Jürgen Grässlin über Waffen

Was macht ein Pazifist in Baden-Württemberg, wenn die Widerstände übermächtig sind? Er kämpft. An allen Fronten.

Interview von Josef Kelnberger

Deutschlands bekanntester Pazifist? Jürgen Grässlin erwidert lächelnd: "Erfolgreichster Rüstungsgegner", den Titel hätte er gern. Im Freiburger Rüstungsinformationsbüro, umgeben von Hunderten Leitz-Ordnern, erklärt Grässlin seine Mission: Deutschland soll keine Gewehre und Pistolen mehr exportieren. Damit macht er sich viele Feinde. Aber dieser Mann hat Spaß an der Konfrontation.

SZ: Herr Grässlin, als Pazifist müssen Sie die weltberühmte Waffenschmiede Heckler & Koch jetzt endlich mal loben. Das G36 - ein Gewehr, das nicht funktioniert!

Jürgen Grässlin: Klingt nach Karl Valentin. Aber tatsächlich, was für eine groteske Situation für mich. Ich unternehme als Pazifist alles, damit die Soldaten nicht in den Krieg ziehen und andere umbringen. Aber als Humanist kann ich nicht ertragen, dass ihre Waffen im Gefecht mit Taliban versagen. Schließlich haben sie Familie.

Heckler & Koch ist in der kleinen Stadt Oberndorf zu Hause, nicht weit von Ihrer Heimat Freiburg entfernt. Würden Sie sich dort zurzeit in eine Kneipe trauen?

Mein Auto würde ich dort jedenfalls nicht parken. Die allerwenigsten Menschen in Oberndorf sind friedensgesinnt.

In den Zeitungen ist dieser Tage zu lesen: Grässlin steckt als Drahtzieher hinter der Krise des Unternehmens.

Heckler & Koch ist in einer schwierigen Lage. Die Probleme mit dem G36 sind wohl ein weiterer Sargnagel für das Unternehmen. Hinzu kommen meine beiden Strafanzeigen, unter anderem wegen illegaler Waffenexporte nach Mexiko. Ich gehe davon aus, dass die Staatsanwaltschaft Stuttgart bis Ende des Jahres Anklage erhebt. Ich kämpfe seit 30 Jahren gegen das, gemessen an den Opferzahlen, tödlichste Unternehmen Europas, und Sie können sicher sein: Auch in Zukunft werde ich immer wieder am Werkstor erscheinen und Flyer mit Opferbildern verteilen.

Das tödlichste Unternehmen Europas: Wegen solcher Formulierungen halten Sie manche Leute für eine Nervensäge.

Mehr noch: "Der meistgehasste Mensch im Ort" wurde ich jüngst in einer Zeitung nach Rücksprache mit Oberndorfern tituliert. Wohlgemerkt: Wir reden vom größten Kleinwaffenexporteur Europas, ich halte diese Zuspitzung für legitim.

Und was sagen Sie den Beschäftigten?

Mein Protest richtet sich nicht gegen sie. Anfang der Neunzigerjahre habe ich der damaligen Pressesprecherin von H & K ein vierseitiges Papier vorgelegt, wie wir uns als Friedensbewegte und Gewerkschafter den Konversionsprozess vorstellen, also eine Umstellung auf eine nachhaltige zivile Produktion. Sie hat gefühlte zehn Sekunden darauf geschaut und grinsend gesagt: Herr Grässlin, damit verdienen wir aber nicht so viel Geld. SIG Sauer geht jetzt notgedrungen den Weg der Konversion. Die Firma habe ich 2014 angezeigt wegen des Verdachts eines illegalen Pistolendeals mit Kolumbien. Wenige Tage später erhielt sie ein Rüstungsexportverbot. Mittlerweile produziert SIG Sauer in Deutschland nur noch Sportwaffen.

Und das ist alles Ihr Werk, Herr Grässlin?

Eine Welt ganz ohne Waffen werde ich allein nicht erschaffen, allein geht sowieso nichts. Aber es ist doch erstaunlich, was engagierte Menschen mit Hartnäckigkeit bewirken können. Sie kennen die Umfragen zu Rüstungsexporten? Bis zu 78 Prozent der Deutschen sprechen sich für ein totales Verbot aus. Die Basis dafür war eine fundierte Friedensarbeit über Jahrzehnte hinweg. Wir sind jetzt in der Mehrheit. Auch viele kirchliche Organisationen stehen hinter uns. Der Wind hat sich gedreht, der Ruf eines Waffenhändlers entspricht mittlerweile dem eines Kinderschänders.

Sie mögen Pazifist sein, aber rein rhetorisch machen Sie keine Gefangenen. "Herr Schrempp, an Ihren Händen klebt das Blut der Toten". So haben Sie den damaligen Daimler-Chef attackiert.

Jürgen Schrempp war Dasa-Vorsitzender, also Chef der Rüstungssparte des Daimler-Konzerns. Kurz danach hat er zu mir gesagt: Endlich eine Hauptversammlung, die Spaß macht. Sehen Sie, 1991 haben wir die Kritischen Aktionäre Daimler gegründet. Aufgrund unseres jahrelangen Drucks hat Daimler die damals gewaltige Rüstungsproduktion eingestellt, exportiert allerdings noch Militärfahrzeuge. Erst wenn Herr Zetsche auch dieses Geschäft aufgibt, werde ich sein Täterprofil aus dem "Schwarzbuch Waffenhandel" tilgen. Aber auch Daimler ist für mich kein Feindbild, sondern ein harter politischer Gegner.

Na ja. Sie sind seit zwölf Jahren Lehrer an der Lessing-Realschule in Freiburg. Als Ihre Schulleiterin kürzlich Daimler als Bildungspartner gewinnen wollte, drohten Sie: Ich gehe. Kein Feindbild?

Das musste ja jetzt kommen. (lacht) Keine Drohung, aber es stimmt: Daimler und ich, der jahrelange Streit um Rüstungsexporte an schlimmste Diktaturen . . . Ich hätte die Schule gewechselt, ansonsten wäre ein Scherbenhaufen entstanden. Kurz nach unserer Diskussion hat sich meine Schulleiterin entscheiden: Daimler wird doch nicht unser Bildungspartner - dafür danke ich Frau Frank ewig.

(Foto: Theodor Barth/laif)

Ein wenig erinnert Ihr Feldzug ja schon an Michael Kohlhaas. Gibt es niemanden, der Sie mäßigt, Ihre Frau zum Beispiel?

Aber hallo: Der Michael Kohlhaas des 21. Jahrhunderts wird gewinnen. (lacht) Eva ist nicht nur meine geliebte Ehefrau, sondern auch meine beste Ratgeberin. Ein Beispiel: 2005 haben mich Schrempp, Zetsche und Daimler verklagt, auf Unterlassung persönlichkeits- und konzernkritischer Äußerungen. Die Pressekammer Hamburg hat gegen mich entschieden, wir hatten letztlich fast 90 000 Euro Schulden. Ich fragte Eva: Sollen wir wirklich noch vor den Bundesgerichtshof ziehen? Wenn wir auch diesen Prozess verlieren, sind wir bald pleite. Sie sagte: Spinnst du? Du würdest unsere Prinzipien verraten. Auch sie steht mit ihrem ganzen Leben für unser Projekt: Kleinwaffenexporte stoppen, den Opfern eine Stimme geben. Wir haben im Übrigen vor dem BGH gewonnen.

Zu einem dunklen Kapitel Ihrer Vita: Sie waren mit 19 bei der Bundeswehr.

Das dunkelste Kapitel insofern, als dass ich in vollständiger Finsternis lernen musste, das G3-Gewehr auseinander- und wieder zusammenzubauen. Dann sollte ich auf Schießscheiben mit menschlichen Silhouetten und Schlitzaugen ballern. Der Aufrag: Schieß dem Chinesen zwischen die Augen! Daraufhin entgegnete ich: Ich habe nichts gegen Chinesen. Vier Monate später war ich raus aus der Bundeswehr.

Das war Ihr Erweckungserlebnis?

Wenn Sie so wollen, ja. Als Junglehrer wurde ich dann versetzt nach Sulz am Neckar. Zu der Zeit planten Eva und ich, nach Afrika zu gehen, eine Schule aufbauen. Doch dann sagten wir: Wir packen das Übel an der Wurzel. Die Nachbarstadt von Sulz am Neckar ist Oberndorf.

Können Sie verstehen, dass es Menschen reizt, eine Waffe in der Hand zu halten, abzudrücken, den Knall zu hören, den Rückschlag zu spüren . . .

Noch nie in meinem Leben habe ich einen Schuss abgegeben. Und nein, ich habe keinerlei Verständnis dafür, dass jemand Lust empfindet, den Abzugshahn zu betätigen. Bei einer Kriegswaffe halte ich so ein Gefühl für pervers. Ich widme mein Leben denjenigen Menschen, in deren Körper die Kugeln eindringen. Deshalb bin ich so oft in die Krisengebiete gereist. Wiederholt Türkei, Somalia, Kenia. Wenn ich Menschen als Opfer deutscher Kleinwaffen identifiziere, schreibe ich ihre Geschichte auf. So ist auch mein Buch "Versteck dich, wenn sie schießen" entstanden. Im Herbst reise ich wieder nach Afrika. Wieder einmal auf der Spur deutscher Waffen.

Auf Ihren Flyern zeigen Sie das Foto eines Somaliers, dem mit einem deutschen Gewehr ein Bein weggeschossen wurde. Er leidet unter Knochenfraß. Ist es nicht sehr brutal auch sich selbst gegenüber, ständig solche Schicksale an sich heranzulassen?

Abdirahman Dahir Mohamed. Jedes Bild steht für ein Schicksal. Samiira, eine andere Bekannte aus Somalia, gräbt seit 15 Jahren in Massengräbern nach ihrer Mutter, Opfer einer Exekution mit G3. Wenn wir über Hinrichtungsstätten laufen, knackt es schon mal unter den Schuhen, wenn man versehentlich einen Brustkorb zertritt. Dieses Knacken geht einem nie wieder aus dem Kopf. Aber ich kann damit umgehen. Ich habe eine glückliche Familie, viele Freunde, nette Kollegen und Schüler. Und ich lache für mein Leben gern. Das hilft. Außerdem halte ich wohl mehr aus als andere. Nur so kann ich Hinrichtungsvideos des "Islamischen Staats" ertragen.

Sie schauen sich Hinrichtungsvideos an?

Ja, ich will wissen, welche Gewehre eingesetzt werden. Zurzeit sind das Kalaschnikows, aber auch neue amerikanische M16. Sie wurden beim Sturm auf Mossul erbeutet. Für mich ist es eine Frage der Zeit, bis IS-Terroristen auch mit G3 und G36 exekutieren. Waffen wandern, sie bleiben meist Jahrzehnte im Einsatz. Und nirgends gibt es eine so hohe Waffendichte wie in dieser Region. Auch Deutschland als viertgrößte Rüstungsexportnation hat massiv Kriegswaffen in den Nahen und Mittleren Osten geliefert. Rüstungsexportpolitik ist weitaus tödlicher, als es Militäreinsätze sind.

Deshalb gehen sie immer wieder Politiker frontal an. Etwa den CDU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder, den Sie als Lobbyisten von Heckler&Koch attackieren . . .

. . . wie heuchlerisch: Er kritisiert Christenverfolgungen in aller Welt und unterstützt das Unternehmen, das Waffen nach Saudi-Arabien exportiert, wo Christen gnadenlos verfolgt werden.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel werfen Sie vor, er genehmige Waffenexporte in menschenrechtsverletzende Staaten?

Zur Person

Jürgen Grässlin, 57, gebürtiger Freiburger, von Beruf Pädagoge, ist ein Friedensaktivist auf allen Kanälen: Vorsitzender des Rüstungsinformationsbüros Freiburg, Mitbegründer der Kritischen Aktionäre bei Daimler, Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigung der KriegsdienstgegnerInnen, einer von drei Sprechern der Kampagne "Aktion Aufschrei - stoppt den Waffenhandel". Seinen Kampf gegen die Rüstungsgeschäfte von Unternehmen wie Daimler und Heckler&Koch führt er auch als Buchautor. Eine Art Standardwerk wurde "Schwarzbuch Waffenhandel: Wie Deutschland am Krieg verdient". Grässlin wurde für sein Engagement mehrfach ausgezeichnet, im Jahr 2011 erhielt er den Aachener Friedenspreis.

Richtig. Was hat Gabriel vor der Wahl nicht für flammende Reden gegen Waffenhandel gehalten. Und jetzt genehmigt er den Bau einer ganzen Panzerfabrik in Algerien.

Wenn aber Pazifisten und Rüstungsexportgegner in Deutschland wirklich in der Mehrheit sind: Warum schlägt sich das nicht bei Wahlen nieder?

Spannende Frage. Sagen Sie es mir!

Vielleicht deshalb: Weil die Deutschen zwar persönlich berührt sind von Kriegsbildern. Weil sie aber ahnen, dass ein Staat nicht pazifistisch sein kann. Dass ein Staat mit internationaler Verantwortung wie Deutschland eine Armee braucht. Und dass es legitim ist, sich mit Rüstungsexporten Einfluss zu sichern. Besser Deutschland macht diese Geschäfte als China oder Russland. Realpolitik.

Verzeihung, genau so argumentiert auch die Lobby der deutschen Rüstungsindustrie. Der Ansatz der Friedens- und Menschenrechtsbewegung ist wesentlich nachhaltiger. Wir behaupten nicht, Konflikte wie in Irak oder Syrien von heute auf morgen beenden zu können. Aber wir können durch den Stopp der Waffenexporte solche Konfliktherde ausbluten. Ich sage Ihnen: Wenn die SPD glaubwürdig für ein Rüstungsexportverbot eintreten würde, wäre sie sofort wieder über 30 Prozent.

Sie haben als Pazifist solche Debatten schon eine Million Mal geführt, richtig?

Oh ja, in vielen Facetten. Hält es ein Pazifist für legitim, einen Massenmord wie in Srebrenica mit Waffen zu verhindern? In solchen Einzelfällen natürlich ja, aber langfristig führt der Weg zum Frieden über immer weniger Waffen. Und bestimmt wollen Sie auch wissen, wie man als Pazifist einen Diktator wie Putin in Schach hält. Niemand hat ein Patentrezept, auch ich nicht. Die Lösung liegt in unendlich vielen Schritten der Deeskalation auf beiden Seiten.

Der Philosoph sagt: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Man sollte ihn einhegen.

Als Pädagoge an einer Schule, die sich der Gewaltfreiheit verschrieben hat, erwidere ich: Wie absurd, Kinder dafür auszubilden, anderen eine Kugel in den Kopf zu jagen!

Ihr Ministerpräsident und einstiger Parteifreund Winfried Kretschmann sagte jüngst: Allein mit der Bergpredigt lässt sich ein Land nicht regieren.

Da sehen Sie, welch widerstrebende Wege zwei Grüne gegangen sind. Anders als mein früherer Weggefährte Winfried, der Katholik, bin ich ein protestantisch erzogener Humanist - und doch glühender Anhänger der Bergpredigt, auch in der Politik. Im Sommer 2000 bin ich aus der Partei ausgetreten, weil sie in der Koalition mit der SPD ihre Ideale verraten hat. Keine Auslandseinsätze, so stand das im Parteiprogramm. Klar, Politik besteht aus Kompromissen, aber man darf nicht das eigene Rückgrat brechen.

Haben Sie nicht ein illusionäres Bild von Politik, Herr Grässlin?

Ich habe Visionen, nicht Illusionen. Sehen Sie, mein Großvater hat in Verdun gegen die Franzosen gekämpft. Mein Vater hat mit 16 als Flakhelfer auf französische Flugzeuge geschossen, was er im Nachhinein zutiefst bedauerte. Frankreich ist heute ein befreundetes Land, wir erleben die längste Friedensperiode aller Zeiten. Deshalb haben wir die Pflicht, den Friedensgedanken weiterzuentwickeln.

Und Sie werden dabei niemals müde?

Ich habe in den vergangenen 30 Jahren fast jedes Wochenende bei Friedensaktionen oder Friedenskongressen verbracht. Das wird etwas weniger werden, weil ich mich auch um meine Enkel kümmere. Aber ich habe jede Menge Pläne. Zum Glück komme ich nachts mit viereinhalb Stunden Schlaf aus. Und selbst in der Zeit schreibe ich unbewusst Ideen auf diese gelben Post-it-Zettel. Kürzlich ist meine Frau aus dem Schlafzimmer ausgezogen, sie sagte: Du hast die ganze Nacht geschrieben. Viel Gutes, entgegnete ich.