", sagt er. "Ich kann mir keinen Job suchen, denn als Trainer wird man gefunden. Aber ich weiß, das wird passieren."

Zuversicht ist das wohl. Ein noch größerer Begriff als Optimismus. Bevor ich aufgebe, frage ich meine Freunde auf Facebook, wie das geht mit dem Zuversichtlichsein. Und stoße auf Sandra aus Brasilien. Sie ist Unternehmensberaterin in New York.

Das Vorbild

Im vergangenen Jahr starb Sandras Verlobter. Mit 30 Jahren. An einem Herzinfarkt während eines Basketballspiels. Drei Monate vor ihrer Hochzeit.

Und in Sandras Skype-Profil steht: "The state of being happy". "Ich weiß, ich werde mich wieder verlieben und wieder heiraten", sagt sie, als wir skypen. "Als mein Verlobter starb, war ich so allein, so verloren. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich nicht die Wahl, mein Schicksal zu bestimmen. Da habe ich beschlossen, optimistisch zu sein."

Kann man das: einfach akzeptieren, was passiert ist, und entscheiden, dass man ab jetzt alles nur noch positiv sieht? "Ich habe mir mein zukünftiges Leben vorgestellt und mich entschieden, nicht aufzugeben. Manchmal verliert man. Das ist eine banale, aber wichtige Erkenntnis. Darum muss man alles andere schätzen und nicht daran festhalten, was man verloren hat. Das war die größte und wichtigste Entscheidung, die ich je getroffen habe."

Bisher habe ich Optimismus vor allem in der Bestätigung von außen gesucht. Und ihn gefunden: Auf der Liste am Spiegel, die mein Freund viel schneller füllen konnte als ich. In einem Mittagessen mit Kollegen, die mich motiviert haben, mich mehr zu trauen. In der SMS einer Freundin. Sandra hat einfach entschieden, optimistisch zu sein. Forscher behaupten übrigens, wir hätten gar keine Wahl: Wir seien alle Optimisten, das sei uns nur nicht bewusst. Sonst würde niemand heiraten, rauchen, bei Rot über die Ampel gehen oder überhaupt morgens aufstehen. Ich bin also unterbewusst schon Optimistin. Vielleicht muss ich das nur noch auf die bewussten Entscheidungen anwenden, die ich jeden Tag treffe. Vielleicht heißt Optimismus, die Zweifel aushalten. Weiterschreiben, trotz eines geplatzten Auftrags. Weiterspielen, auch wenn man glaubt, man hat schon verloren. Weitermachen. Raus kommt man eh nicht. Dann kann man genauso gut das Beste draus machen. Und so schlimm sind die Zweifel gar nicht. Sonst wäre dieser Text nie erschienen.