Neue Hochstapelei Angeben in aller Bescheidenheit

Mit Wissen angeben? Mit moralischer Überlegenheit? Mit einem Freund mit Auto? So einfach wie das Angeben zu Schulzeiten war, ist es heute nicht mehr. Wer Anerkennung will, muss hochstapeln, ohne sich das anmerken zu lassen. Über eine neue Variante der Aufschneiderei.

Von Rebecca Casati

Früher? War es sehr einfach, wenn man Aufmerksamkeit erregen wollte. Man rief oder signalisierte: Bitte alle mal eben hergucken! Und dann taten die Leute das auch.

Tim-Oliver Sch. beispielsweise erntete in der Schule vielfach Bewunderung, weil er an jedem Tag der Woche ein anderes Paar Burlington-Kniestrümpfe trug, die er übrigens immer sehr stramm hochzog. Während Andreas J. immer im Unterricht die Hamburger Morgenpost las, um anschließend, auf dem Pausenhof, vernehmlich über das Wettrüsten oder die Startbahn West zu reflektieren.

Während wir in der Freistunde so taten, als bewegten wir uns durch einen Levis-Werbespot, ließ sich die sitzengebliebene, in allen anderen Belangen aber höchst souveräne Katrin B. direkt vor unseren Augen von ihrem Freund (!!) mit seinem Auto (!!!!!) abholen, um mit ihm alles außer Bio-Hausaufgaben zu machen. Sie blieb dann noch mal sitzen, die Katrin B. Aber na ja. Trotzdem.

Und dann gab's da noch den Pfadfinder Nils H., der bei jeder Gelegenheit, also in der Bio-, Musik-, Sozialkunde-, Geschichts-, Erdkunde- oder Ethikstunde, seine Überlegenheit betonte. Und wie er so schwadronierte, über die Kameraderie am Lagerfeuer, oder darüber, wie er Ökosysteme bestimmen und Morsegeräte konstruieren konnte und wie sein Engagement aus ihm einen wertvolleren Menschen und besseren Jethro-Tull-Versteher gemacht hätte, machte er eben auch gleichzeitig klar, dass wir anderen Babys waren, die Mehlwürmer in Schuhkartons züchteten und noch mit ihren Eltern verreisten.

Moralische Überlegenheit, erotische Wissensvorsprünge, Felgaufschwung - die einen brüsteten sich damit, die anderen sortierten sich drum herum. Oder sahen und hörten einfach weg. Der Aufmerksamkeit lag noch keine Ökonomie zugrunde. Angeberei war für uns also eine vergleichsweise grundentspannte Sache. Im Übrigen waren wir damals alle (bis auf Katrin B.s Boyfriend) unter 18, mithin sowieso weitgehend verstrahlt, und nein, damit ist gar nicht Tschernobyl gemeint.

Gesichtslose Nerds am Drücker

Heute ist das Erregen von Aufmerksamkeit zur Überlebensstrategie geworden. Und zwar in fast jeder Altersstufe und Funktion. Es gibt dafür einerseits so viele Möglichkeiten und Kanäle wie noch nie. Andererseits nutzt eben auch jeder andere. Einerseits ist es ein sympathischer Drehbucheinfall des Schicksals, dass heute ausgerechnet jene Nerds am Drücker sind, von denen in der Raucherecke niemand Notiz nahm (Katrin B. erinnert sich wahrscheinlich nicht mal an ihre Gesichter, geschweige denn an ihre geringelten Nickipullover).

Andererseits haben diese Nerds in aller Ruhe ein neues Programm für die Welt geschrieben. In dem sich Vorzeichen, Grammatik und Vokabeln des Miteinanders verändert haben und es noch tun; in immer schnellerer Geschwindigkeit. Weshalb die Menschen ständig neue Strategien und Werkzeuge entwickeln müssen, um weiterhin darin zu bestehen.