Junge Muslime in Deutschland Özlem Sarikaya, Moderatorin

,,Wie geht es Ihnen denn bei uns?'', hat sie jüngst ein älterer Herr gefragt. Özlem Sarikaya stand da gerade bei einem feinen Empfang am Buffet. So geht das oft, sie muss erklären, ,,wer ich bin''. Weil die Leute sagen, ,,du siehst gar nicht aus wie eine Türkin'', also ,,nicht uncool, hässlich oder spießig''. Dem Herrn am Buffet hat Sarikaya geantwortet: ,,Ihr ,uns' ist auch mein ,uns', Ihr Land auch meines.''

,,Ich habe Glück gehabt'', sagt sie. Die Eltern Gastarbeiter, das Kind Özlem geboren in Deutschland 1974, dann wie ein Gepäckstück abgegeben bei der Großfamilie im Osten der Türkei, weil Vater und Mutter weder Platz noch Zeit hatten: ,,Ich war ein Kofferkind, wie viele meiner Altersgenossen.'' Die Rückkehr mit drei Jahren zu den fremd gewordenen Eltern ist ein Schock, die Einzimmerwohnung in der Münchner Bahnhofsgegend ein graues Gefängnis.

Aber die Eltern wollen, dass es Özlem und ihrem jüngeren Bruder einmal besser geht als ihnen. Özlems Glück ist ein Kindergartenjahr, in dem sie Deutsch und Selbstbewusstsein lernt. Als das Mädchen ,,ohne Hilfe von zu Hause'' dann den Sprung aufs Gymnasium schafft, weil die Kriterien für Ausländerkinder in Bayern gerade etwas lockerer gehandhabt wurden, sind die Eltern ungeheuer stolz. Özlem wird zur ,,Vorbildtochter''. Sie selbst hat eigentlich keine Vorbilder, und das Politikstudium traut sie sich später erst nach einer Lehre zu, als sie merkt, dass ,,die anderen gar nicht so viel schlauer sind als ich''.

Den Traum, Journalistin zu werden, erfüllt sie sich mit nicht weniger Hartnäckigkeit nach zahllosen vergeblichen Bewerbungen. Der Irak-Krieg hat gerade begonnen, als sie ein Praktikum beim Bayerischen Fernsehen abschließen soll: ,,Da war ich auf einmal gefragt, weil alle dachten, als Muslimin müsste ich doch Islam-Expertin sein.'' Das war wieder Glück, aber auch ein Missverständnis.

Denn in ihrem Elternhaus spielte Religion keine große Rolle. Inzwischen hat sie jedoch festgestellt: Je negativer die Menschen in ihrer Umgebung über den Islam sprechen, desto größer wird ihr Unmut. ,,Dann sage ich, wenn ihr mir diesen Stempel aufdrückt, bekenne ich mich zu einer Sache, die mir nie wichtig war. Dann sage ich, dass ich Muslimin bin, auch wenn ich die Religion nicht praktiziere.'' Weil die Kritik so verletzend ist, ,,so unsinnig und undifferenziert''. Früher fand sie Kopftücher blöd, heute kann Sarikaya sie verteidigen, ,,nur aus Antihaltung''.

Özlem Sarikaya moderiert beim BR inzwischen ihr eigenes TV-Kulturmagazin ,,puzzle''. Seit ein paar Jahren hat sie einen deutschen Pass. Bevor sie die Urkunde abholte, war sie aufgeregt: ,,Ich habe überlegt, was zieh ich bloß an.'' Dann reichte eine Beamtin am Landratsamt den neuen Pass über den Tisch mit dem Satz: ,,Das ist dann erledigt.'' Sarikaya erinnert sich, wie sie vor der Frau einfach sitzen blieb, weil sie auf ein ,,Willkommen'' oder einen Glückwunsch wartete.

Aber da kam nichts. Sie fuhr in die Arbeit, noch voller Gram. ,,Da haben mich meine Kollegen umarmt.'' Das wünscht sich Sarikaya öfter, dass ihr Land ihre Zuneigung erwidert. Christiane Schlötzer

Lesen Sie mehr Erfahrungsberichte junger Muslime in Deutschland in der Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung vom 4./5. September 2010.