Interview Helge Schneider über Kultur

Warum war Marcel Reich-Ranicki so giftig? Braucht New York einen Förster? Und weshalb sind Kulturschaffende ständig so gestresst? Das große Interview mit dem Universaltalent Helge Schneider.

Interview von Hilmar Klute

In der kleinen, schön verzierten Münchner Wirtsstube hängt ein Hirschgemälde an der Wand. "Das habe ich noch schnell gemalt", sagt Helge Schneider - und warum soll jemand, der so viel kann wie er, nicht auch Landschaftsmalerei können? Schneider bestellt einen Enzian.

SZ: Als Günter Grass seinen 85. Geburtstag feierte, haben Sie auf seiner Party Musik gemacht. War Grass ein Fan von Ihnen?

Helge Schneider: Ich glaub', ja, der hörte gerne Jazzmusik und fand das gut, ich weiß nicht genau, wie er auf mich gekommen ist. Die Leute, die um ihn herum waren, haben gefragt, ob ich kommen würde. Ich hab' gesagt: Klar, komm' ich.

Haben Sie ihn richtig kennengelernt?

Das kann ich ja jetzt sagen: Ich war heimlich oben auf der Toilette, da lag sein Kamm.

Der Kamm von Günter Grass?

Ja, ich hab mich damit gekämmt. Der hatte ja ganz dunkle Haare. Ich habe ihn gefragt, sag mal, färbst du dir die Haare, er sagte, nee, die sind so.

Dann haben Sie den ganzen Abend Musik gespielt für ihn und seine Gäste.

Das war unsere Hauptaufgabe. Ich fand's ganz schön, musste dann aber schnell nach Hause. Ich hab' gesagt, ich will kein Geld, aber meine Jungs brauchen jeder 500 Euro oder so - hab' ich nie gekriegt, aber auch nie mehr nachfragt. Wie alt ist Grass geworden?

87. Worüber haben Sie gesprochen?

Ich habe ihn beglückwünscht, ihm auf die Schulter geklopft und Fotos gemacht. Nee, war ein netter Kerl. Er hat seine Hauptdarsteller aus dem ,Butt' immer wieder neu als Plastiken geformt und so; er hatte in seinem Haus auch Autogrammkarten von sich und einen kleinen Verkaufsraum für seine Skulpturen. Mensch, hab ich auch gedacht: Das hat er doch eigentlich gar nicht nötig.

Er war vielleicht ein bisschen eitel?

Aber er sah auch fantastisch aus und war gut drauf.

Und ein engagierter Künstler, der zu jedem Thema etwas sagen konnte. Das ist nicht unbedingt Ihr Konzept?

Nein, das ist bei einem Schriftsteller ja auch anders, zumindest bei einem Nobelpreisträger. Aber ich bin der Meinung, dass das, was ich mache, so komplex ist, dass es diesen Rahmen hat und nix anderes braucht. Andere Leute machen Stiftungen und so. Ich könnte dann nicht mehr das machen, worin ich stark bin.

Sie könnten nach Heidenau fahren und sich als Künstler gegen den rechten Mob stellen.

Das könnte ich nicht. Da würde ich mich als Künstler selbst kastrieren. Das ist Sache der Politik. Wir leben ja in einem Land mit einer starken Politikerclique, und die müssen was machen. Wenn man als Künstler denen die Arbeit abnimmt, finde ich das nicht richtig.

Aber viele Künstler sind sehr verliebt in die Regel: Die Politik ist hilflos, wir müssen jetzt ran.

"In der Malerei, in der Musik nehmen sich alle viel zu ernst." Helge Schneider.

(Foto: Volker Hartmann/action press)

Wenn einem etwas direkt im Alltag begegnet, muss man schon ran. Das nennt man Zivilcourage, hab' ich auch schon mal gemacht.

Was war passiert?

Das waren zwei Typen, die wollten einen Perser verkloppen. Da bin ich dazwischengegangen. Der konnte wegrennen. Dann hab' ich das abgekriegt.

Wurden Sie verletzt?

Es hielt sich im Rahmen. Ich hatte den Kiefer angebrochen. Aber das ist eine Sache, die passiert aus dem Affekt heraus oder aus dem Gefühl: Das darf doch nicht wahr sein, was machen die denn da? Aber mir vorsätzlich eine Gitarre umhängen und dahin zu fahren, wo so Knallköppe sind und denen was vorzuspielen, das finde ich ein bisschen blöd.

Weil es eine Form der Selbstbefriedigung ist?

Es ist, wie wenn man etwas für jemand anderen macht und sich dadurch selbst besser fühlt. Wenn ich jemandem, der auf der Straße bettelt, was gebe, weil der so schön Akkordeon spielt, dann frage ich nicht, warum der das macht. Aber systematisch vorzugehen und sich selbst in den Fokus zu stellen, um so zu agieren - Ich finde, in dem Moment ist das, was man als Künstler macht, nicht mehr so stark.

Weil es nicht zu dem passt, was Sie auf der Bühne tun? Weil es einen unnatürlichen Ernst bekommt?

Ja, es ist alles nur Halbwissen, wir wissen nicht, wie wir damit umgehen. Zum Beispielt das Thema Flüchtlinge, dazu werde ich auch befragt. Ich will überhaupt nichts dazu sagen, weil ich eigentlich nicht weiß, was man sagen soll.

Ist es nicht erstaunlich, dass die Leute Sie so etwas fragen, so wie man früher die moralischen Instanzen Böll und Grass gefragt hat?

Die kommen auf mich zu, aber sie kriegen keine Antwort. Ich kann nur sagen: Gebt jedem Flüchtling einen Blankoscheck.

Marcel Reich-Ranicki hat in den Neunzigerjahren ein Buch von Grass verrissen und eines von Ihnen . . .

. . . "Zieh dich aus du alte Hippe", ein Kriminalroman.

Hat er den gelesen?

Natürlich nicht.

Warum hat der Mann so heftig auf Sie reagiert?

Das sind Äußerlichkeiten. Ich hab' ihn auch an dem Tag im Aufzug getroffen. Er guckte weg, da hab' ich auch weggeguckt. Er kannte mich nicht, aber wusste von sich selbst, dass er bekannt war.

Er war seiner selbst allzu gewiss.

Ja, er war ein älterer Herr, dessen Beruf es war zu giften. Der Reich-Ranicki hat mir nie gefallen. Ein Blödmann, muss ich sagen. Der hat das zu ernst genommen. Vielleicht hatte er auch nur rausfinden wollen, wie groß sein Marktwert ist.

Oder seine Macht?

Das ist fast dasselbe. Es ist ja nicht so, dass der Marcel Reich-Ranicki der große Philosoph war. Der war im Showgeschäft und hat Bücher vorgestellt. Kritiker sind eben Kritiker, und die sind kritisch manchmal.

Zur Person Helge Schneider, geboren am 30. August 1955 in Mülheim an der Ruhr, ist nicht nur ein begnadeter Komiker. Er ist auch ein angesehener Jazzmusiker, Multiinstrumentalist, Regisseur und Schauspieler. Als Schriftsteller ist Helge Schneider vor allem mit Kriminalromanen ("Satan Loco", 2011) und autobiografischen Werken ("Bonbon aus Wurst: Mein Leben", 2009) hervorgetreten. Sein jüngstes Werk "Orang Utan Klaus" versammelt sämtliche Texte, die Schneider auf Bühnen gesprochen hat. Seit Anfang der Neunzigerjahre macht Schneider mit Kinofilmen von sich reden, seine erster, "Texas", war gleich ein großer Erfolg. Dieser Tage kommt der zweistündige Konzertmitschnitt "Lass knacken, Helge! Helge!" in die Kinos.

Aber Sie selbst haben nicht so viele kritische Kritiker.

Früher schon.

Weil man Sie nicht verstanden hat?

Ich habe ja meine ersten Kritiken selbst geschrieben, in der NRZ.

Unter anderem Namen?

Ja, irgendwie so. Ich hatte mal einen Auftritt in Krefeld im Taekwondo-Club, zu Nikolaus. Ich bin aufgetreten, dann hab' ich in der Zeitung geschrieben: "Nikolaus mit Helge war super." Irgendwann habe ich dann einen Manager gefunden, mit dem ich bis heute zusammenarbeite. Ich mache keine Werbung, nehme nicht alles an, du kannst nicht auf jeder Hochzeit tanzen.

Es gibt ein Interesse von der sogenannten Hochkultur an Helge Schneider. Alexander Kluge, der nicht direkt als Humorist gilt, hat für seine RTL-Kulturnische dctp unzählige Interviews mit Ihnen geführt.

Ich kann dir sagen, warum. Alexander Kluge habe ich durch Christoph Schlingensief kennengelernt. Er hat gesagt, komm doch mal vorbei; irgendwann hab' ich mich breitschlagen lassen, bin da hingefahren, und jetzt sind wir Freunde.

Was verbindet Helge Schneider und Alexander Kluge?

Er hat ja den Kopf voll unglaublichem Blödsinn, eigentlich.

Aber er hat es nicht als Blödsinn erkannt?

Doch, aber er konnte das nie so humorvoll auf den Teppich bringen. Eigentlich denkt er so wie ich. Wir telefonieren, und er sagt: Was fällt dir denn für ein Beruf ein? Dann sage ich zum Beispiel: Förster in New York. Dann bereitet er sich vor. Ich komme da hin, und er hat wieder einen Haufen Bücher über Förster und New York gelesen. Dann sitzt er da und stellt mir angeblich ernste Fragen, die aber von vornherein sowieso nicht ernst sind, und bezieht dann wahrheitsgemäß Eckdaten aus mehreren Jahrhunderten zusammen.

Und stellt Ihnen Fragen, die er auch Sloterdijk stellen könnte.

Sloterdijk, genau. Alexander Kluge und ich, wir sprechen öfter über Sloterdijk. Auch über Habermas. Ich bin kein Gelehrter und kann das dann immer gut auf den Teppich bringen, was er sich ausdenkt.

Wie geschieht das?

Indem ich meinen Mist dazu mache. Durch Physiognomie, Dialekt und überhaupt durch meine Antworten bringe ich das Ganze dahin, dass man drüber lachen kann.

Am Ende glaubt jeder Zuschauer, dass New York dringend einen Stadtförster benötigt.

Genau. Es ist ja auch immer verdammt wichtig, was geredet wird, und deshalb auch lustig. Man kennt das ja, dass Leute die so unheimlich wichtig sind, vor allem deshalb so lustig sind, weil man sie nicht mehr versteht.

Sie liefern keine Parodie, sondern erschaffen eine eigene Kulturwelt.

Ja, meine Lieblingsfigur ist Casanova, der sabbert, und dabei spielt er Panflöte.

Kommt Ihnen das Feuilleton, überhaupt der Kulturbetrieb, zu ernst vor?

Kann man sagen. In der Malerei, in der Musik nehmen sich alle viel zu ernst und stehen unter einem unheimlichen Druck, nicht zu versagen. Und, ganz wichtig: Sie haben Angst, dass sie nicht mehr einzuordnen sind, wenn sie was anderes wagen.

Man läuft Gefahr, seine Handelsmarke zu verlieren.

Stilwechsel, genau. Und da habe ich Glück gehabt, weil ich von Anfang an gemacht habe, was ich will. Es gibt Leute, die entwickeln Bühnenfiguren.

Gerne auch mit Hütchen und Herrentäschchen.

Ja, ich mache das auch manchmal und setze eine Perücke auf. Aber das ist dann eine Karikatur einer Bühnenfigur. Und deshalb bin ich es dann selbst.

Was sind Sie dann?

Ein Jazzmusiker, der nebenbei Geld verdient.

In Ihrem Buch, das alle Ihre Bühnentexte versammelt, zitieren Sie einen Vers von Heine, der auch von Ihnen sein könnte. Es geht um die Sonne: "Hier vorne geht sie unter . . .

. . . und kommt von hinten zurück." Stimmt. Das habe ich erkannt. Heinrich Heine kenne ich aber nur aus den Heinrich-Heine-Stuben in Düsseldorf. Wenn wir Downtown waren mit Leuten aus Amerika, haben wir da nachher immer Hähnchen gegessen. Und deshalb bin ich auf das Buch gekommen.

Wo haben Sie es her?

Meine Exfrau hatte das Buch im Regal, dann hab' ich so reingeguckt und gesagt: Das nehme ich mal mit. Ich hab' das gelesen, und es gefiel mir gut.

Vielleicht hätten Sie mit Reich-Ranicki über Heine sprechen sollen.

Zu spät. Er hat die Zeit verpasst. Ich hätte mich auch mit ihm über Goethe unterhalten können.

Gibt es da auch was Komisches? Vielleicht die Stelle, wo Werther versucht, Erbsen zu kochen?

Das ist irre. Aber das Hauptwerk, zum Beispiel der ,Faust", ist durch die Menschheit zum Hauptwerk von Goethe geworden. Das ist der Mainstream, den ich eben nicht so mag.

Jetzt haben Sie selbst fast goethehaft alle Ihre Texte als Buch veröffentlicht.

Ich hoffe, das Buch wird ein Knüller. Wir hatten die Idee, die Bühnentexte zu sammeln, jetzt habe ich einfach mal gemacht. Die Vorsitzenden von meinen Fan-Clubs haben die Aufnahmen, also Videos und Tonbänder, abgehört, die Texte abgeschrieben und an den Verlag geschickt. Ich wollte diesmal nicht selber schreiben. Die Geschichten sind irgendwie wahr.

Was bedeutet das?

Na ja, hier zum Beispiel, diese Stelle: "Die Frau wäre das ganze Leben enttäuscht mit diesem Mann, sie denkt, ich mach' mich mal schön, ein bisschen Rouge, Ohrendinger, Kontaktlinsen, vielleicht die Krause ein bisschen nachziehen, schönes Kleidchen an, hohe Stiefel mit 20 Meter Pfennigabsätzen, Gürtel figurbetont und schön eng. Und dann: Welche Tasche nehme ich, die silberne oder doch lieber die Krokodiltasche. Das ist auch eine Gelegenheit, hier auf diese bedrohte Tierart hinzuweisen."

Da werden tatsächlich alle großen Themen angesprochen, von der Einsamkeit der Frauen über den Terror der Modeindustrie bis zum Tierschutz.

Ja, alles drin, ziemlich bescheuert eigentlich. Jetzt kommt aber der Enzian, mein lieber Mann, das räumt den Magen auf. Gleich geh' ich ins Kino, und dann fliege ich wieder nach Hause.

Heute Abend noch?

Ja. Morgen räume ich meine Garage auf.