Junge Muslime in Deutschland Erdal Öztürk, ungelernter Arbeiter

,,Eine Schweinerei'' sei, was derzeit über den Islam berichtet werde. Überall, in jedem Fernsehsender, in jeder Zeitung: ,,Der böse Islam''. Es ist Mittagszeit. Erdal Öztürk, 23, hat Urlaub. Mal nicht am Fließband stehen und Autositze zusammenschrauben, sechs Handgriffe im Zwanzig-Sekunden-Takt. Öztürk ist ledig, keiner kocht für ihn, er hat Hunger, es ist Ramadan, aber er fastet nicht. Weil er ohne seine Zigaretten keinen Tag übersteht. Wie so oft sitzt er in Denzlingen, vor sich einen Döner und ein Glas mit schwarzem Tee. In dem Ort mit 13500 Einwohnern, nördlich von Freiburg, gibt es keine Moschee. Die Anzahl türkischer Bewohner ist überschaubar. Aber es gibt am Bahnhof einen kleinen Dönerladen mit ein paar Tischen.

Seit acht Monaten führen Abdullah Sevgin und seine Frau den Laden. Beide sprechen praktisch kein Deutsch. Anders Öztürk, ihr Stammgast. Der ist wütend. ,,Alle reden über den 11. September und machen den Islam schlecht. Dabei kann man selber nachlesen, dass der Islam niemanden dazu auffordert zu töten.'' Der junge Mann im schwarzen T-Shirt ist in Göppingen geboren und in der Türkei aufgewachsen. Seit er acht ist, lebt er wieder in Deutschland.

Er fühlt sich nicht als Deutscher oder als Türke, sondern ,,als Mensch'', dem es auch bei anderen darauf ankomme, dass sie ,,ein gutes Herz haben''. Eine Radikalisierung macht er nicht unter Muslimen, sondern mitten in den westlichen Gesellschaften aus. In der Schweiz, die Minarette. Oder in Frankreich, das Kopftuchverbot. Hätte er eine Frau, die ein Kopftuch tragen will, würde er sagen: ,,Okay, Schatz!'' Wenn nicht, ,,wäre mir das total egal. Wir leben doch nicht in Afghanistan oder Pakistan. Sondern in Freiheit. Das macht Europa aus.''

Ein paar Türken in roten Arbeitshosen kommen zur Tür rein und bestellen. Abdullah Sevgin säbelt Fleisch vom Spieß. Schadet ihm nicht, dass er kein Deutsch kann? ,,Natürlich schadet es ihm'', sagt Öztürk. ,,Aber er ist schon alt. Einen alten Baum kann man nicht mehr biegen.'' Auch Öztürks Oma hat viel geschuftet in ihrem Leben, eine einfache, sehr gläubige Frau mit Kopftuch, ,,sie hat Deutschland mit aufgebaut'', sagt Öztürk. Die Oma nimmt sich den Enkel regelmäßig zur Brust, auf dass er sich mehr um sein Jenseits kümmere. ,,Hier lebst du nur kurz, dort ewig'', pflegt sie zu sagen.

Seine Mutter trägt schon kein Kopftuch mehr. In Öztürks Generation gibt es Fußballer, Politiker, Erfolgsmenschen. Warum er selbst über einen Job als Ungelernter nicht hinausgekommen ist, weiß er nicht genau. An der Förderung der Schule, findet er, hat es nicht gelegen. Nach dem Hauptschulabschluss gab es eine Zeit, in der er schnell viel Geld machen konnte. In der er gefeiert hat, lustig war. Zu viel verprasste. Alle anderen in der Familie sind an ihm vorbeigezogen. Das ,,schwarze Schaf'' nennt er sich darum. Bei der Arbeitsagentur habe man ihn, sagt er, ,,behandelt, als ob ich ein Dreck bin''. Trotzdem findet er: ,,Die normalen Leute'', Deutsche und Türken, ,,kommen gut klar miteinander.'' Für seine Zukunft kann er sich vorstellen, einmal Familie zu haben. Dann, glaubt er, kommt Ordnung in sein Leben: ,,Der Islam ist schon hart. Fasten, fünfmal am Tag beten: Momentan schaff ich das einfach nicht.'' Monika Goetsch