Glaubensbekenntnis Red Haircrow

Warum die Deutschen so sehr für Native Americans schwärmen, aber die Vorurteile noch immer groß sind: Gedanken eines Wahl-Berliners.

Protokoll von Ronen Steinke

Dass die Deutschen so sehr schwärmen für uns Native Americans, amerikanische Ureinwohner, ist skurril, aber rührend. Das kommt wohl von Karl May. Bei ihm erscheinen Indianer als edle, kluge Krieger. Das ist zwar albern, aber immerhin besser als jene Vorurteile, mit denen uns europäischstämmige Leute in den USA oft begegnen. Dort hält man uns oft für faul und besoffen. Nur zu Fasching, da verzweifele ich jedes Jahr an den Deutschen. Ich gucke mich in Berlin um und sehe Kinder und sogar Erwachsene, die sich in Federschmuck, Lederfransen und Mokassins werfen. Plastik-Tomahawk in der einen Hand, Bierbecher in der anderen, Schminke im Gesicht. Es ist verblüffend. Dass sich jemand gelb anmalt und die Augen zu Schlitzen lang zieht, um einen Chinesen nachzuäffen, ist in Deutschland zum Glück nicht mehr üblich. Es käme auch niemand auf die Idee, sich aus Jux als orthodoxer Jude zu verkleiden. Aber Native Americans sind für die meisten Leute wohl Fantasiefiguren. Man denkt sich nichts dabei.

Ich bin im Gebiet der Cherokee zwischen Tennessee und Alabama aufgewachsen. Die Familie meiner Mutter gehört zwei Stämmen an, den Chiricahua Apache und den Cherokee. Heute meinen viele, mein Name, Red Haircrow, wirke wie aus einem Karl-May-Buch. In Wahrheit kommt der Nachname von meinem Vater, der Afroamerikaner war. Auf der Seite meiner Mutter heißen die Leute Smith und Lankford. Auch mein Vorname, Red, ist nicht traditionell. Das ist ein Spitzname, den ein Onkel mir gab, als ich klein war. Meine Haare waren rötlich.

Als junger Mann hatte ich andere Vorlieben als die Traditionen der Cherokee-Kultur. Es gab Pow-Wows in unserer Gegend, große Volksfeste mit traditionellem Tanz. Ich fühlte mich dafür eher zu cool. Erst als ich selbst Vater wurde, habe ich überlegt, ob ich unserem Sohn nicht die Kultur meiner Großeltern weitergeben möchte. Heute bete ich auch manchmal.

Native Americans haben keine Orte, die allein dem Gottesdienst dienen. Das würde einem Grundgedanken unserer Kultur widersprechen. Quintessenz ist, kurz gesagt: Alles verdient Respekt, weil alles zusammenhängt. Natur, Tiere, Menschen. Deshalb soll man nicht scharf trennen zwischen den Lebensbereichen. Deshalb betet man einfach zu Hause oder in der Natur. In den USA gibt es einige heilige Orte in der Natur, an denen man sich treffen kann, zum Beispiel Standing Rock. In Berlin habe ich so etwas natürlich nicht. Ich bete also im Wohnzimmer.

Es gibt bestimmte Richtungen, in die man bestimmte Gebete spricht. Zum Beispiel die Richtung des Sonnenaufgangs. Feste Gebetstexte aber gibt es weniger. Ich improvisiere eher. Wir beten zu Gottheiten, die Apachen zum Beispiel zu Ussen, dem Schöpfer der Welt. Aber daneben gibt es noch eine Vielzahl an Naturgeistern, denen auch Respekt gezollt wird. Manche Leute halten beim Beten die Hände nach oben. Knien, Kauern oder Verbeugen aber ist unüblich.

Der Schriftsteller Red Haircrow wurde 1972 als Sohn eines US-Soldaten in Deutschland geboren, wuchs in einem Cherokee-Gebiet auf und zog vor fünf Jahren nach Berlin