Knigge für die Feiertage "Schenken ist eine Spezialform des Tausches"

Darf man etwas verschenken, das einem selbst Nutzen bringt?

"Bedient man sich ein wenig bei Aristoteles und Kant, dann muss die Antwort ,jein' lauten. Das Schenken ist ja eine Spezialform des Tausches. Korrekt ausgedrückt manifestiert der Schenker - materialisiert durch seine Gabe - die Anerkennung des Beschenkten. Doch dieser Tausch muss auf gegenseitiger Freiwilligkeit beruhen. Man schenkt, das ist ganz wichtig, in erster Linie um des anderen Willen. Das Idealbild wäre demnach die sogenannte reine Gabe, wie sie zwischen Menschen erfolgt, die sich lieben. Wäre die primäre Intention dagegen die Gegenanerkennung oder gar der Nutzen für mich, so würde das Geschenk sofort entwertet. Das bedeutet aber nicht, dass der Schenker keinen Nutzen von einem Geschenk haben darf. Es muss sich bei diesem Nutzen nur um eine Art positiven ,Kollateralschaden' handeln. Ich darf meiner Frau also eine Kreuzfahrt zu Weihnachten schenken, auf die ich sie selbst begleite. Doch idealerweise sollte ich davon ausgehen können, dass sie sich aufrichtig darüber freut. Wenn sie lieber Safaris mag und ich der Traumschiff-Fan in dieser Ehe bin, dann kriege ich unter dem Tannenbaum ein Problem. Dann ist es im strengen Sinne auch kein Geschenk mehr."

Professor Armin Wildfeuer lehrt Sozialphilosophie und Ethik an der Katholischen Hochschule Nordrhein Westfalen.