Psychiater über Inzest unter Geschwistern "Ähnliche psychische Folgen wie durch Missbrauch"

Übersexualisiertes Umfeld, marode Familienstrukturen, unklare Rollenverteilung: Das sind alles Faktoren, die Inzest unter Geschwistern begünstigen können. Ein Gespräch mit dem Psychiater Peer Briken über sexuelle Grenzüberschreitungen.

Interview: Lena Jakat

Das gesetzliche Verbot einer sexuellen Beziehung zwischen Geschwistern ist rechtens: Das hat der Europäische Gerichtshof in Straßburg entschieden. Ein Urteil, dass eine heftige Debatte in Gang gesetzt hat - auch unter den Lesern von Süddeutsche.de. Wie kommt es zu Inzest zwischen Bruder und Schwester? Welche Rolle spielen Erziehung und eine gemeinsam verbrachte Kindheit? Peer Briken ist Leiter des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Ein Gespräch über eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft.

Bei inzestuöse Beziehungen unter Geschwistern herrscht nur selten ein Machtgleichgewicht. Subtiler Zwang kann oft eine Rolle spielen.

(Foto: dpa)

Süddeutsche.de: Herr Briken, wie oft kommt es zu inzestuösen Beziehungen zwischen Geschwistern?

Peer Briken: Es gibt Daten darüber, dass sexuelle Erfahrungen in einem weiteren Sinne zwischen Geschwistern gar nicht so selten sind. Eine Studie nannte in den 1980erJahren die Zahl von zehn Prozent aller Kinder. Da geht es aber in der Regel um Fummeleien oder Berühren. Tatsächliche sexuelle Grenzverletzungen sind - nach allem was wir darüber wissen - sehr viel seltener.

Süddeutsche.de: Wie meinen Sie das?

Briken: Bei Inzest zwischen Geschwistern, also Kindern, herrscht nur sehr selten ein Gleichgewicht. Es gibt Altersunterschiede und damit unter Umständen auch ein Machtgefälle. In solchen Fällen kann auch Zwang eine Rolle spielen, der manchmal auch subtil ausgeübt wird. Erfahrungen aus der Praxis zeigen: Die psychischen Folgen einer solchen Grenzüberschreitung unterscheiden sich manchmal nicht von denen sexuellen Missbrauchs durch den Vater oder Stiefvater. Es gibt auch Faktoren, die verschiedene Arten von Inzest begünstigen können.

Süddeutsche.de: Welche Faktoren sind das?

Briken: Eine übersexualisierte Atmosphäre kann eine Rolle spielen, das heißt, wenn zum Beispiel die Kinder gezwungen werden, sich Pornographie anzusehen. Wenn Kindern die Möglichkeit genommen wird, Schamgefühle zu entwickeln. Wenn in einer Familie Gewalt und Suchtmittel eine Rolle spielen. Wenn es an emotionalen Beziehungen fehlt, oder die Rollen der verschiedenen Generationen nicht klar verteilt sind. Auch Missbrauchserfahrungen der Eltern können da relevant sein.

Süddeutsche.de: Macht es einen Unterschied, wenn der Inzest zwischen Geschwistern, also innerhalb einer Generation, stattfindet?

Briken: Wissenschaftlich sind solche Fälle bislang nur wenig untersucht. Das liegt auch daran, dass von einer sehr großen Dunkelziffer auszugehen ist. Aber ich nehme an, dass durch die große Nähe zwischen Geschwistern Scham und Schuldgefühle auf andere Weise berührt werden. Außerdem sind die Grenzen dessen, was erlaubt ist und was nicht, unter Umständen weniger klar.

Süddeutsche.de: Können sich Bruder und Schwester verlieben?

Briken: Schwärmereien für die Geschwister sind an der Tagesordnung und gehören zur kindlichen Entwicklung. Eine Liebe über längere Zeit mit sexueller Beziehung ist eher die Ausnahme.

Süddeutsche.de: Entwickelt sich bei Kindern, die gemeinsam aufwachsen, eine Art natürliche Inzest-Barriere?

Briken: Es gibt Hinweise darauf, dass sich Grenzen im Kindesalter entwickeln, die so nicht vorliegen, wenn sich zum Beispiel Bruder und Schwester erst im Erwachsenenalter begegnen. Solche Grenzen werden durch gemeinsame Erfahrungen in der Kindheit gezogen, unter anderem durch die Erziehung und soziokulturelle Faktoren. Das Inzestverbot ist ja vielerorts in unserer Gesellschaft verankert. Dieses gesellschaftliche Tabu hat wahrscheinlich auch biologische Ursachen.

Süddeutsche.de: Weiß man etwas über die Kinder, die aus solchen Beziehungen hervorgehen?

Briken: Ich hatte mit einigen solcher Kinder Kontakt, die psychisch sehr angegriffen waren. Aber das muss nicht repräsentativ sein, sondern hat mit dem klinischen Umfeld zu tun, in dem ich tätig bin.

Süddeutsche.de: Wie bewerten Sie die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, der das deutsche Inzest-Verbot für rechtens erklärt hat?

Briken: Wie bei vielen normativen Entscheidungsprozessen gibt es hier wohl kein absolutes richtig oder falsch. Im Hintergrund gibt es da einfach eine Vielzahl von Schwierigkeiten, die Berücksichtigung finden müssten. Dass Geschwisterinzest mit Homosexualität und Ehebruch in eine Reihe gestellt wird, halte ich für fraglich. Denn zahlenmäßig ist Geschwisterinzest doch eher eine Randerscheinung.