Loveparade in Duisburg Die vermeidbare Katastrophe

Heute vor drei Jahren starben 21 Menschen bei der Duisburger Loveparade. Ein Gutachten legt nahe, dass die Veranstaltung, so wie sie geplant war, in einer Katastrophe enden musste. Noch in diesem Jahr könnte es Antworten auf die Frage geben: Wer war schuld?

Von Bernd Dörries

21 Tote wegen ungenügender Grundrechenarten? Bereits Mitte Mai dieses Jahres hatte die Süddeutsche Zeitung über die Pannen berichtet, die möglicherweise mitschuld an der Katastrophe von Duisburg waren. Doch das alles größtenteils Spekulation, denn die juristische Aufarbeitung hat noch immer nicht begonnen. Ein Überblick über den Stand der Ermittlungen.

Vor einigen Jahren hätten manche in Deutschland womöglich noch gelacht bei diesem komischen Titel und sich gefragt, wozu man das denn braucht: "Professor for Crowd Science at the International Centre for Crowd Management and Security Studies". So steht es auf der Visitenkarte von G. Keith Still, der mit seinem Forschungsgebiet jahrelang nur Experten bekannt war, der bald aber eine wichtige Rolle spielen könnte, wenn ein Gericht entscheidet, wer schuld war an der Katastrophe auf der Loveparade. Wer verantwortlich ist für 21 Tote.

Seit fast drei Jahren ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft nun mit einer unglaublichen Akribie, auf 32.500 Seiten ist die Hauptakte zu den Ermittlungen angeschwollen. In Justizkreisen geht man davon aus, dass es im Sommer auch zu Anklagen kommen kann - gegen 15 Beschuldigte wird derzeit ermittelt, ein weiterer ist Anfang des Jahres verstorben.

Dem britischen Gutachter Still würde in dem Verfahren eine zentrale Rolle zukommen. Er hatte im Dezember 2011 ein erstes Gutachten verfasst, das auf 20 Seiten darlegte, dass die Loveparade in einer Katastrophe enden musste, dass sie nie hätte genehmigt werden dürfen. Im März 2013 hat Still nun noch einmal detailliert nachgelegt, die Version 3.15 seiner Untersuchungen sind ein entscheidender Baustein für die Ermittler: Auf mittlerweile fast 90 Seiten erhebt Still - ohne sie namentlich zu nennen - schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen der Stadt Duisburg und des Veranstalters Lopavent.

Eine zentrale Frage der Staatsanwälte war: Gab es wenigstens die theoretische Möglichkeit, den Plan der Veranstalter umzusetzen, ohne dass Besucher der Duisburger Loveparade körperlichen oder seelischen Schaden genommen hätten? Stills Antwort lautet: nein, völlig undenkbar.

1000 Lichter für die Opfer

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In verschiedenen Rechenmodellen weist er nach, dass die Veranstalter es aus seiner Sicht versäumt hätten, einfachste Kalkulationen durchzuführen. Zum Beispiel die erwarteten an- und abgehenden Besucherströme zu addieren. 21 Tote wegen ungenügender Grundrechenarten?

Die Katastrophe auf der Loveparade wurde oft als Massenpanik beschrieben, es klingt nach Mitschuld der Opfer. Für Panik fehlte ihnen aber der Platz, sie wurden erdrückt, weil sich auf der Rampe zum Gelände zu viele Menschen stauten. Still weist in seinem Gutachten nach, dass Veranstalter und Stadt durch einfache Kalkulationen hätten wissen müssen, dass die Rampe viel zu klein war für die erwarteten Besucher. Sie war zudem mit Zäunen verstellt und acht Meter schmaler als eigentlich geplant.

Das alles wäre vorhersehbar gewesen, das alles hätte nie genehmigt werden dürfen, schreibt Gutachter Still.

Den Anwälten der Beschuldigten ist wohl klar, dass es sich bei dem Gutachten um ein zentrales Element einer möglichen Anklage handelt. Rechtsanwalt Hans-Jürgen S., der den technischen Leiter der Loveparade vertritt, schreibt mehrere Erwiderungen auf das Gutachten, die insgesamt länger sind als die Expertise selbst. Mal stimme eine Uhrzeit nicht, mal fehlten dem Gutachter Kenntnisse des deutschen Rechtssystems.

Jonglage mit Besucherzahlen

Zwar hatten sich die Beteiligten auch Gedanken gemacht, wie denn auf eine Überfüllung des Geländes zu reagieren sei und am 8. Juli 2010 die Vereinbarung eines Frühwarnsystems getroffen. Das hat nach den Ermittlungen der Polizei aber gründlich versagt. Polizei, Stadt und Veranstalter zählten am Tag der Katastrophe die Besucher, mit Hubschrauberbildern, Rasterbildern, per Hand. Jeder kam auf ein anderes Ergebnis, ein mathematischer Mittelwert wurde berechnet und dabei ein unglaublicher Fehler begangen: Meldete eine Kontrollstelle keine Daten, wurde sie mit Null in die Tabelle eingefügt, was den Mittelwert weiter senkte. Letztlich wusste niemand so genau, wie viele Menschen sich auf dem Gelände befanden.

Und genau das war womöglich auch die Absicht des Veranstalters. Die Lopavent, die dem Fitnessunternehmer Rainer Schaller gehört, hatte im Vorfeld mit allerlei Zahlen jongliert, öffentlich von einer erwarteten Million Besuchern gesprochen, intern kalkulierte man aber mit 250 000, die von den Behörden genehmigt wurden.