Männer, die auf Frauen warten "Sie lässt ihn nicht warten - sie vergisst ihn"

Männer, die auf Frauen warten: Die Social-Media-Plattform Instagram hat diesem Phänomen einen Blog mit dem vielsagenden Titel "miserable_men" gewidmet

Männer verplempern ein Jahr ihres Lebens damit, auf ihre Partnerin zu warten. Die meisten Frauen merken es nicht einmal, denn nirgendwo vergeht die Zeit so rasend schnell und zugleich so quälend langsam wie diesseits und jenseits einer Umkleidekabine.

Von Violetta Simon

Wer sich hin und wieder in den Shopping-Malls einer Großstadt umsieht, dem dürfte dieser Anblick vertraut sein: wartende Männer, die ins Leere starren. Forscher wollen im Auftrag eines britischen Modelabels herausgefunden haben, dass Männer ein Jahr ihres Lebens damit verbringen, auf Frauen zu warten - vor Badezimmertüren, in Autos mit laufendem Motor oder beim Einkaufen. Allein 22 Wochen hängen sie vor Umkleidekabinen ab. Der Hamburger Autor Moritz Petz hat dem Thema "Warten auf Frauen" ein eigenes Buch gewidmet, in dem er seine Erfahrungen als Wartender verarbeitet und die Auswüchse dieser Zeitverschwendung als "untragbaren Zustand" beschreibt.

Auch die Socialmedia-Plattform Instagram hat sich mit der Spezies der wartenden Männer auseinandergesetzt. Auf der Seite mit dem vielsagenden Titel "Miserable Men" findet sich eine Galerie der Geduldigen: Männer aus aller Welt, mit Käppi, Turban oder Glatze. Auf einem Stuhl zusammengesunken, mit auf dem Bauch verschränkten Armen, das Kinn auf der Brust. Andere haben den Kopf in den Händen vergraben. Oder sinnierend in die Faust gestemmt, irgendwo zwischen Zuversicht und Resignation. Einige wurden als dekoratives Element zwischen Schaufensterpuppen deponiert. Oder in Sitzlandschaften, wo sie die Kultur des Probewohnens pflegen. Andere sitzen auf dem blanken Boden und tippen ins Handy, während die Menschen um sie geschäftig ihre Bahnen ziehen. Wie an Land gespültes Strandgut fläzen sie herum, mit einem Blick, der verrät, dass sie sich an einen anderen Ort wünschen. Zu ihren Füßen meist eine Tüte, die sie treu bewachen, weil die Besitzerin der Beute weiterzog, auf der Suche nach mehr.

Warten auf Godot

In ihrer Duldsamkeit erinnern die wartenden Männer an die Landstreicher Estragon und Wladimir, die auf Godot warten. Genau wie diese zweifeln sie vermutlich an der Sinnhaftigkeit ihrer Situation, verharren jedoch schicksalsergeben an Ort und Stelle. Wie jeder weiß, warten die beiden in Samuel Becketts Theaterstück vergeblich, denn: Godot wird nie erscheinen - im Gegensatz zu der Frau hinterm Vorhang. Die Frage ist nur: Wann wird sie auftauchen? Es kann jederzeit so weit sein. Oder noch einmal so lange dauern. Nur den wenigsten gelingt es, sich in dieser Zeit sinnvoll zu beschäftigen. Manche pulen an den Fingernägeln. Andere sehen bewusst anderen Frauen hinterher, um sich für die Demütigung rächen. Oder verzweifeln still.

Wer zum Warten abgestellt wird, dem wird keine Zeit geschenkt - sondern gestohlen. Wer glaubt, man könne sie sich einfach zurückholen, hat sich getäuscht: "Zeit kann man nicht sparen, nicht managen, nicht verlieren, und erst recht nicht totschlagen", philosophiert das Institut für Zeitberatung, dem der renommierte Zeitforscher Karlheinz Geißler angehört, auf seiner Webseite. "Man kann mit der Zeit überhaupt nichts machen. Außer sie leben." Dasselbe gilt wohl auch für das Warten auf Frauen - ein "untragbarer Zustand", doch vielleicht sollte man besser lernen, damit zu leben. Nur wie?

"Es ist die erzwungene Passivität, die die Wartesituation so belastend macht", sagt der Magdeburger Soziologe Rainer Paris, der sich ausführlich mit dem Phänomen des Wartens befasst hat. Wie das Warten empfunden wird, hängt von der Bedeutung des Ziels ab. "Die Frau ist bei der Sache, für ihn jedoch ist die Sache das Warten. Wenn man nichts tun kann als warten, wird die Situation als Ausgeliefertsein erlebt." Ohne Ziel werde das Warten zum Erdulden, zu einem qualvollen Verrinnen von Zeit, schreibt Paris in seinem Buch "Warten auf Amtsfluren".