Porträts Zoo der lebenden Toten

Eine Künstlerin holt präparierte Tiere zurück ans Licht, die für die Wissenschaft sterben mussten. Sie malt Porträts von Affen, Vögeln, Echsen.

Von  Titus Arnu

Das Berliner Naturkundemuseum ist eine gigantische Geisterbahn. 30 Millionen Exponate sind in dem Gebäude an der Invalidenstraße versammelt, vom alkoholgetränkten Molch bis zum Tyrannosaurus-Skelett. Allein die Käfer-Sammlung umfasst sechs Millionen Exemplare. Die ornithologische Abteilung besteht aus 200 000 Präparaten: Vögel, Eier, Nester und Bälge von allen Kontinenten. Die ältesten Stücke stammen aus dem 18. Jahrhundert, einige Tiere, die man dort sieht, sind längst ausgestorben.

Die Bilder der konservierten Kadaver wirken komisch und gruselig zugleich: ein Lemuren-Gesicht. Abbildung: Nikola Irmer.

Die Vögel sind ausgestopft mit Holzwolle, sie haben Glasaugen, lackierte Krallen, Skelette aus Holz und Draht. Und doch wirken sie irgendwie lebendig. Ein präparierter Flamingo sieht so aus, als würde er in der nächsten Sekunde seinen Kopf senken und mit dem Schnabel nach etwas Fressbarem picken. Die Eulen, die nebeneinander im Regal hocken, könnten vielleicht nur schlafen. In den 1200 Quadratmeter großen Ausstellungsräumen der ornithologischen Abteilung ist aber nur ein kleiner Teil der Sammlung zu sehen. Die meisten Präparate führen ein Leben im Verborgenen, im Magazin des Museums.

Als Nikola Irmer das Vogel-Depot des Berliner Naturkundemuseums zum ersten Mal betrat, bei einem Tag der offenen Tür im Jahr 2008, war sie auf Anhieb fasziniert: "Ich fühlte mich angeschaut von den toten Tieren, und ich war total verblüfft, wie lebendig sie sind." Sie hatte am Anfang ein zwiespältiges Verhältnis zu den künstlich konservierten Lebewesen. Tote Vögel reihen sich in Regalen und Vitrinen nebeneinander, es sind so viele Tiere, dass man über die Sammelwut der Naturkundler des 19. Jahrhunderts den Kopf schütteln möchte. Gleichzeitig war Nikola Irmer so gebannt von dem Anblick, dass sie ihre Augen sehr lange über die Vielfalt der Gefieder, der Kopfformen und Schnabelfarben wandern ließ. Und dann begann sie zu zeichnen.

Reptilien in Formaldehyd. Abbildung: Nikola Irmer.

"Ich fühlte mich angeschaut von den toten Tieren, und ich war total verblüfft, wie lebendig sie sind."

Ein Jahr lang skizzierte die Künstlerin, die zuvor vor allem Menschen gemalt hatte, tote Vögel, erst im Museum, dann in ihrem Berliner Atelier. Irmer begab sich in eine stille, groteske Welt, die eigentlich nur Wissenschaftlern vorbehalten ist. Irgendwann begannen die Vögel ein Eigenleben zu entwickeln. Sie plusterten sich auf, schienen sich hin und her zu bewegen und zu ihren Artgenossen Kontakt aufzunehmen. Dieser Eindruck entsteht jedenfalls, wenn man Irmers großformatige Ölbilder anschaut, die nach den Bleistift- und Tuschezeichnungen entstanden.

Eine Sammlung von Finken. Abbildung: Nikola Irmer.

Seit acht Jahren malt Nikola Irmer nun hauptsächlich tote Tiere - außer Vögeln auch präparierte Affen, Faultiere und in Formaldehyd eingelegte Reptilien. Sie arbeitete dafür in den wichtigsten naturhistorischen Museen der Welt - in Wien, Oxford, Washington. In der Specola, dem 1771 gegründeten Museum für Zoologie und Naturgeschichte in Florenz, lernte sie den Eulen-Kurator kennen: "Er sah selbst aus wie eine Eule und freute sich, dass sich jemand für seine Tiere interessierte."

Nikola Irmer, die 1970 in Starnberg geboren wurde und in San Francisco, Glasgow und New York studierte, ist keine reine Naturmalerin. Zu Tieren habe sie zwar früher "ein enges Verhältnis auf nichtsprachlicher Ebene" gehabt, wie sie es ausdrückt, als Kind hatte sie eine Katze und ritt auf Islandpferden. "Als Stadtmensch fehlt mir das schon sehr", sagt sie. Ihr Atelier befindet sich in einer Altbauwohnung in Prenzlauer Berg, und bevor sie sich auf tote Tiere fokussierte, malte sie vor allem Stadtmenschen - Modelle, die sich auf ihre Zeitungsannoncen meldeten. Für ein paar Euro pro Stunde ließen sich Jugendliche, Arbeitslose und ein Crossdresser namens Horst von ihr zeichnen, fotografieren und malen - darunter waren auffällig viele schräge Vögel.

Unter den Vögeln aus den Naturkundemuseen sind öfter mal Wracks. Manche sind verschlissen, bei einzelnen fehlt der Kopf oder ein Bein, die Füllung kommt hervor. Auch diese Makel sind auf den Bildern zu sehen. Oft werden solche beschädigten Tiere einfach weggeworfen. Viele Museen haben ihre Depots geleert, um Platz zu schaffen für modernere Ausstellungen - dabei sind die Sammlungen von unschätzbarem Wert, sie bergen genetische Informationen, mit denen sich die Evolution der Arten verstehen und Klimaveränderungen dokumentieren lassen. Die konservierten Kadaver sind wie ein Fenster in ein vergangenes Leben, in eine andere Ära. Ein ganz besonderer Blick in die Vergangenheit gelang Nikola Irmer in der Florentiner Specola: Beim Skizzieren von Vögeln fiel ihr ein Elefanten-Skelett auf, das im Depot verstaubte. Vom Kurator erfuhr sie später, dass es sich um "Hansken" handelte, eine Elefantenkuh, die 1633 von Ceylon nach Amsterdam transportiert worden war. Hansken tourte mehrere Jahre lang über Jahrmärkte in Holland, Deutschland und Italien. Der niederländische Maler Rembrandt zeichnete den Elefanten im Jahr 1637, das Bild hängt heute in der Wiener Albertina.

Zwei bis drei Monate braucht Irmer, um ein großformatiges Bild fertigzustellen. Die größten Leinwände, mit denen sie arbeitet, messen 180 mal 190 Zentimeter. Sie ist eine Perfektionistin und entdeckt auch an fertigen Werken noch immer Details, die sie gerne verändern möchte. Wozu dieser Wahnsinnsaufwand? Man könnte die Tiere auch fotografieren, um sie für die Nachwelt zu dokumentieren. Für Nikola Irmer ist das nicht die optimale Herangehensweise: "Man muss sich da langsam reindenken und reinschauen", sagt sie, "dabei verlangsamt sich die Wahrnehmung." Es ist ein langer Transformationsprozess: Ein Tier, das vor 200 Jahren für die Wissenschaft gestorben ist, konserviert wurde und seitdem in einem dunklen Depot steht, wird von einer Künstlerin ans Licht geholt und mit präzisen Pinselstrichen gewissermaßen wiederbelebt. Eine vielschichtige, fast transzendentale Vorgehensweise: Das Herrichten des toten Vogels selbst ist schon eine Kunst am Kadaver, der Präparator schafft mithilfe von Holz, Draht, Farbe und Glas eine Skulptur, die das Leben nachahmt. Dazu kommen die Kunstgriffe der Malerei - die Komposition des Bildes, die Farbgebung, die Details - eben die Handschrift, welche die Künstlerin einer Szene gibt. Für Nikola Irmer ist das nicht nur ein handwerklicher Vorgang, sondern ein schöpferischer Akt: "Der Vogel wurde zweimal erschaffen, einmal vom Präparator, ein zweites Mal von der Malerin."