Porträt: Generation 30 Gestatten, die Fakten

In ihre Kindheit fiel die Katastrophe von Tschernobyl. Mit ihnen wurde das Internet groß, sie haben ihre Freunde bei Facebook. Und kaum eine Generation muss gegen so viele Vorurteile ankämpfen wie die der heute 30-Jährigen.

Von Corinna Nohn und Marlene Weiss

Gut eine Million Menschen in Deutschland werden in diesem Jahr 30, das sind eine Million Lebensentwürfe, Charaktere und Wohnzimmereinrichtungen. Ist es da nicht Unsinn, von "den Dreißigjährigen" zu sprechen?

Andererseits haben sie viel gemeinsam: Der Kalte Krieg endete, als sie noch Kinder waren, mit ihnen wurde das Internet groß, die Welt schrumpfte. Sie haben Möglichkeiten, von denen ihre Eltern nur träumten. Dafür müssen sie sich anhören, sie könnten sich nicht entscheiden.

Es heißt, sie seien die Generation Praktikum, die sich ausbeuten lasse. Die Generation Doof, die durch das Internet verdumme, die Generation Facebook, die virtuelle Bekanntschaften mit Freunden verwechsle. Unpolitisch seien sie, Luxuskinder, die es so gut haben wie keine Generation vorher.

Aber fangen wir doch einmal ganz von vorne an, am 19. März 1981 in einem Kreißsaal eines westdeutschen Krankenhauses - mit einem Leben, das zwar so nie stattgefunden hat, aber exemplarisch ist für die heute Dreißigjährigen. Die Eltern nennen ihre Tochter Stefanie, das ist in diesem Jahr der beliebteste Mädchenname; für Jungen ist es Christian. Steffi wird im Kindergarten also nicht die Einzige mit diesem Namen sein, aber auf Individualität kommt es ihren Eltern nicht so an. Ihr Kind soll vor allem glücklich aufwachsen und eine gute Ausbildung bekommen. Tatsächlich stehen die Chancen dafür nicht schlecht: Etwa vierzig Prozent der Kinder aus diesem Jahrgang werden Abitur machen, und es werden mehr Mädchen als Jungen unter ihnen sein, wie immer von 1990 an.

Die Ferien verbringt die Familie am Gardasee, jedes Jahr drei Wochen auf demselben Campingplatz. Dass Stefanie 20 Jahre später durch Indien und China reisen und ein Praktikum in Manhattan absolvieren wird, kann sich jetzt, Anfang der achtziger Jahre, keiner vorstellen. Das Flugticket nach New York ist nicht unter 2500 Mark zu haben; wer könnte ahnen, dass es im Jahr 2011 keine 500 Euro kosten wird? Die Welt von Stefanies Familie ist, wenn man so will, begrenzt: durch hohe Flugpreise, Passkontrollen und eine Mauer im Osten. Ihre Eltern, die beide mehrere Geschwister haben, wollen nach Stefanie und ihrem älteren Bruder kein drittes Kind mehr bekommen. Sie sorgen sich um die nukleare Bedrohung durch die Sowjetunion und die Umweltverschmutzung; alle reden vom Waldsterben. Nie war die Geburtenrate in Westdeutschland niedriger als 1985.

Am 26. April 1986 explodiert Block vier im ukrainischen Kraftwerk Tschernobyl. Stefanie ist gerade fünf Jahre alt geworden und registriert erst einmal nur, dass sie keine Pilze mehr essen darf und die Eltern umschalten, wenn es im Fernsehen um Tschernobyl geht. Trotzdem erhascht sie manchmal einen Blick auf die Bilder verunstalteter Menschen und Tiere. 25 Jahre später wird die Katastrophe von Fukushima diese Erinnerung wieder wachrufen. Auch Politik wird sie sich nie ohne die Grünen vorstellen können, die sich in Stefanies Grundschulzeit von einer Turnschuhfraktion im hessischen Landtag zu einer fest etablierten politischen Kraft entwickeln. Im Gegensatz zu ihren Eltern wird Stefanie Umweltschutz immer als eine Frage der Realpolitik betrachten.

Die Mauer fällt, als Stefanie acht Jahre alt ist und noch gar nicht so lange begriffen hat, dass es zwei Deutschländer gibt. Im Jahr zuvor, bei den Olympischen Spielen in Seoul, hat sie ab und zu gejubelt, wenn ein Deutscher eine Medaille gewann, und ihre Tante sagte dann: Der ist aus dem anderen Deutschland. Jetzt gibt es plötzlich nur noch eines. Ein paar Jahre später wird sie nach Prag fahren, nach Polen und nach Moskau. Nicht wie früher ihr Onkel aus politischen Gründen. Sondern erst, weil es exotisch und günstig ist, und später, weil es normal ist. Als Stefanie anfängt, sich für Politik zu interessieren, ist der Ostblock längst zusammengebrochen. In Stefanies Zimmer hängt ein Che-Guevara-Plakat, aber sie wird Sozialismus immer für eine gute Idee halten, die leider nicht funktioniert.

Mit 13 verliebt sie sich das erste Mal und tauscht mit dem Jungen aus der Parallelklasse kleine Zettel aus. Zu Hause starrt sie nachmittags stundenlang das Telefon an, als könnte sie das verdammte Ding so zum Klingeln zwingen. Handys sind Anfang der neunziger Jahre riesengroß, die Tarife für Teenager unbezahlbar, SMS kennt noch keiner in Deutschland. Auch Telefonieren übers Festnetz ist noch teuer: Wenn Steffi jemanden anruft, taucht spätestens nach einer Viertelstunde ihre Mutter auf und tippt mit dem Zeigefinger auf die Armbanduhr. Erst 1999 wird ein nennenswerter Anteil der Deutschen ein Mobiltelefon haben - jeder sechste.