Zwei Alkoholiker berichten Endlich leben

Im Alltag haben sie funktioniert und still gelitten, haben ihre Familie und sich selbst belogen. Heute sind sie nüchtern. Zwei Alkoholiker berichten von ihrer Sucht.

Protokolle: Franziska Seng

Jahrzehntelang bestimmte die Droge den Alltag der Alkoholiker Ernst und Friedrich. Bei den Anonymen Alkoholikern, die nun ihr 75-jähriges Bestehen feiern, fanden sie einen Weg ins Leben.

Die Gefahren des Alkoholkonsums werden oft verkannt: Laut einer Studie der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sind ein Fünftel der Todesfälle in Deutschland zwischen 35 und 65 Jahren alkoholbedingt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ernst, 52 Jahre

In meiner Familie wurde sehr viel Alkohol konsumiert, bereits meine Mutter war abhängig. Schon als dreijähriges Kind habe ich im Biergarten immer eine kleine Tasse mit Bier bekommen. Damit ich ruhiger bin, nicht so umtriebig. So habe ich mich früh daran gewohnt, bei Stress und Aufregung erst einmal etwas zu trinken. Auch wenn es Probleme in der Schule gab, was nicht selten vorkam, da ich eben etwas aufmüpfig war. Meine Mutter sagte immer: "Komm, nimm dir erst einmal ein Bier." Mit zwölf Jahren trank ich ein bis zwei Gläser am Tag.

Später, bei Partys mit Freunden, hatte ich immer Angst, nicht genug abzubekommen. Deswegen habe ich sehr schnell und viel getrunken, drei Bier, während meine Freunde nur eins tranken. Ich habe gemerkt, wie sich mit dem Alkohol meine Hemmungen lösten: Mädchen ansprechen und ausgelassen sein, das klappte einfach viel besser. Auch wenn ich beruflich Vorträge halten musste, trank ich, um lockerer zu werden. Eines Tages hat mich ein Kollege zum Frühschoppen eingeladen. Seitdem fing ich schon morgens um zehn mit dem Alkohol an. Jeden Tag in der Früh ging ich zur Tankstelle und kaufte Bier oder Sekt.

Lange Zeit habe ich mir etwas vorgelogen. Eines Tages wollte ich zum Beispiel mit Freunden eine Tour auf den Ätna unternehmen, drei Tage lang. Um mir zu beweisen, kein Alkoholiker zu sein. Als Alkoholiker würde ich Entzugserscheinungen haben, dachte ich, die traten zunächst nicht auf. Dafür habe ich die Tour abgebrochen. Ich sagte, das Wetter würde umschwingen, und die ganze Mannschaft kehrte auf mein Kommando um. Das Wetter änderte sich gar nicht, aber wir sind nach dem Abstieg in eine Pizzeria, wo ich sofort eine Flasche Wein bestellte. Ich dachte nur: Das gönne ich mir jetzt.

Mein Büro befand sich nicht weit von meinem Wohnhaus. Auf dem Weg dorthin kam ich immer an einer Tankstelle vorbei. Sie lag auf der linken Straßenseite, während ich zum Büro rechts in eine Straße abbiegen musste. Jeden Morgen, wenn ich aus dem Haus ging, nahm ich mir fest vor, nicht zur Tankstelle zu gehen. Je näher ich der Tankstelle kam, desto schwächer wurde mein Wille, und letzten Endes ging ich doch immer hinein. Eines Tages schaffte ich es, die Tankstelle nicht zu besuchen, da musste ich vor Freude beinahe weinen. Aus lauter Glück, es geschafft zu haben, hielt ich beim nächsten italienischen Restaurant und bestellte mir ein Glas Weißwein.

Im Alltag funktionierte ich, meine Frau merkte jahrelang nichts, schließlich kannte sie mich auch nicht anders. Ich unternahm viel mit unseren Kindern, allerdings achtete ich bei den Ausflügen, dass wir an einer Wirtschaft vorbeikamen, wo ich trinken konnte. Seelisch war ich jahrelang abwesend, meine Gedanken drehten sich nur um den Alkohol.

Durch das Trinken wird man einsam. Nicht, weil sich die Leute von einem zurückziehen würden, sondern weil man sich selbst kaum noch ausstehen kann. Früher schaute ich in den Spiegel und sah ein aufgedunsenes Gesicht, hervorquellende, rote Augen, eine richtige Fratze. Ich wog damals 17 Kilo mehr als heute. Morgens, wenn ich mir die Zähne putzen wollte, musste ich mich immer übergeben, weil der Körper so überreizt war vom Alkohol. Dieses Gefühl besserte sich erst nach dem ersten Bier.

Irgendwann meinte ein guter Freund: "Du trinkst zu viel." Das hat mich total gewurmt. Ich wollte mir meine Sucht nicht eingestehen. Auch meine Frau wurde eines Tages misstrauisch, weil ich immer mit dem Vorwand, die Heizung zu reparieren, in den Keller ging. Dabei war die Heizung gar nicht kaputt. Sie hat meine Depots im Keller entdeckt, wollte aber nicht wirklich wahrhaben, was das bedeutete, denn bei Alkoholismus ist immer die ganze Familie betroffen.

Als eines Tages der Arzt feststellte, meine Leberwerte wären alarmierend, hat mir das einen Ruck gegeben. Ich war 39 Jahre alt und stellte mir vor, was mit meinen Kindern wäre, wenn mir etwas zustöße. Ich bin zu einer Beratungsstelle, und die Ärztin dort hätte mich auch gleich ein halbes Jahr auf Kur geschickt. Das kam allerdings nicht in Frage, denn als Selbständiger wäre ich dadurch pleitegegangen. Also bin ich in die Selbsthilfegruppe, das war meine Rettung. Bereits nach dem ersten Treffen konnte ich mich so weit zusammenreißen, auf dem Nachhauseweg nicht mehr bei der Tankstelle vorbeizugehen.

Am körperlichen Entzug litt ich etwa eine Woche. Ich befolgte die Ratschläge der anderen Gruppenmitglieder, zum Beispiel Unmengen Wasser zu trinken, so viel man nur könne. Das würde auch den Alkoholdurst mindern. Es dauerte noch ein halbes Jahr, bis ich mir die Tatsache, ein Alkoholiker zu sein, offen eingestehen und vor der Gruppe sagen konnte: "Ich bin Ernst und Alkoholiker." Aber wenn man aufhört, sich gegen diese Tatsache zu wehren, ist das der erste Schritt zur Besserung.

Am schwierigsten war zu lernen, mit den Gefühlen fertig zu werden, die ich unter Alkoholeinfluss nie wahrgenommen hatte. Ich hatte jahrzehntelang Glück oder Leid nur dumpf, wie aus großer Entfernung empfinden können. Mittlerweile führe ich ein erfülltes Leben, bin seit dreizehn Jahren trocken und fühle mich auch nicht eingeschränkt. Ich kann sogar ins Wirtshaus oder in den Biergarten gehen, mit Mineralwasser ist es dort genauso schön.