Düsseldorf, die Stadt von Campino, von Fortuna 1895, ist neuerdings auch Heimat einer neuen Form von Fusion: Klinik trifft dort auf Hotel. Düsseldorf ist eine komische Stadt.
Düsseldorf ist eine komische Stadt. Bekannt gemacht haben sie ein Punksänger, der wie ein Kaffeemixgetränk heißt und ein Fußballverein, der im vergangenen Jahrzehnt die meiste Zeit in der Dritten oder gar Vierten Liga spielte, aber trotzdem trotzig das Glück im Namen führt. Es gibt Menschen, die dennoch beharrlich behaupten, Düsseldorf sei eine aufregende Metropole und würde in der Mehrzahl von modebewussten Kunstfreunden bevölkert. Diese Menschen haben auch sonst eine seltsame Auffassung von Humor.
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Die echten Perlen der Rheinmetropole: Die Gehry-Bauten im Kunst- und Medienzentrum Rheinhafen. (© ag.dpa)
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Was Düsseldorf, die verkannte Perle am Rhein, bisher offenbar nicht hatte, ist eine "Pearl of Aesthetic" und eine "Clinic of Medical Experts". Das klingt saublöd, doch diese beiden auch von der Namensgebung her innovativen Bereiche finden sich in einer neuen "Privatklinik im Hause Breidenbacher Hof", an der Kö. Dort gibt es der Eigenwerbung zufolge "das Besondere für Privatpatienten aus aller Welt: die direkte Verbindung zum Hotel Breidenbacher Hof".
In unserem Lieblingsbuch über Vorlieben deutscher Chefärzte haben einige Mediziner verraten, dass sie lieber Hotelier als Arzt geworden wären. In der neuen Privatklinik können sie ihrem Traumberuf nachgehen. Denn "sollte eine Operation eine stationäre Aufnahme erforderlich machen, kann der Patient nach der ersten Nacht in das Luxushotel wechseln" - und der Chefarzt sich nach der Operation im Zimmerservice etwas dazuverdienen. Vermutlich bietet das Haus der Klinikverpflegung nachempfundene Spezialitäten, etwa eine "Symphonie von Schmelzkäseecken an einer Tricolore von Graubrot". Für weniger Betuchte könnte nach Vorbild des Freiburger Restaurants Enoteca ein Rezessions-Menü auf der Karte stehen.
Die Klinik bietet im medizinischen Bereich Kernkompetenzen für eine typische Düsseldorfer Klientel. Ein Arzt stellt sich als Experte für Tränenwegschirurgie dar. Unklar bleibt allerdings, ob er die Tränenwege beschneidet oder eine - sehr rheinisch ausgesprochene - Schirurgie betreibt, damit die Tränen weg bleiben. Unbedingt erwähnt werden muss auch der Arzt für Koloproktologie, der zusätzlich Vorsitzender im "Deutschen, Europäischen und Weltweiten Hernienbeirat" ist.
Koloproktologen sind Experten für die letzte Endstrecke des Verdauungstraktes. In der Medizinersatire House of God haben die Assistenzärzte früh erkannt, dass sich in dieser Fachdisziplin besonders viel Geld verdienen lässt. Einer von ihnen will nach seiner Ausbildung eine Koloproktologie-Praxis in Hollywood eröffnen. Sein Motto: Durch den Enddarm zu den Sternen.
Ähnlich interessant wie diese Karriereplanung klingt der Berufsweg des Düsseldorfer Arztes, der bei einem Herzspezialisten gelernt und sich jetzt auf Haarchirurgie konzentriert hat. Unseren Recherchen zufolge hat das Herz zwar keine Haare, aber der Mann wird hoffentlich wissen, was er tut. Sein Spezialgebiet ist die "laserunterstützte Eigenhaarumverteilung", was wie Planfeststellungsverfahren klingt, aber wohl nicht so lange dauert.
Man möchte den Düsseldorfer Perlen der Ästhetik und besonders ihren Patienten wünschen, dass ihre operativen Umverteilungen an Haaren, Tränenwegen und Enddarm einzig medizinischen Zwecken dienen. Ergänzen könnte das Team auf jeden Fall ein Wissenschaftler, der ein originelles Forschungsgebiet bearbeitet. "Neuer Professor erkennt Krankheiten, bevor sie ausbrechen", wirbt die Universität des Saarlandes mit dem Mann.
Das hat uns gerade noch gefehlt. Vielleicht ist er gar Vorsitzender im weltweiten Beirat der "Erkenner neuer, noch nicht bekannter Krankheiten, die keiner braucht" und würde deshalb wundervoll nach Düsseldorf passen.
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(SZ vom 14.06.2010/che)
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danke für Ihren brillanten Essay "Perlen der Heilkunst" über die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt samt messerscharfer Analyse „Düsseldorf ist eine komische Stadt.“ Treffender hätte man es nicht sagen können! Und zwei Sätze später setzen Sie sogar noch einen drauf: „Es gibt Menschen, die dennoch beharrlich behaupten, Düsseldorf sei eine aufregende Metropole und würde in der Mehrzahl von modebewussten Kunstfreunden bevölkert.“ Haha! Auf den Punkt, Herr Bartens. Respekt!
Da könnten freilich nur Kleingeister auf den Gedanken kommen zu fragen, mit was für Leuten Sie eigentlich verkehren, die Ihnen einen solchen Schmarrn ins Notizbuch diktieren. Aber Sie dürfen ganz beruhigt sein, Herr Bartens. Kein Wort würden wir denen glauben, die womöglich noch die Dreistigkeit besäßen, Ihnen Neid oder Missgunst zu unterstellen,- zum Beispiel weil die „verkannte Perle am Rhein“ bei Städterankings in Sachen Lebensqualität München regelmäßig den Rang abläuft. Oder weil Konzernchefs Ihrer süddeutschen Heimat den Rücken kehren und mit Mann und Maus gen Westen ziehen. Wohin Eon letztes Jahr gegangen ist, ist uns gerade entfallen, Herr Bartens. Aber vielleicht wissen Sie es noch. Journalisten haben ja ihr Ohr am Puls der Zeit.
Wenn Sie uns fragen: Ganz und gar unanständig die Leut, die Ihnen so was unterstellen würden!
Zum Schluss, mit Verlaub, ein kleiner Tipp: Wir wissen ja, dass Sie München noch nie verlassen haben, Herr Bartens. Hand aufs Herz, belassen Sie es auch dabei. Wir meinen es gut mit Ihnen. Denn da draußen in der Welt geht es gelegentlich ganz schön komisch zu.
Saukomisch sogar. Und das ist sicher nichts für Sie.
Also einfach weiter so, Herr Bartens!
Gespannt Ihrem nächsten Artikel entgegenfiebernd:
John Lempriere und Freunde