Lebensmittelsicherheit Jede zweite Tomate verseucht

Bromid, Procymidon, Pyrimethanil - Lebensmittel enthalten teils wahre Giftcocktails. Experten forderten in Berlin ein globales Kontrollsystem.

Von Stephanie Sartor, Berlin

In Anbetracht der Untersuchungsergebnisse dürfte Helmut Tschiersky-Schöneburg der Appetit vergangen sein. Tschiersky-Schöneburg ist Leiter des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Sein Haus hat jetzt umfassende Daten über die Giftbelastung von Lebensmitteln und Spielsachen auf dem deutschen Markt veröffentlicht.

Es sind schockierende Zahlen, die er heute in Berlin vorgestellt hat. "Bei einigen Proben liegt die Belastung so hoch, dass bei einmaligem Verzehr gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht auszuschließen sind", sagte Tschiersky-Schöneburg.

Rückstände gleich mehrerer Pflanzenschutzmittel wurden in knapp 80 Prozent der getesteten Salatköpfe gefunden. Zehn Prozent der untersuchten Salatköpfe überschritten mehrere Pestizidhöchstgrenzen. In jeder fünften Probe war zu viel Nitrat gefunden worden. Nitrat wird vom menschlichen Körper in Nitrit umgewandelt und kann mit Aminen, die im Magen vorhanden sind, Nitrosamine bilden. Diese Substanzen können schon in kleinen Mengen krebsauslösend sein.

Tomaten sind nicht besser dran. In jeder zweiten getesteten Tomate haben die Forscher einen wahren Pestizidcocktail gefunden: Insgesamt 72 Giftstoffe verzeichneten die Tester. Am häufigsten Bromid, ein Rückstand des Begasungsmittels Methylbromid, das in Gewächshäusern eingesetzt wird, gefolgt von Procymidon und Pyrimethanil.

Solange die Produkte in Deutschland hergestellt werden, haben die Kontrolleure noch verhältnismäßig gute Chancen, die Produktionsbedingungen zu prüfen. Bei Waren aus dem Ausland ist das kaum möglich.

Der Krebs im Fisch

Ein Beispiel: Räucherfisch. Fast die gesamte Produktion kommt - mit 98 Prozent - aus dem Baltikum. Die Hälfte der getesteten Chargen in Pflanzenöl eingelegter Räucherfische hatte die Höchstgrenze bei Benzpyren überschritten. Benzpyren ist in geräucherten Waren, im Zigarettenrauch, in Industrie- und Autoabgasen und gegrilltem Fleisch nachgewiesen worden.

Tierversuche bestätigten den Verdacht, dass die Chemikalie krebsauslösend sei. Die Konserven waren bereits mehrfach Gegenstand von Warnungen des Europäischen Schnellwarnsystems für Lebensmittel.

Im Vergleich zu früheren Untersuchungen gibt es heute zwar weniger Produkte, die Höchstgrenzen überschritten. Dafür aber mehr, bei denen überhaupt Giftrückstände nachzuweisen seien, sagte Tschiersky-Schönburg.

Gift in der Puppe

Auch giftiges Spielzeug findet sich im Bericht des Bundesamtes für Verbraucherschutz. Die gute Nachricht: Puppen für Kinder unter 36 Monaten zeigten sich als nahezu unbelastet. Allerdings: In acht Prozent der getesteten Puppen für ältere Kinder wurden gefährliche Weichmacher gefunden.

Eine von Öko-Test durchgeführte Untersuchung kommt zum selben Ergebnis: Neun von 13 getesteten Kunststoffpuppen bekamen hier eine glatte Sechs. Der Grund waren hochgiftige zinnorganische Verbindungen, die das Hormonsystem der Kinder schädigen können. Vor allem bei in China produziertem Spielzeug waren diese Weichmacher immer wieder entdeckt worden.

Tschiersky-Schöneburg fordert jetzt ein globales Kontrollsystem, auch um die illegale Einfuhr von pestizidverseuchten Lebensmitteln und giftigem Spielzeug zu unterbinden.

Es brauche zudem Höchstgrenzen der Giftbelastung, die weltweit gültig seien. "Momentan muss man sich noch auf das Verantwortungsbewusstsein der Händler verlassen", sagt Tschiersky-Schöneburg. Was offenbar nicht ausreicht: "Deutsche Importeure müssen ihr Qualitätsmanagement verbessern", fordert er.

Bis es allerdings soweit ist, bleibt dem gesundheitsbewussten Konsumenten nur eines übrig: "Bioware kaufen", lautet der Rat des amtlich bestellten Verbraucherschützers.