Nationalgetränk in der Krise Bier + Deutsch = Problem

Beckstein hin, Oktoberfest her: Das deutsche Nationalgetränk hat ganz grundsätzliche Imagesorgen. Schuld tragen die großen Brauereien.

Von Stefan Gabányi

Als die Welt noch in Ordnung war in Bayern, da gab es in jedem Dorf eine kleine Brauerei und ein Wirtshaus, am Samstagabend ein paar aufs Maul und am Sonntag nach der Messe Schweinsbraten.

(Foto: Foto: ddp)

Dann wurde der Dorfbräu von einem Münchner Großbrauer aufgekauft und stillgelegt, und die Wirtschaft mit überteuerten Lieferverträgen unter Druck gesetzt bis sie den Kampfpreisen der Getränkemärkte zum Opfer fiel, wenn sie nicht vom Fremdenverkehr entdeckt und zur Landhaus-Zirbelstubn umgerüstet wurde. Der Nachwuchs ist besoffen gegen den Baum gefahren oder in die Stadt gezogen, da haben die Getränkemärkte auch eine viel größere Auswahl.

Dafür jammern jetzt die Brauereien, dass sie im eigenen Land ihr Bier nicht mehr loswerden, weil die Leute Preußenbier aus kleinen grünen Flaschen saufen. Da kann der Beckstein sagen, was er will, mit der Treue ist's vorbei, und der Bierdurst ist auch nicht mehr so groß wie früher. Vielleicht auch deshalb, weil die Biere einander immer ähnlicher werden.

Von alters her wurde ihr Charakter durch die individuelle Handwerkskunst der Braumeister bestimmt, vor allem aber durch das Brauwasser sowie Art und Herkunft von Hopfen und Malz. Im Zuge von Massenproduktion und zunehmender Konzentration innerhalb der Bierindustrie spielen solche regional bedingten Eigenheiten nur noch eine untergeordnete Rolle. Da kommt es dann schon mal vor, dass selbst Brauereibetreiber bei Blindverkostungen ihren eigenen Stoff nicht identifizieren können.

Die Wiesn als Bier-Marketingshow

Auch die Produktwerbung hilft da nicht weiter. Weißblauer Himmel, folkloristische Gemütlichkeit und gold glänzende Serviermädchen? Ebenso austauschbar sind die Imagekampagnen nicht-bayerischer Biere, nur, dass die Serviererinnen hier schon mal kokett bis frech sein dürfen, und der Trachtenkitsch durch humorige Fußballer-Kumpelei ersetzt wird.

Nun ist so ein frisches Bier am sommerlichen Seeufer ein beglückender Genuss, und auch ein Fußball-Fernsehabend wäre ohne Bier recht seltsam. Andererseits ist es mit der Gemütlichkeit in einem von angetrunkenen Fußballfans bevölkerten U-Bahnwaggon nicht weit her. Ähnliches gilt für die unter jugendlichen Biertrinkern beliebten Rülpswettbewerbe und jene Mannbarkeitsrituale, bei denen nur was hermacht, wer sehr schnell sehr viel trinkt, aber nur selten und dafür lang pinkelt.

Nirgendwo aber liegen Glanz und Elend des Bieres näher beieinander, als auf dem Oktoberfest. Das ehemals derb gemütliche Volksfest mutierte mittlerweile zur international wirksamen Bier-Marketingshow, die betuchtes Partyvolk aus aller Welt anzieht (selbst in New York gibt es inzwischen "Oktoberfestbeer"; das freilich stammt aus einer norddeutschen Brauerei und ist nur in der Dose zu haben).

Dass sich hier inzwischen der neureiche Trachtenadel selber feiert, während Normalbürger zunehmend Schwierigkeiten haben, den ganzen Spaß zu bezahlen (sofern sie denn überhaupt einen Platz im Bierzelt ergattern können), tut der Sache keinen Abbruch. Die glänzende Inszenierung der Münchener Brauereien überstrahlt für kurze Zeit alle Gegensätze und Sorgen. Sogar Frauen geben sich jetzt dem Bier hin, denn es ist ja alles so eine Riesengaudi.

Ist der physische Durst erst gelöscht, gibt es nichts Besseres als Bier, um zum enthemmten Saufen überzugehen. Der zweifelhafte, wenn auch verführerische Vorteil, den Bier gegenüber anderen Alkoholika besitzt, ist sein vergleichsweise geringer Alkoholgehalt in Verbindung mit der einzigartigen, schaumigen Süffigkeit. Vorausgesetzt, die Temperatur stimmt, am liebsten stangeneisgekühlt, trinkt es sich selbst dann noch lustvoll, wenn das körperliche Fassungsvermögen längst überschritten ist - "press mas owi", sagt der Bayer.

Der Blick wird stier, die Artikulation verschwimmt, das Trinkergemüt ergeht sich in trübem Dämmerzustand oder blinder Aggression. Höllischer Radau und ein animalisches Geruchsgemisch aus Bierdunst, Schweiß und Erbrochenem verlangt nach weiterer Betäubung.

Nur altgediente Stammtischkämpen erreichen inmitten dieses Trubels einen Zustand wortkarger Trägheit, der eher gelassen als dumpf erscheint, vergleichbar jenen orientalischen Opium-Habitués, die auf Außenstehende einen abgeklärt souveränen Eindruck machen, wo sie doch tatsächlich nur völlig hinüber sind.

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