Süddeutsche Zeitung

Nationalgetränk in der Krise:Bier + Deutsch = Problem

Beckstein hin, Oktoberfest her: Das deutsche Nationalgetränk hat ganz grundsätzliche Imagesorgen. Schuld tragen die großen Brauereien.

Als die Welt noch in Ordnung war in Bayern, da gab es in jedem Dorf eine kleine Brauerei und ein Wirtshaus, am Samstagabend ein paar aufs Maul und am Sonntag nach der Messe Schweinsbraten.

Dann wurde der Dorfbräu von einem Münchner Großbrauer aufgekauft und stillgelegt, und die Wirtschaft mit überteuerten Lieferverträgen unter Druck gesetzt bis sie den Kampfpreisen der Getränkemärkte zum Opfer fiel, wenn sie nicht vom Fremdenverkehr entdeckt und zur Landhaus-Zirbelstubn umgerüstet wurde. Der Nachwuchs ist besoffen gegen den Baum gefahren oder in die Stadt gezogen, da haben die Getränkemärkte auch eine viel größere Auswahl.

Dafür jammern jetzt die Brauereien, dass sie im eigenen Land ihr Bier nicht mehr loswerden, weil die Leute Preußenbier aus kleinen grünen Flaschen saufen. Da kann der Beckstein sagen, was er will, mit der Treue ist's vorbei, und der Bierdurst ist auch nicht mehr so groß wie früher. Vielleicht auch deshalb, weil die Biere einander immer ähnlicher werden.

Von alters her wurde ihr Charakter durch die individuelle Handwerkskunst der Braumeister bestimmt, vor allem aber durch das Brauwasser sowie Art und Herkunft von Hopfen und Malz. Im Zuge von Massenproduktion und zunehmender Konzentration innerhalb der Bierindustrie spielen solche regional bedingten Eigenheiten nur noch eine untergeordnete Rolle. Da kommt es dann schon mal vor, dass selbst Brauereibetreiber bei Blindverkostungen ihren eigenen Stoff nicht identifizieren können.

Die Wiesn als Bier-Marketingshow

Auch die Produktwerbung hilft da nicht weiter. Weißblauer Himmel, folkloristische Gemütlichkeit und gold glänzende Serviermädchen? Ebenso austauschbar sind die Imagekampagnen nicht-bayerischer Biere, nur, dass die Serviererinnen hier schon mal kokett bis frech sein dürfen, und der Trachtenkitsch durch humorige Fußballer-Kumpelei ersetzt wird.

Nun ist so ein frisches Bier am sommerlichen Seeufer ein beglückender Genuss, und auch ein Fußball-Fernsehabend wäre ohne Bier recht seltsam. Andererseits ist es mit der Gemütlichkeit in einem von angetrunkenen Fußballfans bevölkerten U-Bahnwaggon nicht weit her. Ähnliches gilt für die unter jugendlichen Biertrinkern beliebten Rülpswettbewerbe und jene Mannbarkeitsrituale, bei denen nur was hermacht, wer sehr schnell sehr viel trinkt, aber nur selten und dafür lang pinkelt.

Nirgendwo aber liegen Glanz und Elend des Bieres näher beieinander, als auf dem Oktoberfest. Das ehemals derb gemütliche Volksfest mutierte mittlerweile zur international wirksamen Bier-Marketingshow, die betuchtes Partyvolk aus aller Welt anzieht (selbst in New York gibt es inzwischen "Oktoberfestbeer"; das freilich stammt aus einer norddeutschen Brauerei und ist nur in der Dose zu haben).

Dass sich hier inzwischen der neureiche Trachtenadel selber feiert, während Normalbürger zunehmend Schwierigkeiten haben, den ganzen Spaß zu bezahlen (sofern sie denn überhaupt einen Platz im Bierzelt ergattern können), tut der Sache keinen Abbruch. Die glänzende Inszenierung der Münchener Brauereien überstrahlt für kurze Zeit alle Gegensätze und Sorgen. Sogar Frauen geben sich jetzt dem Bier hin, denn es ist ja alles so eine Riesengaudi.

Ist der physische Durst erst gelöscht, gibt es nichts Besseres als Bier, um zum enthemmten Saufen überzugehen. Der zweifelhafte, wenn auch verführerische Vorteil, den Bier gegenüber anderen Alkoholika besitzt, ist sein vergleichsweise geringer Alkoholgehalt in Verbindung mit der einzigartigen, schaumigen Süffigkeit. Vorausgesetzt, die Temperatur stimmt, am liebsten stangeneisgekühlt, trinkt es sich selbst dann noch lustvoll, wenn das körperliche Fassungsvermögen längst überschritten ist - "press mas owi", sagt der Bayer.

Der Blick wird stier, die Artikulation verschwimmt, das Trinkergemüt ergeht sich in trübem Dämmerzustand oder blinder Aggression. Höllischer Radau und ein animalisches Geruchsgemisch aus Bierdunst, Schweiß und Erbrochenem verlangt nach weiterer Betäubung.

Nur altgediente Stammtischkämpen erreichen inmitten dieses Trubels einen Zustand wortkarger Trägheit, der eher gelassen als dumpf erscheint, vergleichbar jenen orientalischen Opium-Habitués, die auf Außenstehende einen abgeklärt souveränen Eindruck machen, wo sie doch tatsächlich nur völlig hinüber sind.

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Bier + Deutsch = Problem

Bier mit Cappuccino-Aroma

Das hat nun gar nichts mehr zu tun mit den friedlich-fröhlichen Hochglanzklischees, mittels derer die Bierindustrie ihr Produkt als harmloses Spaßgetränk inszeniert. Ob die allerdings etwas an dem tumben Bierdimpfl-Image, das gerade der bayerischen Bierkultur anhängt, ändern werden, bleibt fraglich.

Die trinkende Jugend jedenfalls findet zunehmend Gefallen an hochprozentigen Energy-Drink-Mischungen. Die Industrie reagiert mit der Abfüllung diverser Biermischgetränke, Bier mit Cola beispielsweise, mit Tequila-, Apfel- oder auch Cappucino-Aroma.

Tatsächlich verkauft sich derart originelles Gepansche ganz ordentlich, allerdings nur mit sehr hohem Marketingaufwand, was die Umsatzrendite dann wieder nach unten drückt. Unabhängig davon stellt sich die Frage, ob derart lustige Limonaden mehr als nur eine vorübergehende Modeerscheinung sein werden; so wie die miesen mexikanischen Maisbiere, die zu Zeiten des TexMex-Booms todschick waren und heute nur noch ein deprimierendes Dasein in ordinären Berliner Strandbars fristen.

Statt zweifelhafter Ranschmeiße wäre etwas Imagepflege vielleicht sinnvoller. Dabei gälte es in erster Linie, dem scheinbar übermächtigen Konkurrenten Wein Paroli zu bieten.

Wird Bier in weiten Kreisen als eher unkultiviert wahrgenommen, so gilt der Weintrinker grundsätzlich als Kenner und Genießer. Die Weinfraktion kann sich freilich auf überirdischen Beistand verlassen, ist doch die, gerade in Bayern so gerne beschworene, christlich-abendländische Kultur durch und durch dem Weinbau verpflichtet: Aristoteles betrachtete die Sache noch nüchtern, als er in vergleichenden Studien feststellte, dass Biertrinker im Rausch nach vorne fallen, Weintrinker dagegen zur Seite.

Im Alten Rom war Bier dann schon das Getränk der feindlichen Barbaren, und so hieß es, Weintrinker dufteten nach Nektar, während Biertrinker nach Geißbock stänken. Endgültig wird die Vorrangstellung des Weins im Neuen Testament mit der Apotheose zum Blut Christi sanktioniert. (Diese Vorliebe der Antike lässt sich wohl als Abgrenzung gegenüber den rivalisierenden Hochkulturen Ägyptens und Babylons deuten, die Bier als Göttertrank verehrten).

Das 19. Jahrhundert erhob Wein dann zum Getränk der Freiheit und Aufklärung und seinen Genuss zur sublimen Kunst, während Bier das zünftige, flüssige Brot des vorindustriellen Zeitalters blieb. Das Argument, Wein sei eben das wertvollere der beiden Getränke, mag damals noch berechtigt gewesen sein.

Heute erscheint es obsolet angesichts der Tatsache, dass der Deutsche im Durchschnitt nicht mehr als zwei Euro pro Flasche Wein auszugeben bereit ist und - brancheninternen Erkenntnissen zufolge - nur etwa 300.000 Menschen hierzulande mit dem Begriff Barolo etwas anfangen können. Es ist vielmehr so, dass beim Wein die Reputation der großen Gewächse auf die Massenplörre abstrahlt, beim Bier dagegen die wirklich guten Exemplare im Meer der Durchschnittsware untergehen.

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Bier + Deutsch = Problem

Zuckercouleur, künstliche Enzyme und Schaumverstärker

Dabei hat Bier einiges mehr zu bieten als seine unübertroffenen Durstlöscherqualitäten. So ist es im Vergleich mit allen anderen alkoholischen Getränken ein durchaus naturreines Produkt: Zwar ist die romantischen Ansprüchen genügende kleine Landbrauerei, in der streng nach alter Familientradition gearbeitet wird, heute kaum noch zu finden. Doch auch modernste Kellertechnik, hochgezüchtete Braugerste und industrielle Wasseraufbereitung ändern nichts daran, dass Bier ausschließlich aus Hopfen, Malz und Wasser besteht.

Weitere Anreicherungen, wie sie der Weinwelt gang und gäbe sind, scheiden also aus - zumindest, wenn nach dem Reinheitsgebot gebraut wird , andernfalls darf auch mit Zuckercouleur, künstlichen Enzymen und Schaumverstärkern nachgeholfen werden. (Bei aller Liebe muss man das bayerische Reinheitsgebot von 1516 deshalb aber nicht zur ältesten Lebensmittelverordnung der Menschheitsgeschichte hochjubeln. Es war keineswegs als gesundheitspolitisches Instrument gedacht, sondern nur eine Verfügung, die den stets klammen Wittelsbachern die Übersicht über den Rohstoffverbrauch und damit die Steuererhebung zu erleichtern).

Saubere Frische als Qualitätsmerkmal schließt zwar eine längere Lagerzeit aus und beraubt den Bierfreund um die Weinkennern heilige Geheimwissenschaft der Jahrgangsbeurteilung. Alle anderen Themen, die Weingenuss zur hohen Kunst erheben, können aber ebenso bedient werden. Wer also dem Bier hochkulturellen Mehrwert verleihen will, kann genauso gut über Stammwürze fachsimpeln wie über Öchslegrade, er kann Sensorik-Studien anstellen (es gibt chemische Analysen, denen zufolge Bier weit mehr Inhalts- und Duftstoffe aufweist als Wein!), über die Wahl des richtigen Glases und Einschenkens diskutieren und die damit verbundene Textur des Schaums.

Der ist weit mehr als nur ein ästhetisches Phänomen, dient er doch dazu, Aromen und Kohlensäure im Bier zu halten. Erfahrene Trinker bestellen daher lieber "a Schaumige", auch Schnitt oder Pfiff genannt, anstatt sich über mangelnde Einschenkmoral zu beschweren. Beklagenswerter wäre da die neuerdings von Brauereien initiierte Zugabe von Stickstoff in die Zapfanlage. Das erhöht zwar die Zapfgeschwindigkeit, geht aber auf Kosten der Schaumdichte.

Brauer ohne Chancen

Die raffinierte Zusammenstellung von Wein- und Speisefolgen wird wohl die angestammte Domäne von Weinprofis bleiben, es dürfte sich aber auch herumgesprochen haben, dass Bier mehr kann, als nur Salzgebäck und Schweinernes herunterspülen. Eine wahre Labsal sind zum Beispiel Austern mit irischem Stout, Klosterkäse mit belgischem Trappistenbier und erst recht dunkle Schokolade mit schwerem Weizendoppelbock. Insbesondere die säure- und gewürzreiche asiatische Küche lässt Wein im Vergleich mit Bier blass aussehen, und es ist schon erstaunlich, mit welcher Ignoranz unsere Biervermarkter dieses Thema behandeln. Hier läge auch ein Ansatzpunkt, um all die Frauen anzusprechen, die Bier meist nur mit rülpsenden Männern assoziieren.

Um das gesamte Genusspotential von Bier auszuschöpfen, bedürfte es jedenfalls einiger Anstrengung. Was die Spirituosenindustrie längst gemerkt hat, dass man nämlich nachlassendem Alkoholkonsum und zunehmender staatlicher Restriktionen für Werbung und Verkauf mit besseren und vor allem individuelleren Produkten begegnen muss, ist den großen deutschen Brauern offenbar ein unsittliches Ansinnen.

Während die Bierspezialitäten der britischen Real Ale Pubs und der Microbreweries in den USA rasantes Wachstum verzeichnen können, tut sich diesbezüglich in Deutschland wenig. Obwohl immer wieder voller Stolz darauf verwiesen wird, dass kein Land der Welt mehr Braustätten vorzuweisen hat, verlässt man sich auf Einheitspils und klammert sich an die quasi-feudalistische Vertragspolitik, mit der Brauereien den Wirten vorschreiben, welches Bier sie auszuschenken haben (und zu welchem Preis).

Solange aber Wirte nicht frei entscheiden können, welches Bier sie ihren Gästen kredenzen möchten, solange haben engagierte Brauer nur wenige Chancen zu zeigen, was aus Hopfen und Malz herauszuholen ist - und solange wird dem Bier auch der Respekt versagt bleiben, den es tatsächlich verdient.

Bis dahin bleibt uns nichts weiter übrig, als mit Hingabe zu genießen, was Bier so unwiderstehlich macht: Den erlösenden ersten Schluck ...

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Quelle:
SZ vom 20.09.2008/mmk
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