Historie Herr Hollywood

Es war ein Schwabe, der die Traumfabrik gründete - später rettete er Hunderten deutschen Juden das Leben. Jetzt wird der Filmpionier Carl Laemmle endlich gewürdigt.

Von Roman Deininger

Laupheim ist eine kleine Stadt in Oberschwaben, es ist ziemlich offensichtlich, dass von hier aus eine direkte Linie nach Ulm führt. Die Linie ist die Bundesstraße 30, zwanzig Minuten dauert die Fahrt. Es führt aber auch eine direkte Linie von Laupheim nach Los Angeles, und das ist außerhalb Laupheims nicht ganz so bekannt.

Eigentlich wollte er ein Billig-Kaufhaus eröffnen. Doch dann erwarb er ein Kino

In der Radstraße 9 weist eine Gedenktafel daraufhin, dass hier, in einem unscheinbaren Dreistockhaus, am 17. Januar 1867 Carl Laemmle geboren wurde. Dieser Laemmle hat die Linie von Laupheim nach Los Angeles gezogen. Vom Kaufmannssohn zum Hollywood-Gründer: eine schwäbisch-amerikanische Karriere, ein filmreifes Leben. Doch sein 100. Geburtstag 1967 wurde nicht mal in seiner Heimatstadt gefeiert. Carl Laemmle war in Deutschland lange ein großer Unbekannter.

Jetzt hat seine Wiederentdeckung begonnen. Zum 150. Geburtstag Laemmles in diesem Jahr widmet ihm das Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart eine große und erhellende Sonderausstellung, die noch bis zum 30. Juli zu sehen ist (Informationen unter: www.hdgbw.de).

Schwaben sind ja als fleißige Schaffer bekannt, Laemmle war da keine Ausnahme. Aber er war eben auch ein Träumer, mit Neigung zum realen Risiko - eine Kombination, die seinen wundersamen Aufstieg erst möglich machte. Seine größte Leistung freilich hat mit Kino nichts zu tun: In seinen letzten Lebensjahren verwendete er sowohl seinen Wohlstand als auch seine Zeit darauf, deutschen Juden zur Flucht vor den Nazis zu verhelfen.

Der Junge Karl wurde als zehntes Kind des Laupheimer Grundstückmaklers Judas Baruch Lämmle geboren, er besuchte die Lateinschule und absolvierte eine Kaufmannslehre; am liebsten indes las er Abenteuergeschichten: von Cowboys, Indianern und dem Wilden Westen. Als seine Mutter starb, hielt ihn nichts mehr. Er brach auf in sein eigenes Abenteuer.

Am 28. Januar 1884 bestieg der 17-Jährige in Bremerhaven das Segeldampfschiff Neckar. 16 Tage später ging er in New York von Bord, sein Gesamtvermögen belief sich auf 50 Dollar. Carl Laemmle - wie er sich aus Kulanz gegenüber seinen neuen Landsleuten nun nannte - verdingte sich als Zeitungsausträger, Drugstore-Bote, Erntehelfer, er teilte sich ein Zimmer mit einem Münchner Freund. Nach Jahren bekam er eine feste Stelle als Buchhalter bei einem kleinen Textilunternehmen - blöderweise nicht in New York, sondern in Oshkosh, Wisconsin. Laemmle arbeitete sich dort zum Geschäftsführer hoch. Doch sein Ziel war, sein eigenes Unternehmen zu haben - was das nun genau verkaufte, war für ihn eine zweitrangige Frage. Mit 40 Jahren, das hatte er sich vorgenommen, wollte er sein eigener Herr sein.

3000 Dollar hatte er gespart, und jetzt streifte er durch die Straßen von Chicago auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie, um ein Kaufhaus für Billigartikel einzurichten. Dann kam der Moment, der sein Leben veränderte und ein bisschen auch den Lauf der Filmgeschichte. Er blieb, so erzählte er es zumindest später, vor einem Haus stehen, vor dem sich eine Schlange von Leuten gebildet hatte. Er stellte sich auch an, und drinnen sah er zum ersten Mal bewegte, wild flackernde Bilder, von denen die Menschen um ihn herum offenbar gar nicht genug bekommen konnten.

Laemmle beschloss, das mit dem Kaufhaus sein zu lassen. Er setzte alles auf eine Karte. Er eröffnete stattdessen ein Kino, ein Nickelodeon: fünf Cent der Eintritt, ein Nickel. Er war 39 Jahre alt.

Bald gehörten ihm 50 Lichtspielhäuser. Der Geschäftsmann Laemmle bewies Voraussicht und Konsequenz. Er blieb nicht einfach Kinobetreiber, er wurde schnell auch Filmproduzent und Verleiher: Er hatte das ganze Geschäft in seiner Hand. "Hiawatha" hieß 1909 sein erster eigener Film - es war, natürlich, ein Indianer-Epos.

Laemmle unterschätzte das Kino auch nicht wie andere als raues Vergnügen für die Unterschicht. Er richtete bequeme Säle ein und lockte bürgerliche Familien an. Mit seinem Erfolg machte er sich jedoch einen mächtigen Feind: den Erfinder Thomas Alva Edison, der damals die wichtigsten Film-Patente besaß. Mit seinem "Edison Trust" beherrschte Edison die frühe Filmbranche - bis Laemmle sich auflehnte und den Trust vor Gericht niederrang.

New York war damals die Hauptstadt der jungen US-Filmindustrie. Laemmle fand das suboptimal: Das Wetter war ihm zu schlecht und die Gewerkschaft zu stark. In Kalifornien, glaubte er, ließen sich Filme viel einfacher und günstiger drehen. Nahe Los Angeles erwarb er eine 170 Hektar große Hühnerfarm; auf die Hühner hatte er es nicht abgesehen, aber er behielt sie für den Fall, dass sein eigentlicher Plan nicht aufging. Aber das tat er: Es entstand das größte Filmstudio der Welt, die Pyramiden wuchsen neben der Kathedrale Notre-Dame de Paris aus dem Boden. Die "Universal City" war auch die Mutter der Film-Vergnügungsparks. Am 15. März 1915 öffnete sie ihre Tore, 20 000 Leute kamen, auch Buffalo Bill schaute vorbei, der echte. Als Spezialeffekt ließ Laemmle einen Staudamm sprengen, was im wasserarmen Kalifornien durchaus eine verwegene Idee war. Hollywood war geboren.

Eigentlich wurde Hollywood sogar drei Mal geboren, denn das Marketing-Genie Laemmle wiederholte die Eröffnung wegen des großen Erfolgs ganz ungeniert noch zwei Mal. Er war ein Meister darin, Aufmerksamkeit auf Universal-Filme zu lenken: Für "Die schwarze Katze" veranstaltete er ein Katzen-Casting, bei dem Tausende Kalifornier dem kritischen Frankenstein-Star Boris Karloff ihre Miezen präsentierten. Bei anderer Gelegenheit streute er in den Zeitungen Gerüchte über den Tod seiner Hauptdarstellerin Florence Lawrence, die dann jedoch bei der Premiere sehr fit über den roten Teppich lief.

Laemmle produzierte Filme wie am Fließband, fast 10 000 waren es am Ende, und alle begannen mit der gleichen Einblendung: "Carl Laemmle presents". Der Mann maß nur 1,55 Meter, aber er war ein Gigant seiner Industrie. Seine Filme prägten die Standards der Branche, und sie prägten das Bild Amerikas in der Welt. Er spann sein Netzwerk fast rund um den Erdball. Und auch hier zeigte sich das schwäbische Cleverle: Die Filme der Universal passte er an die unterschiedlichen Märkte an: Im Stuttgarter Haus der Geschichte hängt etwa ein Plakat, auf dem das "Phantom der Oper" ganz klar ein Japaner ist.

Carl Laemmle war ein glühender Amerikaner geworden und zugleich ein stolzer deutscher Jude geblieben. Auch andere Hollywood-Bosse wie Adolph Zukor (Paramount) oder Louis B. Mayer (MGM) waren eingewandert, doch sie beeilten sich, die Spuren ihrer Herkunft zu tilgen. Laemmle blieb Laupheim innig verbunden; in Los Angeles hört er Schellackplatten mit dem Gesang aus der Laupheimer Synagoge. Fast jedes Jahr reiste er in die Heimat, traf Verwandte und Freunde im Wirtshaus Roter Ochse und besuchte das Grab der Eltern auf dem jüdischen Friedhof.

Im Ersten Weltkrieg schickte er Lebensmittelpakete nach Laupheim, aber er produzierte auch US-Propaganda-Filme gegen das Kaiserreich. "The Kaiser, the Beast of Berlin" zum Beispiel: Wilhelm II. zwirbelt diabolisch an seinem Bärtchen herum, während seine Hunnen Europa überrennen. In Deutschland stieß Laemmles Spagat zwischen alter und neuer Heimat auf Unverständnis, doch es gelang ihm, die Verstimmungen auszuräumen. In Laupheim wurde der reiche Onkel aus Amerika als Wohltäter gefeiert. Er richtete eine Stiftung ein, die "ohne Ansehen der Konfession" Arme unterstützte; er bezahlte den Bau einer Turnhalle und eines Schwimmbads. 1926 titelte der Laupheimer Verkünder: "Onkel Carl herzlich willkommen!"

Dann produzierte Laemmle "Im Westen nichts Neues". In den USA wurde die Remarque-Adaption, die grausam realistisch die Kriegserlebnisse junger deutscher Soldaten im Ersten Weltkrieg schildert, ein Triumph. Am 5. November 1930 gewann sie den Oscar für den "Besten Film". Die Goldstatue, die Lewis Milestone als "Bester Regisseur" erhielt, ist nun einer der Höhepunkte der Stuttgarter Ausstellung.

In Deutschland dagegen erhob sich ein nationalistischer Sturm gegen den Film, entfacht vom Berliner NSDAP-Gauleiter Joseph Goebbels. Der Herausgeber der Weltbühne, Carl von Ossietzky, schrieb, der Film sei "von einer fanatischen Pöbelgarde unter der Führung eines klumpfüßigen Psychopathen öffentlich terrorisiert" worden. Die Nazis verunglimpften "Im Westen nichts Neues" als Dolchstoß auf Zelluloid. Der Film wurde verboten; die Stadt Laupheim verleugnete Laemmles Ehrenbürgerwürde und montierte das Straßenschild der "Laemmle-Straße" ab. Ersetzt wurde es durch die "Schlageter-Straße" - Albert Leo Schlageter wurde von den Nazis als "erster Soldat des Dritten Reichs" verehrt. Laemmle war tief getroffen, 1931 reiste er zum letzten Mal nach Laupheim: "Ich habe alles für meine kleine Stadt getan, und jetzt gibt es keine Laemmle-Straße mehr." Die Verleumdung als Vaterlandsverräter sollte sich bis weit in die 70er-Jahre hinein halten, besonders in Laupheim.

In den 30er-Jahren riss auch Laemmles wirtschaftliches Glück ab. Zunächst hatte Sohn Julius, der sich gern als "Carl Laemmle Junior" vorstellte, mit Horrorwerken wie "Dracula" und "Frankenstein" die Erfolgsgeschichte der Universal fortgeschrieben. Dann verließ Senior wie Junior der Instinkt. Carl Laemmle erkannte zu spät, dass dem Tonfilm die Zukunft gehört. Die Weltwirtschaftskrise verstärkte die Probleme der Universal. 1936 war Laemmle gezwungen, sein Imperium zu verkaufen.

Doch er fand bald eine neue Berufung, die seine Tage und Nächte füllte. Während das übrige Hollywood-Establishment sich lange nicht mit Nazi-Deutschland anlegen wollte, ermöglichte Laemmle von 1936 an mit Bürgschafts-Erklärungen weit mehr als 300 Juden aus Laupheim und anderen deutschen Städten die Einwanderung in die USA. Das US-Generalkonsulat in Stuttgart musste einen Sekretär komplett für die Bearbeitung von Laemmles Anträgen abstellen. Dem US-Außenminister Cordell Hull schrieb Laemmle, es sei seine "heilige Pflicht" den "armen Unglücklichen" zu helfen. Er bekniete auch andere Hollywood-Größen wie den späteren "Ben Hur"-Regisseur William Wyler, Bürgschaften für Juden auszustellen.

Laemmle starb kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, am 24. September 1939 - voller Sorge ob des Grauens, das da in Europa heraufzog.

Während Laemmles Stern auf dem Hollywood Boulevard prangte, diskutierte man in Laupheim noch lange nach dem Krieg, ob er die Ehrenbürgerwürde der Stadt wirklich verdient habe. Als der Schriftsteller Thaddäus Troll Laemmle in seinem Buch "Deutschland deine Schwaben" würdigte, musste er sich aus Laupheim vorwerfen lassen, er habe der Stadt damit schweren Schaden zugefügt.

Er schrieb dem Minister, es sei seine "heilige Pflicht", den "Unglücklichen" zu helfen

Heute umarmt Laupheim seinen Laemmle. Das ist nicht zuletzt das Verdienst des 2015 verstorbenen Laupheimer Lehrers Udo Bayer, der eine Laemmle-Biografie und den schönen Bildband "Carl Laemmle. Von Laupheim nach Hollywood" verfasst hat (Hentrich & Hentrich, Berlin 2015). Bayer hat Laemmles Erbe mit wissenschaftlichem Ehrgeiz aufgearbeitet und von der Stadt, die einst die größte jüdische Gemeinde Württembergs beherbergte, die Erinnerung an ihren großen Sohn eingefordert. Er und seine Mitstreiter haben dabei alte und neue Ressentiments überwunden - mancher Bildungsbürger hielt die Gründung Hollywoods nicht eben für eine begrüßenswerte Sache.

1994 wurde schließlich das Gymnasium, an dem Bayer unterrichtete, in Carl- Laemmle-Gymnasium umbenannt. Heute heißt auch ein Platz nach ihm, auf dem wiederum ein Laemmle-Brunnen steht, bei dem das Wasser durchaus originell aus einem Filmprojektor fließt. Im Museum zur Geschichte von Christen und Juden gibt es eine Laemmle-Abteilung, die noch 2017 durch das Haus der Geschichte Baden-Württemberg neu gestaltet werden soll.

Und am 17. März wird im Schloss Großlaupheim erstmals der Carl-Laemmle-Preis vergeben. Geehrt werden soll jährlich das Lebenswerk eines Filmproduzenten; die Trophäe wird ein formschöner "Laemmle" sein. Die direkte Linie nach L.A. soll Laupheim zum Leuchten bringen: Oberbürgermeister Rainer Kapellen hofft, seine Stadt "als Filmstadt zu etablieren".

Groß denken, groß träumen - bei Laupheims Sohn Carl Laemmle hat das jedenfalls gut funktioniert.