Intensiv und realitätsnah Frieden, Bruder

Der deutsche Mönch Nikodemus hat sich für Jerusalem entschieden. Er hat sich für ein gefährliches Leben zwischen den Fronten entschieden.

Von Peter Münch

Sein Lieblingsplatz ist die Noviziatsterrasse, der Ausguck direkt unter dem Glockenturm. Von oben hat Jerusalem ja immer etwas Entrücktes, über allen Konflikten Erhabenes, und auf der Terrasse fühlt sich auch Pater Nikodemus Schnabel dem Himmel vielleicht schon mal ein Stückchen näher. Er blickt über die Kirchenkuppel, den Abendmahlsaal, den Ölberg. Manchmal gönnt er sich hier eine Zigarre, am schönsten ist es kurz vor Sonnenuntergang. "Das Licht ist hier ja auch eine faszinierende Sache", sagt er, "da kann man einfach mal daran denken, wie unfassbar schön Jerusalem ist - wenn nicht gerade nebenan wieder Rambazamba ist."

"Ich liebe diese Stadt, auch wenn das nicht selten auf eine harte Probe gestellt wird."

Jerusalem ist seine Stadt. Für einen Sinn- und Gottsucher mag das nicht ganz so ungewöhnlich erscheinen, schließlich ist die Stadt ja heilig oder will es zumindest sein. Aber als heilig firmiert zum Beispiel auch Rom - und da wird man als Mönch nicht bespuckt, wenn man aus dem Haus geht. Da schreibt keiner "Jesus ist ein Hurensohn" auf die Klostermauern, und es verübt auch niemand einen Brandanschlag auf die Kirche.

All das hat der 36 Jahre alte Benediktinermönch erlebt in letzter Zeit. Extremistische jüdische Gruppen haben auch die Christen ins Visier genommen, Pater Nikodemus nennt sie die "Hooligans der Religion". Aber all das hat ihn dieser Stadt nicht entfremdet, im Gegenteil. "Ich liebe Jerusalem", sagt er, "auch wenn das nicht selten auf eine harte Probe gestellt wird."

Sein Zuhause in Jerusalem ist das Niemandsland. Genauer gesagt ist es die deutschsprachige Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg, deren Bau vor gut hundert Jahren von Kaiser Wilhelm II. finanziert worden war. Kirche und Kloster liegen genau dort, wo die 1948 gezogene Waffenstillstandslinie eine Pufferzone vorgesehen hat zwischen Israel und dem damals von Jordanien verwalteten palästinensischen Westjordanland. Völkerrechtlich gehört die Dormitio-Abtei also weder zu Israel noch zu einem künftigen Staat Palästina, und weil diese Position zwischen allen Fronten auch eine schöne Metapher ist für das Leben eines deutschen Mönchs in Jerusalem, hat Pater Nikodemus gleich mal einen Buchtitel daraus gemacht. "Zuhause im Niemandsland", das in diesen Tagen in Deutschland erscheint, handelt von einer doppelten Lebensentscheidung, einer zweifachen Berufung: Mönch zu werden - und in Jerusalem zu leben.

Pater Nikodemus hat für diese Entscheidung eine ziemlich einfache Erklärung: "Wer so verrückt ist, im 21. Jahrhundert Mönch zu werden, der kann es auch gleich in Jerusalem tun." Er lacht dabei, weil er gerne und viel lacht. Aber er meint es ernst. Kontemplation im Konfliktgebiet, die Quadratur des Glaubenskreises also, das ist der Weg seiner Wahl, und wenn manche das für ein wenig extrem halten, dann bestärkt ihn das nur. "Natürlich ist das nett in Deutschland, dass da keiner mit der Waffe rumläuft", sagt er, "aber tauschen will ich deshalb nicht." Jerusalem empfindet er als "intensiv", als "interaktiv", als "ständige Herausforderung". Seine Liebeserklärung gilt einer "komplizierten und vollkommen unberechenbaren Diva". Kurz gesagt: "Jerusalem steht für Drama."

Ein wichtiger Teil im Leben von Pater Nikodemus Schnabel ist der Gottesdienst in der Dormitio-Abtei. Von dort sind es nur Schritte in die Realität.

(Foto: Herbig)

Mit der Affinität zum Drama also wäre erklärt, warum ein junger Deutscher nach Jerusalem zieht. Doch was zieht ihn dann ins Kloster? Das Mönchsleben erscheint ja doch eher wie ein langer, ruhiger Fluss. Ora et labora, beten und arbeiten, arbeiten und beten, und so weiter und so fort. So stellt man sich das vor. "Das Kloster ist mein Standbein", sagt Pater Nikodemus, "und Jerusalem ist das Spielbein."

Der Vergleich aus dem Bühnenleben ist nicht zufällig gewählt. Aufgewachsen ist Pater Nikodemus, der damals noch Claudius Schnabel hieß, in einem Künstlerhaushalt. Die Mutter ist Schauspielerin, und auch er selbst hat schon früh auf der Bühne gestanden. Geboren in Stuttgart, acht Mal umgezogen, das sind die Eckdaten einer Jugend, in der er gelernt hat, sich immer wieder im neuen Niemandsland einzurichten. Mal haben sie in einem ehemaligen Schulhaus gewohnt, mal in einer Mühle mit niedrigen Decken, mal in einer umgebauten Fabrikhalle. Am Küchentisch saßen Künstler aus aller Welt, mit denen der Ziehvater über "Konkrete Kunst" debattierte und die neuesten Projekte besprach.

"Die katholische Volksfrömmigkeit fand ich faszinierend."

Gott spielte in dieser Welt eher eine Nebenrolle, von "diffuser Religiösität" spricht Pater Nikodemus. Immerhin war er getauft - evangelisch. "Das Kirchliche habe ich mir selbst erobert", erzählt er. In der Grundschule fing es an, mit einem weltoffenen katholischen Pfarrer und den Schwestern eines Waisenhauses, in dem er nach einem wieder mal erfolgten Umzug Freunde gefunden hatte. Mit ihnen saß er dann von Weihrauch umweht in der Sonntagsmesse. "Die katholische Volksfrömmigkeit und Ästhetik fand ich faszinierend", erklärt er, die evangelische Kirche erschien ihm dagegen "zu elitär, zu intellektualistisch".

Mit 13 Jahren wurde er katholisch, im Fuldaer Dom war er schon bald jeden Morgen vor der Schule bei der Frühmesse als Ministrant im Einsatz. "Ich mache keine halben Sachen", meint er dazu. Zur Abgrenzung vom Elternhaus trat er dann auch noch in die Junge Union ein und kaufte sich vom Ersparten einen Anzug samt Krawatte. Jugendgruppenleiter, Schülersprecher, Chefredakteur der Schülerzeitung - aktiv war er auf allen Ebenen. Kurzzeitig liebäugelte er mit einem Politikerleben, dann entschied er sich doch für die Kirchenlaufbahn und ein Theologiestudium. Alles mit Volldampf natürlich. "Ich dachte, die Kirche braucht mich, Gott braucht mich, die Welt braucht mich", sagt er. "Immer war ich der Jüngste, der Beste, der Schnellste - und eigentlich ein ziemlich arroganter Typ."

So kam er in Jerusalem an im August 2000 für ein Studienjahr bei den Benediktinern in der Dormitio-Abtei. Es war der Sommer, in dem in der Stadt die zweite Intifada ausbrach. Bei ihm brach der Morbus Bechterew aus, eine chronische rheumatische Erkrankung. Acht Symptome gibt es, er hatte sie alle auf einmal. "Das hat mich erst einmal voll ausgeknockt", erzählt er. Die "eigene Verwundbarkeit" hat er erfahren - es war ein Schock und eine Erschütterung der alten Gewissheiten. "Ich kam runter vom hohen Ross", sagt er. Es wurde klar, dass er wie bisher nicht weitermachen konnte. Er will das nicht auswalzen - "ich bin nicht hauptberuflich krank, und heute bin ich super eingestellt" -, aber die Krankheit sieht er als "Katalysator".

Kurze Wege: Für ökumenische Gespräche über Weltreligionen findet Nikodemus Schnabel (rechts) immer wieder eine Gelegenheit.

(Foto: Herbig)

Er trat aus dem Priesterseminar aus, zog um nach München, machte dort einen Abschluss als Diplom-Theologe. Zwei Monate danach stand er dann wieder an der Klosterpforte in Jerusalem: "Ich habe gemerkt, dass Jerusalem mich nicht loslässt, und ich hatte Heimweh ins Kloster." Am 17. April 2003 trat er ins Kloster ein, da war er 24 Jahre alt. "Zweimal lebenslang" bedeutet diese Entscheidung, die Benediktiner binden sich nicht nur an den Orden, sondern auch an ein spezielles Kloster.

Als die Schlacht um Gaza tobte, war er im Fernsehen der Mönch, der den Krieg erklärte

Als einer von 23 Mönchen lebt er seitdem auf dem Zionsberg, und er ist längst schon nicht mehr der Jüngste unter den Brüdern. Jeder hat seine Aufgaben, und natürlich hat er sich ziemlich viele Aufgaben aufgeladen. Er ist der "Außenminister" des Klosters, Seelsorger für alle deutschsprachigen Katholiken im Land und zugleich Pressesprecher. Als im Sommer 2014 die Schlacht um Gaza tobte, war er auf ziemlich vielen Fernsehkanälen als der Mönch präsent, der den Krieg erklärt. Überdies ist er innerhalb des Klosters als "Zeremoniar" zuständig für die Liturgie, und nebenher hat er noch promoviert.

Von einem Rückzug hinter Klostermauern kann also keine Rede sein. Pater Nikodemus lebt im Frontbereich - mit den ewigen Konflikten in dieser Stadt und auch den steten Zweifeln, die für ihn zum Mönchsleben dazugehören. "Jeder Gottsucher ist auch ein Ringender", sagt er, "und ich hoffe nicht, dass das aufhört. Nur die Baustellen wechseln." Als Baustelle aus früheren Zeiten nennt er das Zölibat, heute gehe es eher um Fragen wie Gehorsam, später vielleicht darum, nicht zynisch oder verbittert zu werden, "sich nicht zu verhärten im Guten". Sein Standbein wird er brauchen und sein Spielbein, um die Balance zu halten. "Ich könnte mir nicht vorstellen, als Mönch nicht in Jerusalem zu sein", sagt er, "aber auch nicht, in Jerusalem zu leben, ohne Mönch zu sein."