Junge Muslime in Deutschland Meryem Altuntas, Apothekerin

In den siebziger Jahren, erzählt Meryem Altuntas, als ihr Vater in einem bayerischen Sägewerk das Geld für die Familie verdiente, sei dem Meister das schlechte Deutsch des türkischen Arbeiters ganz gelegen gekommen. "So konnte er seinen Willen besser durchsetzen. Es gab nur ,Ja' und ,Nein' und nichts dazwischen." Das Dazwischen ist für die Tochter dann zum großen Thema geworden in ihrem eigenen Leben, und vorläufig kann man sagen: Das hat sie nicht aufgehalten. Eher im Gegenteil. Meryem Altuntas, 37, ist eine kluge, gewandte, junge Frau, der in der Münchner Innenstadt drei große Apotheken gehören. Im Jahr 2000, nach Abschluss des Pharmaziestudiums, entdeckte sie als Doktorandin beim Jobben eine Marktlücke: Die türkischen Apothekenkunden fragten immer nach ihr, der Muttersprachlerin. Vertrauten ihr heikle medizinische Probleme an.

Also hat sie ihre Läden, zwei davon im Bahnhofsviertel, entsprechend aufgezogen: Das Personal spricht Deutsch, Türkisch, Arabisch, Russisch. Alle drei Filialen laufen bestens, die Zahl der Angestellten beläuft sich mittlerweile auf 30. Eine Erfolgsgeschichte "mit Migrationshintergrund", wie man so sagt.

Zwischen den Welten aufzuwachsen, das hat sie starkgemacht, sagt Meryem Altuntas: "Ich musste immer besser sein als alle anderen, um zu beweisen, eine Türkin schafft das auch." Als Sechsjährige kommt sie mit ihrer Mutter und drei Brüdern zum Vater in ein Dorf nordöstlich von München. An der Schule saugt sie die Intensivstunden in Deutsch auf wie ein Schwamm, um in den Pausen nicht mehr ausgelacht zu werden. Als sie die Übertrittsnoten für das Gymnasium erreicht, ist das eine kleine Sensation, und die ganze Klasse wird noch einmal einem Eignungstest unterzogen - der nur dazu dient, die türkische Kandidatin erneut zu prüfen, wie ihr der Lehrer später erzählt. Als sie ihre erste Apotheke eröffnet, fragt eine ältere Kundin, ob sie ihr Diplom in der Türkei gekauft habe.

Zu Hause die anderen Kämpfe, mit dem religiösen Vater: Soll ein muslimisches Mädchen studieren? Darf sie in die Stadt ziehen, wird die Familie sie nicht zwangsläufig verlieren an die andere, die deutsche, die fremde Kultur? Die Tochter setzt sich durch, "ich habe einen starken Willen", sagt sie. Altuntas erzählt von ihrem Weg, den Gratwanderungen, ohne Bitterkeit. Ihr Erfolg macht sie stolz, um die Schatten zu ahnen, muss man genau hinhören. Solche Sätze äußert die Businessfrau im weißen Kittel nämlich gern en passant: Für ihre Kinder, wenn sie einmal welche habe, "wünsche ich mir, dass sie niemals das Gefühl kennen, anders zu sein."

Sarrazin? "Er sät nur Hass." Schablonenhaftes Denken muss einer wie ihr zuwider sein, die sich in keine Schublade stecken lassen wollte. In der Schule nicht, wo sie gute Noten wie Geschosse abfeuerte gegen das ewige Bild von "der Türkin"; im Studium nicht, als sie mit Kommilitonen über kränkende Sätze stritt wie "du bist nicht so wie die Türken sonst".

Heute, sagt Meryem Altuntas, lebe sie beide Seiten aus, ihre deutsche und türkische. Sie wünscht sich, dass auch andere Einwandererkinder mit ähnlichen Erfolgen mehr an die Öffentlichkeit gehen. Den Kopf einziehen, um bloß nicht als Migrant erkannt zu werden? "Wir sind nicht nur Gemüsehändler. Wir müssen endlich raus mit unseren Geschichten." Anne Goebel